171 Seiten Fachwissen Selbsthilfegruppe Elektrosmog (Elektrosensibilität)

H. Lamarr, München, (vor 5 Tagen)

Auf der Website der Selbsthilfegruppe Elektrosensibilität Winterthur ist ein Schatz vergraben. Denn die Site hosted eine derzeit 171 Seiten umfassende Sammlung "Fachwissen SHG Elektro-Smog Winterthur". Den Begriff "Fachwissen" würde ich nicht unbedingt in den Mund nehmen. Stattdessen sehe ich das PDF als einzigartige Dokumentation dessen, was im Milieu überzeugter Elektrosensibler tatsächlich behauptet, empfohlen und weitergegeben wird.

Zu haben ist das PDF mit diesem Link. Und wenn auch einiges darin reichlich abgedreht anmutet, so gewinnt die Sammlung Sympathien bei mir wegen des einleitenden Vorbehalts, die Dokumentation bestehe überwiegend aus persönlichen Rückmeldungen, diese seien subjektiv und könnten sich sogar widersprechen. Die Selbsthilfegruppe unterscheidet sich damit wohltuend von sogenannten "Schutzorganisationen", denen derlei selbstkritische Äußerungen völlig fremd sind.

ChatGPT bekam von mir den Auftrag, die 171 Seiten zu sichten und Spannendes zu extrahieren. Anschließend das Ergebnis der KI.

1. Besonders interessant: Die DAB+-Geschichte

Das dürfte ein lohnender Prüfkomplex sein. Ein Elektroingenieur behauptet unter anderem: DAB+-Sender hätten teilweise 50–100 kW pro Kanal; die Leistung sei gegenüber UKW um bis zu Faktor 80 gestiegen; am Säntis seien etwa 300 kW im Spiel; DAB+ sende permanent; die Signale gingen wegen der niedrigen Frequenz besonders gut durch Beton; amtliche Exposimeter würden DAB+ teilweise nicht korrekt erfassen; ein "10-Hz-Takt" sei gesundheitlich problematisch.

Derselbe Abschnitt enthält konkrete Messanweisungen, etwa Spektrumanalysator, 174–230 MHz und Channel-Power-Messungen. Das ist für eine Faktenprüfung viel interessanter als bloßes "5G ist gefährlich". Hier gibt es konkrete technisch überprüfbare Behauptungen, teilweise mit Zahlen.

2. Noch besser: Die Sammlung enthält ihre eigene Gegenargumentation

Bei Smart Metern findet sich beispielsweise die Behauptung, PLC-Signale könnten eine "Netzverschmutzung" 300–500 m weit verursachen. Unmittelbar danach wird diese Aussage von einer anderen Person als unrealistisch bezeichnet; die effektive Ausbreitung beschränke sich auf wenige Meter. Das ist Gold wert, weil man hier nicht erst einen Gegner suchen muss. Die Gruppe dokumentiert selbst den Widerspruch. Ähnlich ist es bei der Frage, wie häufig Smart Meter tatsächlich funken: Am Ende heißt es ausdrücklich, man habe darauf bisher "nirgends eine richtige Antwort" bekommen.

3. Die BAKOM-Antwort ist vermutlich eine der wertvollsten Passagen im ganzen PDF

Die Gruppe stellt eine Anfrage an das BAKOM mit einer Reihe von Behauptungen über angeblich ständig funkende TV-Boxen, Fernbedienungen und Router.
Die Antwort des BAKOM vom 4. November 2024 ist bemerkenswert nüchtern:
- Geräte dürfen verkauft werden, wenn sie die geltenden Normen einhalten;
- TV-Boxen können in der Regel per Ethernet betrieben werden;
- WLAN kann bei Routern abgeschaltet werden;
- Fernbedienungen senden nur beim Tastendruck;
- Maus/Tastatur können bei geeigneten TV-Geräten die Fernbedienung ersetzen;
zugleich bestätigt das BAKOM, dass es inzwischen kaum noch Geräte ohne irgendeine drahtlose Kommunikation gibt. Das ist deshalb interessant, weil man damit Behauptung und amtliche Antwort unmittelbar nebeneinander hat.

4. Die "Skynet"-Passage ist ein echter Fund
Auf den Seiten 141–146 wird aus Bluetooth LE praktisch eine globale Kontrollinfrastruktur gemacht. Dort steht unter anderem, Smartphones könnten auch bei ausgeschaltetem Zustand BLE-Daten senden und empfangen; BLE-Mesh könne Kontaktverfolgung ermöglichen, Geräte kontrollieren und schließlich sogar aus dem Weltraum über Satelliten gesteuert werden. Die Quelle ist Patrick Wood bzw. "Technocracy News & Trends".

Besonders interessant ist aber die Vermischung von realer Technik und spekulativer Schlussfolgerung: Die technischen Grundlagen - BLE, Mesh-Netzwerke, Wearables, Datenaustausch - sind reale Dinge. Daraus wird anschließend eine "Skynet"-Infrastruktur mit zentraler Befehlsgewalt konstruiert. Das wäre ein sehr schönes Beispiel für einen IZgMF-Beitrag über die Frage: Wie aus realer Funktechnik eine Verschwörungserzählung gebaut wird.

5. Auch die PV-/"Dirty-Power"-Geschichte ist ergiebig

Hier wird behauptet, Wechselrichter von Photovoltaikanlagen würden das Stromnetz über weite Entfernungen mit hochfrequenten Störungen "verseuchen", und zwar "ausnahmslos". Am Ende seien spezielle Netzfilter für einen fünfstelligen Eurobetrag eingebaut worden, danach sei "alles gut".

Interessant ist die anschließende Messdiskussion: Es werden Greenwave-/Stetzer-Geräte, EMI-Meter, TP450, Netzanalysator und Oszilloskop erwähnt. Außerdem wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es Wechselrichter gebe, die relativ "sauber" seien. Das könnte man technisch sauber auseinandernehmen: Was wird überhaupt gemessen? Was ist eine Netzrückwirkung? Was ist eine HF-Komponente? Was misst das jeweilige Gerät? Und was folgt daraus - und was gerade nicht?

6. Der Smart-Meter-Teil bringt richtige und falsche Ausgangspunkte

Beispielsweise wird korrekt dokumentiert, dass Smart Meter je nach System über Glasfaser, ADSL, Mobilfunk oder andere Wege kommunizieren können. Daneben stehen Behauptungen wie: "Der Bundesrat hat verordnet, dass jede Viertelstunde eine Datenübertragung stattfindet." Und daraus wird eine rechtliche Schlussfolgerung konstruiert.

Das ist genau die Sorte Passage, bei der sich eine Primärquellenprüfung des Schweizer Rechts lohnt.
Besonders brauchbar: An anderer Stelle wird sogar korrekt festgehalten, dass ein Bundesgerichtsentscheid gegen einen Smart Meter nicht wegen der Strahlung, sondern aus Datenschutzgründen erging.

7. Und dann gibt es natürlich die Kuriositäten

Die Sammlung geht ziemlich weit:
- Wasseradern sollen sich bei technischen Strahlen um das 3,5-Fache erhöhen.
- "Links drehende" Wasseradern seien problematisch, rechtsdrehende könnten positive Energie liefern.
- Schungit wird als Schutzstein diskutiert, wobei im selben Abschnitt ein anderer Autor erklärt, Schungit könne die Strahlung sogar verstärken.
- Eine "Bemer-Matte" soll nach einer HF/MF/NF-Exposition innerhalb von 16 Minuten verkrampfte Zehen wieder normalisiert haben.
- Es wird behauptet, 5G könne die Sauerstoffaufnahme des Körpers verhindern.
- Und es gibt die Empfehlung, Implantate möglichst entfernen zu lassen, Kabel auf dem Boden "unordentlich" liegenzulassen und keine LED-Leuchtmittel zu verwenden.

ChatGPTs Eindruck

Das eigentlich Spannende ist die Struktur des Dokuments. Es ist weniger eine Sammlung belastbarer Erkenntnisse als eine Art Primärquelle für das Weltbild einer EHS-/Elektrosmog-Selbsthilfegruppe. Darin liegen aber sehr viele überprüfbare technische, medizinische und rechtliche Einzelbehauptungen. Für das IZgMF würde ich das Material deshalb nicht pauschal als "Unsinnssammlung" behandeln. Wertvoller wäre eine Sortierung in etwa:
- technisch plausibel bzw. korrekt
- technisch falsch
- medizinische Behauptung ohne Beleg
- persönlicher Erfahrungsbericht
- nachprüfbare Rechts-/Behördenbehauptung
- Verschwörungserzählung bzw. spekulative Erweiterung
- interner Widerspruch
Gerade die DAB+-Passage, PV/Dirty Power, Smart Meter und BLE-"Skynet" erscheinen mir als die vier ergiebigsten Fundstellen. Dazu kommt die BAKOM-Korrespondenz, weil dort die Behauptungen der Gruppe unmittelbar einer amtlichen Antwort gegenüberstehen.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Selbsthilfegruppe, Winterthur

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