Headset-"Kampagnenkarte" von ödp-Buchner ein Desaster (Technik)

H. Lamarr @, München, Montag, 26.01.2015, 22:43 (vor 1783 Tagen)

Das Bild ist schön und gut, der Text aber ist fachlich ein Desaster!

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Wie kann so etwas passieren, dass ein langjähriger Mobilfunkgegner wie Klaus Buchner eine "Kampagnenkarte" fabrizieren lässt, die mit einer laienhaften Einschätzung versehen und so in doppelter Hinsicht falsch ist? So etwas passiert, wenn man sich seiner Sache so unerträglich sicher ist, dass man glaubt, sie nicht weiter prüfen zu müssen.

Also: Klaus Buchner gibt mit seiner Einschätzung eine landläufige Meinung wieder, wie sie gerne kolportiert wird, ohne den Wahrheitsgehalt zu hinterfragen. Gerüchte verbreiten nennt man so etwas.

Einwand 1: Der Text der Karte ist populistisch, schürt Ängste gegenüber Funkwellen. Der Text suggeriert, es gäbe ohne Gebrauch eines Handy-Headsets ein Krebsrisiko. Davon reden zwar Mobilfunkgegner und ihnen zugetane Wissenschaftler gerne und oft, die große Mehrheit der Wissenschaftler sieht jedoch bis heute keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Hirntumoren und Handynutzung. Die Faktenlage ist widersprüchlich, es gibt Hinweise auf ein Krebsrisiko, andere Hinweise sprechen klar dagegen. Wie die ödp damit umgeht ist verantwortungsloser Populismus, um ein paar Wählerstimmen unter Mobilfunkgegnern zu ergattern und als vermeintlicher E-Smog-Gesundheitswächter der Nation wahrgenommen zu werden.

Einwand 2: Jetzt kommt es dick für Klaus Buchner. Denn sein Tipp stimmt messtechnisch bestenfalls, wenn Handys im GSM-900-Band funken. Funken sie jedoch im GSM-1800-Band oder auf UMTS, was heutzutage an der Tagesordnung ist, dann kann der Gebrauch eines Headsets leicht schädlich sein. Denn bei UMTS- und besonders im GSM-1800-Band traten bei einer Untersuchung in Fällen, in denen das Headset-Kabel mit Abstand entlang des Körpers geführt wurde, eine Zunahme der maximalen SAR-Werte im Kopfbereich um Faktoren bis zu 2,5 auf. Mit Zunahme ist gemeint: verglichen mit dem Betrieb des jeweiligen Telefons im gleichen Frequenzband direkt am Ohr bzw. Kopf!

Und nun, Herr Buchner?

Sollte es also tatsächlich ein Krebsrisiko infolge Handygebrauch geben, der vermeintlich gute Rat von Klaus Buchner reduziert es nicht in jedem Fall, sondern kann es ebensogut beträchtlich erhöhen! Wann diese Erhöhung eintritt lässt sich nicht pauschal sagen, dies hängt vom Headset und vom Handy ab, es gibt verträgliche Kombinationen und schädliche, auch der Verlauf des Kabels spielt eine maßgebende Rolle. Eine Einschätzung ist praktisch nur nach messtechnischer Prüfung möglich. In solchen Zweifelsfällen ist es für Vorsorgfans immer besser auf Nummer Sicher zu gehen und auf kabelgebundene Headset zu verzichten! Womit die schöne Kampagnenkarte in den Müll gehört, will die ödp sich nicht dem Vorwurf aussetzen, wider besseren Wissens einen möglicherweise gesundheitsschädlichen Gesundheitstipp zu verbreiten.

Wozu, frage ich mich, hat das DMF rund 16 Mio. Euro in mehr als 50 Forschungsprojekte gesteckt, wenn Frontleute der Mobilfunkgegner die Ergebnisse nicht zur Kenntnis nehmen, sondern sich mit plausibel klingenden Mutmaßungen zufrieden geben? Das, was ich hier zum besten gebe könnte auch Herr Buchner wissen, könnte jedes ödp-Mitglied wissen und jeder Bundesbürger. Denn es ist kein Geheimwissen, es ist öffentlich verfügbares Wissen.

Funk ist das bessere Headset-Kabel
Das Problem kabelgebundener Headsets ist das Kabel zwischen Ohrhörer und Handy. Verläuft das Kabel ungünstig, koppeln Funkwellen in das Kabel ein, gelangen so komfortabel 1. Klasse bis ins Ohr und führen dort unter ungünstigen Randbedingungen zu der beschriebenen SAR-Wert-Zunahme. Doch es gibt eine Lösung, die leider von den sogenannten Experten der Anti-Mobilfunk-Szene in keiner Weise kommuniziert wird: Drahtlose Headsets. Die winzige Sendeleistung dieser Modelle führt im Ohr zu SAR-Werten an der Grenze der Nachweisschwelle, also verschwindend wenig. Und weil kein Kabel da ist, in das sich vagabundierende HF einkoppeln könnte, sind drahtlose Headsets die einzige Alternative für alle, die mit Headsets Vorsorge betreiben möchten.

Die ödp sagt von dieser Differenzierung nichts, sie polemisiert und schürt Ängste. Der Gedanke, ein funkgekoppeltes Headset könnte risikoloser sein als ein kabelgebundenes, kommt den Mobilfunk-"Experten" dieser Partei schon wegen prinzipieller Blockaden nicht in den Sinn.

Sicherheitshalber noch der Hinweis: Auch wer ein kabelgebundes Headset unter den geschilderten ungünstigen Umständen verwendet, muss nicht in Angst verfallen, denn selbst mit 2,5-facher SAR-Wert-Erhöhung ist der zulässige Grenzwert noch lange nicht erreicht. Nur wer auf eine vorsorgliche Minimierung seiner Funkimmission aus ist und häufig mit Headset telefoniert oder damit Musik hört (und ein Smartphone hat), der sollte auf ein drahtloses Hedaset wechseln. Der Hinweis auf Musikhören ist bei Smartphones von Bedeutung, denn diese Geräte gehen ohne Telefonat wesentlich häufiger auf Sendung (z.B. autom. E-Mail-Abruf, Software-Updates, Nachrichtenabruf, Bilder-Uploads ...) als gewöhnliche Handys.

Auf Klaus Buchners Website wird die Karte mit folgendem Begleittext angepriesen:

Mobilfunk-Strahlung Kampagnenkarte um immer mehr auf das Problem aufmerksam zu machen.

Ja, ja. Doch das Problem sind nicht etwa harmlose Mobilfunkwellen, sondern unqualifizierte Mobilfunkgegner, die glauben, sich mit Warnungen vor kleinen Wellen profilieren zu müssen. Womit ich schlussendlich bei meiner gegenwärtigen Lieblingsthese angekommen bin:

Das größte Problem der Anti-Mobilfunk-Szene ist ihr unqualifiziertes Führungspersonal.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
, Headset, Buchner, MdEP, Fehlerhaft, Kampagne, Aktivität


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