Radiobeitrag: Was leistet die sog. Naila-Studie? (Forschung)

KlaKla, Dienstag, 23.11.2004, 15:29 (vor 7151 Tagen) @ KlaKla

MOBILFUNK - Was leistet die sog. Naila-Studie? Von Martin Schramm

BAYERISCHER RUNDFUNK - Redaktion Wissenschaft/Hörfunk
in: IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
Sendedatum: 19.11.2004, ab 18.06 Uhr (Programm Bayern2Radio)
Wiederholung:
In: Aus Wissenschaft und Technik
Sendedatum: 21.11.2004, ab 13.35 Uhr (Bayern5 aktuell)

Sind Anwohner in der Nähe von Mobilfunksendeanlagen einem erhöhten Risiko für Neuerkrankungen an bösartigen Tumoren ausgesetzt? Das hatte ein Ärzteteam in Naila untersucht. Die Ärzte verglichen die Daten von knapp 1000 Patienten über eine Zeitraum von 10 Jahren. Das Ergebnis: die Zahl der Neuerkrankungen an Krebs sei im 400-Meter-Umkreis eines Mobilfunk-Senders deutlich erhöht. Selten sorgte eine Studie für so viel Aufsehen wie die sogenannte Naila-Mobilfunk-Studie. Seit Monaten geistert sie durch die Medien - doch kaum jemand bekam sie je zu Gesicht. Inzwischen ist die Studie publiziert. In der Zeitschrift "Umwelt, Medizin,Gesellschaft", die vom Ökologischen Ärztebund herausgegeben wird.

Gesprächspartner:
Prof. Dr. Rainer Frentzel-Beyme, Abteilungsleiter am Zentrum für Umweltforschung der Bremer Universität
HD Dr. Joachim Schüz, Institut für Med. Biometrie, Epdemiologie
und Informatik, Johannes Gutenberg Universität

Manuskript

Anmoderation: Eine Mobilfunk-Studie aus Oberfranken hat im Sommer viel Staub aufgewirbelt. Ein Ärzte-Team aus Naila bei Hof hatte zehn Jahre lang tausend Patienten untersucht und erklärt, die Zahl der Neuerkrankungen an Krebs sei in 400 Meter Umkreis eines Mobilfunksenders deutlich erhöht. Wer die Studie überprüfen wollte, bekam sie allerdings nicht zu sehen, selbst Bundesumweltminister Jürgen Trittin nicht. Alles was Fachwelt und Politik zu Gesicht bekam, war eine dürre Folienpräsentation. Inzwischen aber ist die Studie publiziert in der Zeitschrift 'Umwelt, Medizin, Gesellschaft' herausgegeben vom Ökologischen Ärztebund'.

Martin Schramm bilanziert: Der Befund aus Naila schien eindeutig und alarmierend. Doch was nun auf sieben Seiten Papier erschienen ist, birgt eher Zweifel an Methodik und Aussagekraft:

Kritik und Störquellen
Die Hauptkritik: die tatsächliche Strahlenbelastung der Patienten wurde nicht gemessen.
Für Joachim Schüz, Epidemiologe an der Uni Mainz, ein entscheidendes Manko:
Joachim Schüz (O-Ton): "Es ist so, dass man hier eine Methodik gewählt hat, mit der es auch sehr schwierig ist, zu belastbaren Ergebnissen zu kommen. Das heißt, viele Personen, die eigentlich dicht dran wohnen, sind in Wirklichkeit keinen höheren Feldern ausgesetzt; dafür gibt es allerdings auch Personen im weiteren Umkreis, die im Gegensatz dazu höheren Feldern ausgesetzt sind, z.B. durch Fernsehen, Radio, durch innerhäusliche Quellen, - wie auch das Schnurlostelefon. Und deshalb ist es unheimlich schwer zu beurteilen, was man eigentlich mit dieser Aufteilung - 400 Meter dicht dran an einer Basisstation, bzw. mehr als 400 Meter entfernt - wirklich misst."

Weitere Kritik: Mögliche Störgrößen wurden nicht berücksichtigt. Rauchen, falsche Ernährung, Übergewicht und Beruf. Waren diese Faktoren im Innen- und Außenbereich wirklich gleich oder kam es zu Verzerrungen?

Hinweise oder Beweise
Die Naila-Studie kann bestenfalls Indizien liefern, dass Mobilfunk möglicherweise das Krebsrisiko erhöht. Das betont auch Prof. Rainer Frenzel-Beyme. Er ist Abteilungsleiter am Zentrum für Umweltforschung der Uni Bremen und unterstützt die Studie.

Prof. Frenzel-Beyme (O-Ton): "So wie die Studie angelegt wurde, kann sie es natürlich nicht beweisen. Sie kann nur sagen: hier ist eine offene Frage und das hängt möglicherweise mit dem Mobilfunkmast zusammen, weil der der einzige Risikofaktor im Moment in dieser Studie, die wir erhoben haben, ist. Man kann alles wegdiskutieren, wenn man will. Das kann man! Und das ist mir eben auch aufgefallen. Leute, die eben nicht wollen, dass es einen Zusammenhang gibt, die finden natürlich immer Kritikpunkte. Und andere, die diesen Zusammenhang suchen, dass er bestätigt wird, die sagen sich auch: na jetzt haben wir ja solch eine Studie. Das scheint ja doch was dran zu sein."

Martin Schramm: Nur, das möglicherweise ein Risiko besteht, ist wirklich nicht neu. Ob elektromagnetische Felder Krebs auslösen, wird längst untersucht. Für Wissenschaftler wie Joachim Schüz spielt die Naila-Studie daher eine untergeordnete Rolle.

Joachim Schüz (O-Ton): "Das heißt, wenn man mal die Aussagekraft von Naila jetzt betrachtet, - eine Studie, die allein statistisch orientiert ist und das mit einer Expositionsabschätzung, von der man letztendlich nicht belastbar sagen kann, was gemacht wurde, spielte bei einer Gesamtbewertung eigentlich keine große Rolle. Selbst wenn man mutmaßt, dass Krebserkrankung mit Mobilfunk zusammenhängt, gibt es da eine Reihe anderer Studien, die deutlich bedenklicherer Natur sind."

Martin Schramm: Gefragt ist eine ganze Kaskade an Studien, die sich ergänzen. Vor allem auch Tier- und Zellversuche. Im Oktober 2000 startete dazu eines der weltweit wohl größten Forschungsvorhaben: die sogenannte ‚Interphone-Studie', koordiniert von der WHO. Dort will man klären, ob die regelmäßige Handy-Nutzung das Risiko erhöht, an einem Gehirntumor zu erkranken. Ergebnisse werden in einem halben Jahr erwartet.

Wissenschaft und Frust
Schnelle, einfache Antworten liefern die Mobilfunk-Studien bisher also nicht. Und am Ende ist die Suche nach der Wahrheit nicht nur für viele Normalbürger anstrengend. Sie ist auch für Wissenschaftler ein hartes Geschäft.

Joachim Schüz (O-Ton): " Also diese Frustration der Bevölkerung, die teilen wir auch als Wissenschaftler zum Teil. Denn Uns wäre es natürlich auch lieber, wenn wir mit unseren Studien nicht immer neue Fragen aufwerfen, sondern auch Fragen mal beantworten können. Weil immer, wenn man dachte, man hat jetzt ein Risiko gefasst, es wieder Studienergebnisse gab, die den früheren widersprochen haben. Und eigentlich kann man der Bevölkerung nur empfehlen, die Ruhe zu bewahren. Denn bisher spricht die biologische Evidenz eher dagegen, dass es zu einem Anstieg des Krebsrisikos kommt. Aber mehr Entwarnung als das, also einen Nullbeweis, den kann die Wissenschaft sowieso nicht liefern."

- Ende -


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Eingestellt durch Klaus Klawitter. Geschrieben von jemanden, der nicht genannt werden möchte. Vielen Dank für die Mühe!

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Meine Meinungsäußerung

Tags:
Seilschaft, Naila-Studie, Eger, Frentzel-Beyme, Verbandszeitschrift, UMG


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