Phonegate Alert vs. iPhone 12: wilder Papiertiger (Allgemein)
Anti-Mobilfunk-Vereine leben vom Dramatisieren und von der Übertreibung. Das lässt sich an den Vereinen in Deutschland und der Schweiz mühelos beobachten. Dass französische Anti-Mobilfunk-Vereine nicht seriöser unterwegs sind, demonstriert der Verein Alerte Phonegate mit seinen krachenden Medienmeldungen. Wir schauen uns das mal an einem Beispiel an.
Kein Monat vergeht, ohne dass Alerte Phonegate sich mit einer Medienmitteilung in Englisch, Französisch und Spanisch als Fels in der Brandung inszeniert. Wobei die Brandung stets von irgendwelchen vermeintlich erschütternden Begebenheiten in der Mobilfunkdebatte ausgeht. Die jüngste Medienmeldung der Franzosen datiert vom 2. März 2026 und startet mit einer Siegesmeldung:
Under legal pressure from Alerte Phonegate, the French National Frequency Agency (ANFR) has finally been forced to release the full test report for Apple’s iPhone 12. This technical document, completed in July 2022 by the German laboratory Cetecom Advanced, details the non-compliant Specific Absorption Rate (SAR) “limb” measurements (5.615 W/kg) that led to the phone’s withdrawal in 2023. Until now, it had remained confidential.
[Übersetzung: Aufgrund des rechtlichen Drucks von Alerte Phonegate sah sich die französische Funknetzagentur ANFR schließlich gezwungen, den vollständigen Testbericht für das iPhone 12 von Apple zu veröffentlichen. Dieses technische Dokument, das im Juli 2022 vom deutschen Labor Cetecom Advanced fertiggestellt wurde, enthält detaillierte Angaben zu den nicht konformen Messwerten der spezifischen Absorptionsrate (SAR) an den Gliedmaßen (5,615 W/kg), die 2023 zum Verkaufsverbot des Telefons geführt haben. Bis jetzt war der Testbericht vertraulich geblieben.]
Weiter heißt es in der aufgeregten Medienmitteilung, es habe länger als 1'500 Tage gedauert, seit das Smartphone im November 2021 für den Test beschafft wurde, bis die Agentur das 63-seitige Dokument veröffentlichte. Diese Veröffentlichung sei ohne offizielle Mitteilung seitens der ANFR erfolgt, das entsprechende Dokument sei Ende letzter Woche heimlich in die öffentliche Datenbank der ANFR eingepflegt worden.
Als Beweis, dass der fragliche Testbericht jetzt tatsächlich frei verfügbar ist, liefert Phonegate Alert in seiner Medienmitteilung den folgenden Link mit:
👉 Click here to view the full iPhone 12 test report (July 2022)
Soweit der Sachverhalt, wie ihn Alerte Phonegate schildert.
Fiktion & Realität
ANFR ist in Frankreich für die staatliche Überwachung des Marktes HF-emittierender Gerätschaft zuständig, die Behörde prüft daher seit 2012 mit Stichproben, ob Smartphones die erlaubte Strahlenbelastung von Anwendern einhalten. Regelmäßig stellt ANFR dabei Grenzwertüberschreitungen fest. So war es faktisch ein Routinefall, als sich die Agentur 2023 das iPhone 12 vorknöpfte und feststellte, dass von drei Grenzwerten einer überschritten wurde. Mit Apple ging den Franzosen jedoch nicht wie sonst ein weitgehend unbekannter Anbieter aus Fernost ins Netz, sondern erstmals ein weltbekannter Hersteller von Premium-Smartphones. Das sorgte weltweit für Medienrummel. Mehr dazu hier.
Apple wehrte sich gegen das Testergebnis und machte geltend, dass beim Testen die im iPhone 12 eingebaute Schutzschaltung "Body Detect" nicht hinreichend berücksichtigt wurde. Diese Funktion soll die Sendeleistug des Smartphones automatisch reduzieren, sobald sie erkennt, dass das Gerät nicht z.B. auf einem Tisch liegt, sondern von einem Menschen in der Hand gehalten wird. Nach längerem hin und her bestand ANFR jedoch weiter auf der Grenzwertüberschreitung und erhielt dafür auch die Rückendeckung der EU-Kommission. Details zu dieser spannenden Auseinandersetzung sind hier zu finden.
Alerte Phonegate erkennt in der Schutzschaltung "Body Detect" ein betrügerisches Manöver von Apple, um SAR-Messwerte zu manipulieren. Sichtbar wird diese überzogene Interpretation der Fakten in einer weiteren Medienmitteilung des Vereins. Mit Forderungen nach einer Untersuchung der Regulierungsvorgänge rund um "Body Detect", mit einer Misstrauensbekundung gegenüber ANFR und der Forderung nach einem vorsorglichen Rückruf von Smartphones mit ähnlichen Schutzschaltungen wie "Body Detect", falls deren Hersteller die Schritte zur Deaktivierung der Schutzschaltung nicht preisgeben wollten, überspannte Alerte Phonegate jedoch den Bogen. Die EU-Kommission ließ dem Verein im Februar 2026 mitteilen, dass sie nicht länger bereit sei, mit ihm die Causa "Body Detect" weiter zu erörtern. Alerte Phonegate reagierte auch auf diese rote Karte mit noch einer Medienmitteilung.
Vier Testberichte, statt einem
ANFR veröffentlicht seit Beginn seiner SAR-Messungen die Testergebnisse von Grenzwertsündern auf dieser Webseite. Die Berichte sind in der Tabelle dort nicht leicht zu finden, da die Tabelle groß ist und die Links zu den Testberichten in der letzten Spalte stehen. Um die Links sichtbar zu machen, muss man entweder der Abbildungsmaßstab auf weniger als 50 % reduzieren oder den unscheinbaren waagerechten Scrollbalken am unteren Bildrand finden und nach rechts schieben.
Die Testberichte sind alle vom selben Testlabor nach dem gleichen Schema angefertigt, berücksichtigen inhaltlich jedoch spezifische technische Angaben des jeweils gemessenen Smartphones. Momentan zeigt die Tabelle 75 Zeilen mit den Angaben nicht konformer Smartphones. Bei gegenwärtig acht Smartphones fehlt ohne Begründung der Link zum Testbericht. Betroffen sind je 1 Gerät der Marken TP Link, Leagoo, Allview, Sony, Hotway, Lenovo, Crosscall und Dogee. Alerte Phonegate kümmert sich um keinen dieser acht Fälle, sondern setzt alles auf die Karte Apple.
Das Apple iPhone 12 taucht in der Tabelle 2-Mal auf, einmal mit dem Zusatz 5G und einmal ohne. Die beiden Links zu den Testberichten sind jedoch identisch und führen in ein Verzeichnis COM054210042, das nicht etwa den einen Testbericht von 2022 enthält, den Alerte Phonegate verlinkt, sondern vier Testberichte (PDF-Format) unterschiedlichen Datums. Da ANFR an dieser Stelle jedoch das Datum nennt, an dem das PDF ins Verzeichnis eingefügt wurde, ist die Zuordnung zum Testzeitpunkt erst nach Sichtung möglich. Der Testbericht, den auch Alerte Phonegate verlinkt, ist im Verzeichnis der mit Datum 2026-02-25:
1-6460_23-30-03..._________'_2023-09-28
NAN-COM054210042-01..._____2022-02-18
NAN-COM054210042-02..._____2026-02-25
NAN-COM054210042-03..._____2025-12-17
Anscheinend wurde 2026 nur der eine Testbericht hinzugefügt, den Alerte Phonegate so inständig über 1'500 Tage hinweg erwartet hat. Was an diesem Testbericht substanziell anders ist, als bei den anderen Testberichten, die seit 2022 in dem Verzeichnis lagern, hat sich mir nicht erschlossen. Auch ChatGPT konnte zwischen den drei NAN-Testberichten keinen substanziellen Unterschied feststellen. Lediglich der Testbericht 1-6460_23-30-03... ist anders, er enthält Dinge, die in den NAN-Berichten entweder gar nicht oder nur eingeschränkt vorkommen. Deshalb ist es unverständlich, warum Alerte Phonegate nicht diesen Bericht intensiver prüfen möchte, sondern den belanglosen Bericht NAN-COM054210042-02..., nur weil dieser von ANFR so lange zurückgehalten wurde. Unklar ist, warum Alerte Phonegate sich dann nicht an dem ähnlichen Bericht NAN-COM054210042-03... erquickte, der schon im Dezember 2025 veröffentlicht wurde.
Insgesamt wirkt das Gezeter reichlich konstruiert, das Alerte Phonegate um den angeblichen iPhone-12-Skandal veranstaltet. Marc Arazi, Präsident des Vereins, scheint hier einen Feldzug aus persönlichen Motiven zu führen. Konnte er 2023 noch auf Unterstützung aus der Anti-Mobilfunk-Szene zählen, steht er mittlerweile ziemlich allein da und weist Parallelen zu dem ehemaligen Gigaherz-Präsidenten Hans-U. Jakob auf. Auch Jakob hat Themen wie die "Mogelpackung Anlagegrenzwerte", die er unbeirrt seit Jahrzehnten vertritt, denen aber niemand sonst folgen möchte. Auch der Drang, sich mitzuteilen, ist ihnen gemeinsam sowie der Umstand, beruflich mit Funktechnik nicht das geringste zu tun zu haben: Jakob war Elektriker, Arazi hat Medizin studiert, ob er je praktiziert hat, geht im Dunst des Internets unter.
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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –