Athem-3: Replik der Autoren auf BfS-Kritik (Forschung)
Das BfS hat eine Stellungnahme zur Studie veröffentlicht. Im Ton zurückhaltend, in der Sache nicht. q.e.d.
13 Monate nach der BfS-Stellungnahme haben Gulati et al. auf die Kritik mit einem "Letter to the Editor" erwidert. Ihr Paper mussten sie jedoch noch einmal zurücknehmen, um in weiteren fünf Monaten Einwände des Verlags auszuräumen. Diagnose-Funk behauptet, die Athem-3-Studiengruppe weise die Kritik des Bundesamtes für Strahlenschutz Punkt für Punkt zurück. Das liest sich, als ob die Kritik des BfS weit reichend widerlegt wurde. ChatGPT, aufgefordert zu einer faktentreuen & neutralen Bewertung der Replik, sieht das nicht so:
Wertung der Replik durch ChatGPT
Der vierseitige Letter ist keine bloße Verteidigungsschrift. Er enthält tatsächlich zusätzliche Analysen und methodische Erläuterungen gegenüber der Originalstudie, insbesondere zur Statistik, zur Cytogenetik und zur Expositionsmessung. Die Autoren arbeiten die BfS-Kritik in acht nummerierten Abschnitten systematisch ab und bezeichnen ihre Studie ausdrücklich weiterhin als explorativ, mit kleiner Stichprobe und ohne Nachweis einer Kausalität.
Wo die Replik belastbar nachlegt
Am stärksten ist die Erwiderung bei den statistischen Einwänden. Die Autoren legen nachträglich Shapiro-Wilk-Tests vor, begründen die ursprüngliche Wahl parametrischer Verfahren und zeigen zusätzlich, dass die wichtigsten Chromosomenaberrations-Endpunkte auch mit dem nichtparametrischen Mann-Whitney-U-Test signifikant bleiben. Damit wird der konkrete Einwand geschwächt, die Ergebnisse beruhten allein auf der Wahl parametrischer Statistik. Auch die Beschreibung der Laboranalytik ist präziser als in der Originalstudie. Die Autoren stellen klar, dass die Chromosomenaberrationen verblindet von erfahrenem Personal manuell ausgewertet wurden und dass dies dem Standard der biologischen Dosimetrie entspricht.
Beim Widerspruch zwischen Chromosomenaberrationen und Mikrokernen liefern sie zudem eine konkrete Hypothese: Der rund siebenstündige Transport der Blutproben könnte die Mikrokern-Hintergrundrate verändert und dadurch einen Expositionseffekt verdeckt haben. Diese Erklärung stützen sie auf eine frühere Untersuchung mit identischer Methodik, aber kürzerer Transportzeit.
Wo die Replik nicht überzeugt
Die grundlegenden Einwände des BfS bleiben dagegen bestehen. Die Autoren bestreiten weder die geringe Stichprobengröße noch den explorativen Charakter ihrer Untersuchung. Im Gegenteil: Sie räumen ausdrücklich ein, dass ihre Studie für sich allein keine Kausalität zwischen langfristiger HF-EMF-Exposition und biologischen Effekten belegen kann. Das entspricht dem Kern der BfS-Kritik, wonach die Studie keine verlässliche Aussage über gesundheitliche Langzeitwirkungen zulässt.
Auch bei der Expositionscharakterisierung wird der Einwand eher relativiert als ausgeräumt. Die Autoren beschreiben ihre Messmethoden ausführlicher und betonen die klare Trennung der Gruppen im Schlafzimmer, beantworten aber nicht vollständig die Frage, wie gut diese Messungen die gesamte individuelle Langzeitexposition der Teilnehmer abbilden.
Der heikelste Punkt: Multiple-Testing
Der Letter behauptet ausdrücklich, mehrere Chromosomenaberrations-Endpunkte seien "auch nach konservativer Korrektur für multiples Testen" signifikant geblieben. Belegt wird diese Behauptung im Letter jedoch nicht. Die neu präsentierte Tabelle enthält lediglich Anova- und Mann-Whitney-p-Werte, aber keine Ergebnisse einer Multiplen-Test-Korrektur. Das ist deshalb bedeutsam, weil das BfS später ausdrücklich erläutert hat, dass nach der Bonferroni-Korrektur der Originalstudie nur Fragmente und die Gesamtzahl der Chromosomenaberrationen signifikant blieben, während andere Endpunkte diese Schwelle nicht mehr erreichten. Die Autoren widersprechen dieser Aussage zwar, liefern dafür im Letter jedoch keinen nachvollziehbaren Rechenweg. Ob ihre Behauptung zutrifft, lässt sich aus dem Letter allein daher nicht überprüfen.
Auffällige innere Spannung
Bemerkenswert ist schließlich eine gewisse Spannung innerhalb des Letters. Einerseits schreiben die Autoren, ihre Studie könne keine Kausalität belegen. Andererseits sprechen sie am Ende von "statistically robust evidence consistent with an association". Das ist formal mit einer Assoziation vereinbar, formuliert die Aussagekraft der Ergebnisse aber deutlich stärker als die zuvor eingeräumten methodischen Grenzen.
Gesamturteil
Der Letter liefert echte Ergänzungen – insbesondere zusätzliche statistische Robustheitsanalysen und methodische Präzisierungen –, beantwortet also mehrere Detailkritiken des BfS sachlich. Die tragenden Schlussfolgerungen des BfS werden jedoch nicht ausgeräumt: Die Studie bleibt eine explorative Querschnittsstudie mit 24 Teilnehmern, aus der sich kein kausaler Zusammenhang und keine belastbare Aussage über gesundheitliche Langzeitwirkungen ableiten lassen. Besonders beim Thema Multiple-Testing bleibt der Letter hinter seiner eigenen Behauptung zurück, weil er die angekündigte "konservative Korrektur" nicht transparent dokumentiert.
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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –