Feindbildkonservierung: Telefonat mit einer Elektrosensiblen (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Freitag, 08.04.2011, 11:28 (vor 3142 Tagen)

Vor ein paar Tagen rief mich eine überzeugte EHS (54) an, sie sei auf der Suche nach einer strahlungsarmen Wohnung und hoffe, Vertreter von BIs könnten ihr dabei helfen. Den Schilderungen nach reagiert die Frau auf beides HF und NF, zu Lebrecht von Klitzing ins strahlungsarme Wiesenthal wolle sie aber nicht, da sie Zweifel hat, ob es ihr dort gefällt.

Im Laufe des etwa 30 Minuten dauernden Gesprächs wurde deutlich, die Norddeutsche ist bestens informiert, sie weiß über sämtliche Namen aus der Szene Bescheid und den bunten Strauß der Verschwörungstheorien, die dort kursieren. Auch diese EHS sieht sich als Sofortwahrnehmerin: Würde sie ein Stechen im rechten Hinterkopf spüren und sich dann in diese Richtung hin umdrehen, stünde dort ein Sendemast. Mehrfach sagte die Frau, sie sei empfindlicher als jedes Messgerät, sie brauche keinerlei messtechnische Bestätigung ihrer ungewollten Fähigkeit EMF zu spüren und sie wolle derartige Gespräche (mit Zweiflern) eigentlich schon gar nicht mehr führen.

Warum ich das Posting überhaupt schreibe liegt an zwei "Erkenntnissen":

1) Die Frau klang geraume Zeit durchaus plausibel und vernünftig. Ein Arzt etwa hätte ins Grübeln kommen können. Mittendrin kamen dann aber Behauptungen, die alles zum Einsturz brachten. So klagte die Frau z.B. über ihre (böse) Nachbarin, wegen der sie 2006 elektrosensibel wurde ("... die knallte immerzu mit Absicht die Türen"). Diese Nachbarin, so die EHS, würde nämlich (durch die Wände hindurch) ihre Elektrogeräte so zerstören, dass diese nicht mehr funktionierten.

2) Die arbeitslose Frau hält sich für eine Auserwählte, eine im Sinne des hl. Lazarus leidende Wahrnehmerin, und sie hat anscheinend ihr Leben darauf abgestimmt. Als ich leise Zweifel an ihrer Wahrnehmungskunst anmeldete, reagierte sie ungehalten und mutmaßte, ich wäre - wörtlich - von der "Gegenseite". Dieses Wort hat Signalcharakter: EHS sind gut "vernetzt" und sehen sich feindlichen Mächten gegenüber (Gegenseite), denen sie widerstehen müssen. Was dazu zu tun ist, wird intern (Netz) wie eine Ware herumgereicht. Dieses Modell ist für EHS sehr praktisch, denn wer nicht nur andächtig zuhört und beipflichtet, sondern kritisch nachfragt, der lässt sich mit einem Federstrich auf die "Gegenseite" verschieben, dort wo die "Ungläubigen" sind - und damit ist die Welt des EHS auch schon wieder in Ordnung. Selbst das Klagen über die Gegenseite ergibt so einen Sinn, denn nur Druck erzeugt Gegendruck. Erst die Existenz einer "Gegenseite" gibt den EHS den Glauben, sie würden wahrgenommen und (aus wirtschaftlichen Gründen) unterdrückt. Tatsächlich komme ich immer mehr zu der Einsicht, dass diese "Gegenseite" in Wirklichkeit gar nicht (mehr) existiert, weil sich auch die Wissenschaft allmählich vom Thema EHS abwendet. Daher müssen inzwischen schon verständnisvolle und lange Zeit friedfertige Teilnehmer wie "Doris" künstlich zu "Gegnern" erklärt werden, damit das sich auflösende Feinbild weiterhin personifiziert werden kann. Auch die krampfhaften Versuche, in jedes Wort von Prof. Lerchl irgendeine böse Absicht hinein zu interpretieren, sind mMn unter diesem Aspekt der Feinbildkonservierung zu sehen. Das schlimmste, was aggressiven EHS passieren kann, ist gemäß dieser Überlegung der Verlust des Feindbilds.

Den dringenden Wunsch, an ihrer "subjektiv empfundenen Notlage" grundsätzlich etwas zu ändern, indem versucht wird, mit simplen Bordmitteln eine Objektivierung der ungewollten Fähigkeit herbei zu führen, konnte ich bei meiner Gesprächspartnerin nicht feststellen. Die eigene Fähigkeit wird überhaupt nicht in Frage gestellt, erst darauf aufbauend wird mit ziemlich viel Aufwand daran gearbeitet, die Folgen der (vermeintlichen) Fähigkeit irgendwie in den Griff zu bekommen. So hat auch diese Frau z.B. ein eigenes Messgerät, sogar ein teures von G...z, wie sie sagte, vermittelt übrigens von - nein, nicht von "Charles", sondern von der Bürgerwelle.

Die unerträgliche Gewissheit, der Starrsinn, mit der überzeugte EHS sich selber als EHS sehen, ist mMn der Hauptgrund dafür, warum diesen Menschen die Akzeptanz verwehrt wird. Ich spürte deshalb auch aggressive Regungen und bewundere die (z.B. Ärzte), denen bei derartigen Gesprächen keine unfreundlichen Vokabeln in den Sinn kommen. Auch meine Gesprächspartnerin war schon bei einem Psychodoc. Der aber sagte ihr gleich, dies könne so nicht sein, deshalb sei sie mittendrin aufgestanden und gegangen.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Elektrosmog-Phobie, EHS, Selbstdarstellung, Objektivierung, Feindbild, Notlage, Starrsinn


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