Diagnose-Funk: Das vorgebliche Warnke-Interview (Allgemein)
Am 5. Februar 2026 verspricht der Stuttgarter Anti-Mobilfunk-Verein Diagnose-Funk auf seiner Website ein Interview mit dem betagten Ex-Mobilfunkkritiker Dr. Ulrich Warnke. Ein Interview ist (laut Duden) ein von einem Berichterstatter mit einer meist bekannten Persönlichkeit geführtes Gespräch, in dem diese sich zu gezielten, aktuellen Themen oder die eigene Person betreffenden Fragen äußert. Doch was immer auch Warnke und der angebliche Interviewer Peter Hensinger da veranstaltet haben, die authentische Wiedergabe eines natürlichen Gesprächs ist es nicht.
Der Witz bei einem Interview ist, dass gesprochene Antworten des Befragten möglichst unverfälscht wiedergegeben werden. Abhängig von den verbalen Fertigkeiten eines Befragten lässt sich diese Linie nicht immer einhalten, wie hier an einem willkürlich herausgegriffenen schlechten Beispiel eindrücklich nachzulesen ist. Um das Schlimmste zu verhindern, greift dann bei der redaktionellen Nachbearbeitung ein Redakteur schon mal zugunsten des Befragten ein und biegt einen grausam verbogenen Satz nachträglich ohne Sinnverfälschung zurecht. Viel mehr darf nach einem live geführten Gespräch mit der Konversation jedoch nicht passieren. Ein unaufmerksamer Redakteur kann einem Interview aber auch unabsichtlich Authentizität rauben, indem er beispielsweise hört, wie der Befragte "zum Beispiel" sagt, er diese Äußerung gewohnheitsmäßig jedoch auf "z.B." verkürzt zu Papier bringt. Schon das wäre eine Verfälschung, denn "z.B." hat der Befragte nicht gesagt.
Im Angesicht des Bildschirms
Gäbe es im angeblichen "Warnke-Interview" nur ein verräterisches "z.B.", wäre dies so belanglos, dass dieses Posting nicht geschrieben worden wäre. Doch in dem Text gibt es sehr viele andere Hinweise, dass es sich nicht um ein live geführtes Gespräch, sondern um einen redaktionell vorbereiteten Schriftwechsel handelt, der den Lesern als "Interview" verkauft wird. Dieser Eindruck wird am Textende verstärkt mit der Verabschiedung "Lieber Herr Warnke, Danke für das Interview [...]" und dem Hinweis "Das Interview führte Peter Hensinger". Doch von einem "Gespräch" ist bezeichnenderweise an keiner Stelle die Rede.
Wie unprofessionell der Verein mit dem "Interview" umgegangen ist, macht das Eingeständnis deutlich "Quellenangaben von diagnose:funk eingefügt". Das muss man sich mal vorstellen: Warnke antwortet auf Fragen Hensingers und weil es dem so gefällt, fügt Hensinger Quellenangaben zu Warnkes Antworten hinzu. Aus meiner Sicht ist dies Dilettantismus pur. Denn a) haben Links und Quellenangaben in einem Interview nichts zu suchen und b) wenn doch, dann hat allein der Befragte und nicht der Interviewer das Recht, diesen Stilbruch zu begehen. So aber entsteht der Eindruck, Diagnose-Funk führe Warnke vor, als wäre dieser nicht imstande, seine Behauptungen zu belegen.
An scheinbar wahllos herausgegriffenen Textpassagen hat der Layouter des "Interviews" so viel Gefallen gefunden, dass er diesen Passagen – und nur diesen Passagen – die bei Diagnose-Funk gebräuchliche Formatierung für wörtliche Zitate gegeben hat. Was will uns der Layouter damit sagen und was bedeutet dies für die Textpassagen ohne diese Formatierung? Keine Antwort.
Der Sprachstil Warnkes ist bemerkenswert einheitlich und formell, seine Antworten bestehen fast durchgehend aus langen, strukturierten Absätzen mit Fachtermini. Jede Antwort liest wie ein schriftlich ausgearbeiteter Fachtext. Zwischentöne, spontane Nachfragen oder Pausen fehlen komplett. Jede Frage und die zugehörige Antwort steht für sich allein – es gibt kaum Folgerungen oder Rückbezüge auf vorher Gesagtes. Das deutet auf einen Fragenkatalog Hensingers hin, den Warnke abgearbeitet hat. Das wäre nicht weiter schlimm, würde der Verein dies offen einräumen und nicht krampfhaft den Eindruck erwecken, Hensinger und Warnke hätten ein anstrengendes Arbeitstreffen gehabt und beide wären danach noch gemeinsam auf ein Glas Kakao in die Milchbar um die Ecke gegangen.
Warum nur?
Warum hat Diagnose-Funk den 81 Jahre alten Warnke überhaupt zum "Interview" gebeten? Der Mann ist eine Entdeckung des untergegangenen hese-Projects gewesen. Er schied 2010 bei der Universität des Saarlands aus und beschäftigt sich seither weniger mit Mobilfunk, als mit Quantenphilosophie und Interwelt. Auch Peter Hensiger hat auf meine Frage wahrscheinlich keine überzeugende Antwort, formuliert er in seinem Fragenkatalog doch eine rhetorische Figur, die kernig mit "Das Bundesamt für Strahlenschutz beharrt darauf: Die Grenzwerte schützen!" beginnt, dann jedoch ganz und gar ohne Frage an den Befragten verendet. Karl Valentin würde über das Interview mutmaßlich urteilen: "Es ist schon alles gesagt. Nur noch nicht von jedem."
Hintergrund
Fußabdruck von Ulrich Warnke im IZgMF-Forum
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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –