Psychologie: Wie Mobilfunkgegner ticken (Allgemein)

Gast, Dienstag, 03.04.2012, 01:02 (vor 3099 Tagen)

Viele Menschen glauben, ihr Gegenüber auf den ersten Blick einschätzen zu können. In Wahrheit liegen wir mit unserem Blitz-Urteil oft daneben - merken das aber kaum. In einem Spiegel-Artikel zeigt Autor Chaehan So einige Formen der Urteilsverzerrung auf. Das hilft seine eigenen Defizite besser kennen zu lernen und zu verstehen, wie Mobilfunkgegner ticken.

Hier ein paar Auszüge aus dem Artikel Mensch, was für ein Irrtum!

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So beurteilen die meisten von uns ihre Leistungen und Begabungen als überdurchschnittlich, egal auf welchem Gebiet: Wir halten uns etwa für klüger, kompetenter und attraktiver als das Mittelmaß - und eben auch für besonders gute Menschenkenner.

Wie die Psychologen Justin Kruger und David Dunning von der Cornell University 1999 in mehreren Experimenten zeigten, ist das Ausmaß der Selbstüberschätzung sogar umso größer, je inkompetenter man auf einem Gebiet ist. So beurteilten bei einem Grammatiktest die schlechtesten 25 Prozent der Probanden die eigene Leistung als ebenso überdurchschnittlich wie der Rest der Versuchsteilnehmer. Lediglich das beste Viertel zeigte Bescheidenheit: Sie unterschätzten ihre Leistungen etwas.

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Die Selbstüberschätzung geht Hand in Hand mit einem anderen psychologisch tief verankerten Irrtum: dem sogenannten Bestätigungsfehler - also der Tendenz, einmal bestehende Urteile immer wieder zu bestätigen, anstatt sie in Frage zu stellen. Der Kognitionspsychologe Peter Wason (1924 bis 2003) beschrieb diese mentale Fehleinschätzung bereits 1960 in einem seiner klassischen Experimente am University College London: Darin sollten seine Versuchspersonen beispielsweise raten, nach welcher Regel die Ziffernfolge 2-4-6 gebildet wurde. Die Probanden konnten sich an eigenen Reihen versuchen und bekamen zurückgemeldet, ob diese der zu findenden Regel entsprachen oder nicht.

Die meisten Versuchspersonen tippten im genannten Fall auf eine aufsteigende Zahlenreihe mit einem Intervall von zwei und führten daher Beispiele wie 4-6-8 oder 10-12-14 an, woraufhin sie stets positives Feedback erhielten. So kamen sie allerdings nicht auf die tatsächlich zugrunde liegende Gesetzmäßigkeit: eine beliebig aufsteigende Folge von Zahlen. Um das zu entdecken, hätten sie als Gegenprobe ungerade oder unregelmäßige Intervalle wie 2-5-8 oder 3-6-17 nennen müssen, was aber die wenigsten taten.

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Der Bestätigungsfehler ist auch für unser Gefühl verantwortlich, einen Menschen bereits nach dem ersten Kontakt richtig eingeschätzt zu haben. Denn bei weiteren Treffen fühlen wir uns immer wieder in diesem anfänglichen Urteil bestätigt. Schuld daran sind automatisiert ablaufende kognitive Prozesse, die alle neu beobachteten Verhaltensweisen mit unserer Erwartung abgleichen, ähnlich wie bei einem Puzzle. Die Lösung, die am Ende herauskommen soll, steht von vornherein fest. Wenn wir etwas beobachten, was nicht zu diesem Gefüge passt, legt unser Unbewusstes das Puzzleteil einfach beiseite. So bewahrheitet sich letztlich immer unser anfängliches Bild des anderen - und wir bleiben davon überzeugt, eine gute Menschenkenntnis zu haben.

Diese Illusion tritt auch deswegen so hartnäckig auf, weil wir unseren ersten Eindruck nur äußerst widerwillig ändern. Das konnte 2010 eine Studie der britischen Psychologin Natalie Wyer von der University of Plymouth zeigen. Ihre Versuchspersonen sahen das Foto eines jungen, kahlköpfigen Mannes namens Edward, der ihnen entweder als Krebspatient oder als Skinhead vorgestellt wurde. Erwartungsgemäß schätzen die Probanden ihn als feindseliger ein, wenn sie ihn für einen Skinhead hielten. Wenn sie danach weitere Informationen erhielten, die Edward in einem günstigeren Licht darstellten, änderten sie diese Meinung zwar - aber nur in Äußerungen, die sie bewusst tätigten.

In einem Test, der implizite, also unbewusste Einstellungen aufzudecken vermag, reagierten die Versuchspersonen weiterhin schneller auf negative Adjektive in Verbindung mit Edward als auf positive. Ihre Einschätzung Edwards als feindselig blieb also unverändert, obwohl sie objektive Informationen bekommen hatten, die ihrem ersten Eindruck widersprachen.

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Eine weitere Ursache für die eingebildete Menschenkenntnis ist der sogenannte fundamentale Attributionsfehler. Er besagt, dass wir die jeweilige Situation und die Umstände, unter denen eine Person handelt, oft ignorieren und den Grund für ein Verhalten stattdessen in der Person selbst suchen. Treffen wir zum Beispiel jemanden, der uns unfreundlich oder aggressiv behandelt, schieben wir das automatisch auf dessen Charakter. Äußere Faktoren, also beispielsweise ob diese Person gerade gestresst ist oder soeben eine belastende Nachricht erhalten hat, kommen uns dabei nicht in den Sinn.

Tags:
Elektrosmog-Phobie, Wahrnehmung, EHS, Psychologen, Selbstüberschätzung, Psychologie, Probanden, Fehleinschätzung, Dunning-Kruger-Effekt


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