Falsche Schlüsse (291): Okinawas Hundertjährige (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 02.04.2025, 20:27 (vor 1 Tag, 7 Stunden, 50 Min.) @ H. Lamarr

Gelegentlichen Medienberichten zufolge soll es auf Okinawa, Japan, geradezu von Hundertjährigen und Älteren wimmeln. Ganz besonders in dem Dorf Ōgimi. In den vergangenen zwölf Monaten fragte zum Beispiel der „Tagesspiegel“ in seiner Überschrift: „Die Insel der Hundertjährigen – warum werden Menschen auf Okinawa so alt?“; die Rheinpfalz titelte: „Okinawa und das Geheimnis der Hundertjährigen“; der „Stern“ schreibt vom „Schlüssel zu einem langen Leben“ und dass besonders viele Hundertjährige auf Okinawa leben sollen, ebenso wie tagesschau.de – wenngleich dort auch Kritik an dem Narrativ erwähnt wird. Gemeinsam haben alle Beiträge, dass sie dieselbe Quelle für die Behauptung nennen: den US-Journalisten Dan Buettner. Doch an dessen Glaubwürdigkeit gibt es Zweifel, denn bereits 2003 erschien ein Artikel im „Asia Pacific Journal of Public Health“, der zwar beschreibt, dass bis Ende der 1990er Jahre die Lebenserwartung in Okinawa tatsächlich eine der höchsten in Japan gewesen sei. Allerdings sei dies nun nicht mehr der Fall, die Präfektur sei im landesweiten Ranking nicht mehr über dem Durchschnitt. Tatsächlich gelten seit 20 Jahren die Menschen auf Okinawa weder als die Ältesten in Japan, noch als die Gesündesten: Sie haben das geringste Einkommen im Land und die höchste Rate an Übergewicht.

Ein Kritiker der Okinawa-Legende ist der Londoner Forscher Saul Newman. In einer viel beachteten Studie kommt er zu dem Schluss, dass die häufigste Ursache für ein besonders hohes Alter in den sogenannten „Blauen Zonen“ mangelnde Aktenführung sei. „Ich habe 80 Prozent der Menschen, die weltweit vermeintlich über 110 Jahre alt sind, ausfindig gemacht (die anderen 20 Prozent stammen aus Ländern, die man nicht sinnvoll analysieren kann). Fast keiner von ihnen hat eine Geburtsurkunde“, sagte er gegenüber spektrum.de. mehr ...

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –


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