Zitatsammlung Baubiologie Maes: Jetzt haben wir den Salat! (Allgemein)

spatenpauli @, München, Dienstag, 27. März 2012, 00:20 (vor 2009 Tagen)

Alarmierende Zitate sind in der Anti-Mobilfunkszene ein beliebtes Mittel, um noch unentschlossene Neuzugänge mit wenigen Worten aus dem Mund wichtiger oder unwichtiger Leute auf Kurs zu bringen. Doch kaum einer prüft die dargereichten Zitate nach, ob sie überhaupt stimmen. Dabei würde sich dies lohnen, wie folgendes Beispiel wieder einmal zeigt.

Ein Zitat zum Fürchten
"Die Fürsorge des Staates bleibt schnell auf der Strecke, wenn Verbände, Lobbyisten und Parteien mitmischen. Wer seine Gesundheit nicht gefährden will, setzt besser nicht auf Vater Staat."

Dieses Zitat findet sich auf diversen mobilfunkkritischen Seiten, die "Grünen" in Ingolstadt haben es auf ihrer Website und natürlich haben auch Baubiologen Gefallen an diesem Zitat. Derzeit bringen es rund 15 Websites im In- und Ausland (nur die Relevanten gezählt).

Die genaueste Quellenangabe des Zitats findet sich in der Sammlung "Zitate speziell zum Thema MOBILFUNK-SENDER", die der Baubiologe Wolfgang Maes bereits 2004 herausgebracht hat. Maes darf daher als Entdecker des Zitats gesehen werden, alle anderen haben es lediglich von ihm übernommen. Die Primärquelle des Zitats ist jedoch anderswo, nämlich:

"Öko-Test zum Thema Grenzwerte: "Trügerische Sicherheit" (März 2003)"

Schwierige Spurensuche bei Öko-Test
Wer nun versucht, sich das März-Heft von Öko-Test als PDF zu angeln, der wird eine böse Überraschung erleben. Ein solches PDF gibt es nicht. Und auch sonst ist im www das inzwischen neun Jahre alte Heft nicht zu bekommen, auch nicht bei Öko-Test.

Müssen wir also klein bei geben und Wolfgang Maes glauben, was er da zitiert? Nein, müssen wir nicht, denn es gibt noch so etwas altmodisches wie Bibliotheken. Das ist zwar unbequem, weil man sich dort hin bemühen muss. Doch weil wir den Baubiologen Maes schon einmal bei einer geradezu unglaublichen Verfälschung eines Zitats ertappt haben, gab es gute Gründe, sich zur Stadtbibliothek am Gasteig in München auf den Weg zu machen.

Zuerst gab es lange Gesichter: Denn wieder zuhause angekommen zeigte sich, dass die Jahrgangs-CD 2003 die Öko-Test-Artikel des Jahres 2002 enthält. Ich gratuliere dem, der diese extrem geistreiche Idee hatte! Der Weg war also umsonst, und fast wäre uns Herr Maes noch von der Schippe gesprungen. Glücklicherweise aber war mir meine Tochter noch einen Gefallen schuldig ...

Am Ziel eine Diplomoecotrophologin
Die Mühe sollte sich lohnen. Auf der richtigen CD fand sich tatsächlich der besagte Artikel. Geschrieben hat ihn Hella Hansen. Die Diplomoecotrophologin arbeitet seit Juni 2002 als Redakteurin bei Öko-Test im Ressort "Essen und Trinken". Frau Hansen hat viele Jahre Berufserfahrung als Journalistin und Redakteurin im Themenbereich Ernährung, Gesundheit, Kosmetik, Kinder- und Familie.

Klingelt's schon?

Auch diesmal hat Maes das Zitat verfälscht. Denn er hat zwei Sätze, von denen der eine am Anfang des Artikels steht, der andere am Ende, so zusammengemixt, als wären sie von Hella Hansen unmittelbar nacheinander hingeschrieben worden.

Doch das war nur die Vorspeise, jetzt kommt der Hauptgang!

Der Artikel hat mit Mobilfunk nicht das Geringste zu tun. Es geht dort um, - bitte anschnallen - Salat! Genauer gesagt um die Grenzwerte für den Nitratgehalt von Salat, die im Winter höher sind als im Sommer. Ja, richtig gelesen, saisonabhängige Grenzwerte für Nitrat in Salaten (Hansen: "Nitrat an sich ist noch nicht gefährlich, kann sich allerdings zu Nitrit oder Krebs erregenden Nitrosaminen umwandeln. Das ist auch der Grund, warum es Grenzwerte für Nitrat gibt."). Des Rätsels Lösung ist einfach: Im Winter wächst Salat in Gewächshäusern, dort wird mehr gedüngt und die Pflanzen bekommen nicht viel Sonne - beides steigert den Nitratgehalt. Und deshalb erlaubt der Gesetzgeber im Winter höhere Nitratwerte als im Sommer. Aus Sicht der Öko-Test-Redakteurin Hansen keine gute Idee.

Ob die Sichtweise von Frau Hansen richtig ist kann ich nicht beurteilen, ein Zitat aus ihrem Artikel über Salat-Grenzwerte jedoch in eine Sammlung mit dem Titel "Zitate speziell zum Thema MOBILFUNK-SENDER" zu entführen, das ist für mich Irreführung und Betrug am Leser. Wolfgang Maes ist eine der zentralen Figuren in der Anti-Mobilfunkszene. Sein Hang zum Manipulieren von Aussagen war mMn stilprägend für die Mobilfunkdebatte, in der die überwiegende Mehrheit der Mobilfunkgegner mit Halbwahrheiten, Lügen, haltlosen Behauptungen, Unterstellungen, Irrtümern und Falschmeldungen argumentieren - nicht wenige im guten Glauben, im Recht zu sein.

Und wozu das Ganze überhaupt?
Wem nicht klar ist, was Baubiologe Maes mit dem Zitat oben überhaupt bezweckt, hier eine kleine Interpretationshilfe: Mobilfunkgegner sind auf dem Feld der Fachkompetenz staatlichen Institutionen wie dem "Bundesamt für Strahlenschutz" (BfS) hoffnungslos unterlegen. Im Ringen um die Deutungshoheit, ob Mobilfunk krank macht oder nicht, können Mobilfunkgegner (inklusive Baubiologen) daher keine wichtige Rolle spielen. Damit aber wollen sich Drahtzieher unter den Sendemastengegnern nicht abfinden. Sie versuchen deshalb seit vielen Jahren gegenüber dem BfS und anderen fachlich überlegenen Organisationen Misstrauen zu wecken, um auf diese Weise dem Gegner die Wirkung zu nehmen. Denn was nützt einem alle fachliche Qualifikation, wenn auf anderer Ebene, dort wo Munkeln & Raunen wichtiger ist, die Integrität der Fachleute in Mitleidenschaft gezogen wird.

Das von Maes aus dem Zusammenhang gerissene Zitat will Zweifel an der staatlichen Fürsorge wecken. Die daraus resultierende Angst in der Bevölkerung ist für den Geschäftszweig "Elektrosmog" der Baubiologie ein elementar wichtiger Umsatzbringer: Je mehr Angst, desto mehr Aufträge.

Mehr zum Thema "Zweifel säen" in einem IZgMF-Beitrag vom Dezember 2011.

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Screenshot des Artikels "Trügerische Sicherheit" von Hella Hansen

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Maes, Journalisten, Ressort, Zitat, Strolche, Oeko-Test, Zitatverfälschung, Primärquelle, Knotenpunkt, Fachkompetenz, Verband-Baubiologie


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