Masterarbeit: 5G und die "epistemische Ungerechtigkeit" (Forschung)
Die Schweizer 5G-Debatte unter der Lupe: Silvia Hirschi untersucht nicht, ob 5G krank macht, sondern wer im Streit um 5G gehört wird. Interessant ist das durchaus. Noch interessanter sind allerdings Methode und Grenzen der Untersuchung, deren Fokusgruppen aus anfangs 19 organisierten Mobilfunkgegnern des Alpenstaates bestanden.
Eine 2025 publizierte Masterarbeit der University of Edinburgh widmet sich der Schweizer 5G-Debatte. Der Titel lautet "Global innovation machine or dictatorship of technology? A critical exploration of the 5G debate in Switzerland". Autorin ist Silvia Hirschi, Master of Science in "Social Justice and Community Action".
Wer jetzt eine neue Studie erwartet, die endlich beweist, wie gefährlich 5G ist, sollte die Erwartungen allerdings etwas herunterdrehen. Denn das untersucht die Arbeit nämlich nicht. Es geht um Macht, politische Beteiligung, Diskurse und die Frage, wessen Wissen im Streit um 5G als legitim gilt.
Was wurde überhaupt untersucht?
Hirschi stellt im Wesentlichen zwei Fragen: Wie unterscheiden sich die Argumentationsmuster von Staat, Telekommunikationsindustrie und "Stop 5G"-Aktivisten? Und welche Möglichkeiten haben die von 5G betroffenen Bürger, sich politisch einzubringen?
Dafür wurden Texte aus drei Bereichen untersucht: Schweizer Staat, Telekommunikationsindustrie und "Stop 5G"-Aktivisten. Aus jeder Kategorie wurden jeweils zwei Texte ausgewählt. Diese sechs Texte wurden mit einer "Critical Discourse Analysis" nach Fairclough ausgewertet. Zusätzlich gab es drei Fokusgruppen mit insgesamt 19 "Stop 5G"-Aktivisten. Die Gespräche fanden im August 2024 statt und dauerten jeweils etwa eine Stunde.
Das ist also eine qualitative Diskursanalyse. Gemessen, bestrahlt oder epidemiologisch ausgewertet wurde hier nichts.
Staat und Industrie: 5G als Fortschrittsprogramm
Bei Staat und Telekommunikationsindustrie erkennt Hirschi einen gemeinsamen wirtschaftlich-technologischen Deutungsrahmen. 5G werde als Voraussetzung für Digitalisierung, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und technologischen Fortschritt dargestellt. Bürger erschienen dabei häufig als Konsumenten, Nutznießer oder Empfänger von Informationen.
Die staatliche Kommunikation interpretiert die Autorin außerdem als "scientific discourse", der die bestehende risikobasierte Gesundheitspolitik legitimiert. Bei der Industrie erkennt sie eine Verbindung aus wissenschaftlicher und werblicher Kommunikation, die ihrer Interpretation nach dazu beitragen kann, mögliche negative Aspekte von 5G aus dem Blickfeld zu rücken. Das ist eine diskursanalytische Interpretation. Die Arbeit weist damit nicht nach, dass Staat und Industrie bewusst eine gemeinsame Manipulationsstrategie betreiben. Sie analysiert, wie deren Texte wirken und welche Diskurse darin erkennbar sind.
Und was machen die "Stop 5G"-Aktivisten?
Hier findet Hirschi erwartungsgemäß ein ganz anderes Framing. Die Aktivistentexte stellen die etablierte wissenschaftliche und politische Deutungshoheit infrage und propagieren eigene "counter-knowledges". Dazu kommen die beiden großen Themen "Democracy deficit" und "Prioritizing precaution over progress".
In den Fokusgruppen tauchen ähnliche Muster auf: Aktivisten berichten von lokalen Einsprachen, Petitionen, juristischer Mobilisierung und dem Versuch, eine Gegenöffentlichkeit aufzubauen. Die Autorin beschreibt diese Aktivitäten als "counter-power".
Auch gesundheitliche Argumente kommen vor. In einem untersuchten Aktivistentext heißt es beispielsweise, 5G sei hinsichtlich biologischer Wirkungen nicht ausreichend untersucht und deshalb ein "gigantic experiment". Die Dissertation analysiert solche Aussagen als Bestandteil eines aktivistischen "injustice frame".
Hier sollte man den Rotstift ansetzen: Denn dass eine Aktivistengruppe eine solche Behauptung aufstellt, ist noch lange kein Beleg dafür, dass die Behauptung wissenschaftlich richtig ist.
Die große These: "epistemic injustice"
Das zentrale Konzept der Arbeit lautet "epistemic injustice", also eine Ungerechtigkeit bei der Anerkennung von Wissen. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Staat und Industrie aufgrund ihrer institutionellen Stellung und ihrer anerkannten Expertise über eine größere Definitionsmacht verfügen. Aktivisten müssten dagegen ihre "counter-knowledges" erst legitimieren, bevor sie politisches Gehör finden könnten. Hirschi interpretiert dies als Marginalisierung der "epistemic agency" der Aktivisten.
Parallel dazu sieht sie eine "representative injustice": Bürger würden auf der politischen Ebene teilweise zu Konsumenten, Nutznießern oder Informationsempfängern gemacht. Gleichzeitig würden Entscheidungen über 5G auf nationaler und internationaler Ebene getroffen, während Betroffene vor Ort nur begrenzte Einflussmöglichkeiten hätten.
Damit wird aus der 5G-Frage in der Dissertation letztlich vor allem eine Demokratiefrage. Das darf man interessant finden. Man sollte aber auch wissen, dass genau diese Perspektive von Anfang an im Forschungsdesign steckt.
Wie belastbar sind die Ergebnisse?
Hier ist die Arbeit erfreulich offen. Hirschi beschreibt ihren Forschungsansatz ausdrücklich als kritisch und nicht wertfrei. Sie selbst ist Aktivistin, hatte eine lokale Kampagne gegen die Standortplanung von Mobilfunkmasten initiiert und bezeichnet ihre politische Orientierung als kritisch gegenüber neoliberalen Demokratien. Sie räumt ein, dass diese Position die Wahl des Forschungsproblems und des Designs beeinflusst hat.
Auch die Stichprobe ist alles andere als repräsentativ. Die 19 Teilnehmer der Fokusgruppen wurden aus dem "Stop 5G"-Umfeld rekrutiert. Sie waren überwiegend aus der Mittelschicht und relativ viele waren gut ausgebildete Fachleute. Befürworter von 5G nahmen an den Fokusgruppen nicht teil.
Die Autorin schreibt deshalb selbst unmissverständlich, dass die Ergebnisse nicht generalisierbar sind. Sie bezeichnet die Untersuchung als eine Momentaufnahme eines sich schnell entwickelnden Forschungsfeldes. Eine größere und repräsentative Untersuchung mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen wäre erforderlich. Auch methodisch handelt es sich nicht um eine unabhängige quantitative Bewertung der vorgebrachten Gesundheitsargumente. Die Untersuchung fragt, wie Akteure argumentieren und welche Macht- und Wissensstrukturen sich darin erkennen lassen. Sie entscheidet nicht, ob die jeweiligen biologischen oder gesundheitlichen Behauptungen richtig oder falsch sind.
Was bleibt also von der Arbeit?
Durchaus einiges – wenn man sie nicht zu dem macht, was sie nicht ist.
Die Dissertation liefert einen Einblick in die Selbstwahrnehmung und Argumentationsmuster der Schweizer "Stop 5G"-Bewegung und stellt diese den untersuchten staatlichen und industriellen Diskursen gegenüber. Sie zeigt, dass der Konflikt nicht ausschließlich über Technik und Gesundheitsrisiken geführt wird, sondern auch über politische Beteiligung, Vertrauen, Expertenautorität und die Frage, wer bei Infrastrukturentscheidungen mitreden darf.
Als Beleg dafür, dass 5G gesundheitsschädlich ist, taugt die Arbeit dagegen nicht. Dafür fehlt schlicht das entsprechende Untersuchungsdesign. Und noch etwas ist bemerkenswert: Die Autorin fordert selbst weitere Forschung mit einem repräsentativen, interdisziplinären Ansatz, der unterschiedliche Gruppen und Perspektiven miteinander vergleicht. Das ist vermutlich die nüchternste Lehre aus dieser Dissertation: Wer wissen will, wie Akteure im 5G-Streit argumentieren, bekommt hier interessantes Material. Wer wissen will, ob die gesundheitlichen Behauptungen über 5G wissenschaftlich zutreffen, muss anderswo suchen.
Oder, etwas weniger akademisch formuliert: Eine Diskursanalyse kann zeigen, wer "Wir werden alle verstrahlt!" ruft. Sie kann damit aber noch lange nicht beweisen, dass wir tatsächlich verstrahlt werden.
Hintergrund
Aufruf bei Gigaherz zur Teilnahme an der Masterarbeit