Wir üben Desinformieren (20): in die Irre führen (Allgemein)
Leute mit gezielt missverständlichen Formulierungen aufs Kreuz legen und dennoch die Hände in Unschuld waschen zu können, ist kein Privileg organisierter Mobilfunkgegner, sondern Alltag. Reingefallen ist diesmal Teilnehmer "Leser" im Gigaherz-Forum. Er tratscht eine verkleidete Neuigkeit weiter, die in Wahrheit Schnee von gestern ist.
Am 28. Juni 2026 brachte "Leser" im Gigaherz-Forum die aus seiner Sicht bemerkenswerte Meldung:
Technischer Durchbruch: China bringt Satellitenanrufe auf gewöhnliche Smartphones
Anrufe über Satellit auf ein gewöhnliches Smartphone sind in China nun Realität geworden – das Tech-Unternehmen Spacesail meldete einen erfolgreichen Test: Erstmals gelang ein vollwertiger Sprachanruf direkt über Satellit auf einem handelsübliches Smartphone.
Weiter: https://de.rt.com/asien/284126-durchbru ... lgreicher/
Hinweis: Der Link zu de.rt.com ist schon im Originalposting von "Leser" tot. Das macht aber nichts, da für unsere Zwecke der Begleittext zum Link genügt und sich bei Bedarf weiterführende Informationen leicht googlen lassen.
Jede Wette, "Leser" brachte die Meldung, weil er glaubt, die Kommunikation gewöhnlicher handelsüblicher Smartphones mit Satelliten sei ein technischer Durchbruch.
Das aber stimmt nicht. Denn hinter dem angeblichen Durchbruch steht die Direct-to-Cell-Technik (DTC) und die gibt es schon seit etwa 2023, mit kommerzieller Nutzung durch Starlink in den USA seit 2025. Partner von Elon Musk und DTC-Dienstanbieter ist dort T-Mobile US. Angeblich fliegen für Starlink bereits 650 DTC-Satelliten um die Erde und den Dienst soll es bereits in 22 Ländern geben. Viel darf man vom DTC-Dienst aber nicht erwarten, im Internet surfen ist (noch) eine Illusion, die Datenübertragungsraten reichen für SMS und Telefonate in terrestrisch nicht versorgten Gebieten von Flächenstaaten wie USA, Brasilien, Kanada, Russland oder China.
Womit "Leser" übertölpelt wurde, zeigt der Satz "Anrufe über Satellit auf ein gewöhnliches Smartphone sind in China nun Realität geworden". Heißt: Auch China hat jetzt einen DTC-Dienst in Erprobung, dort ist diese Technik tatsächlich noch neu, ein technischer Durchbruch ist DTC jedoch nicht mehr.
So funktioniert DTC
Wie aber kann es sein, dass ein handelsübliches 08-15-Smartphone einen Satelliten erreicht? Das liegt erstrangig daran, dass DTC-Satelliten besonders niedrige Erdumlaufbahnen in der Gegend von minimal 350 km über Grund haben. Auch diese Entfernung ist jedoch eine technische Herausforderung. Allerdings nicht fürs Smartphone, sondern für die Satelliten. Denn die müssen mit sehr empfindlichen HF-Eingangsstufen und großen Richtantennen ausgestattet sein, um die nach etwa 350 km Strecke äußerst schwachen Smartphonesignale noch hinreichend auswerten zu können. "BlueBird"-Satelliten sind besonders spektakulär, weil ihre entfaltete Phased-Array-Antenne rund 64 m² groß ist (8 m x 8 m). Sie wurden von Anfang an ausschließlich für Direct-to-Cell entwickelt. In umgekehrter Richtung bewirken die großen Richtantennen der Satelliten, dass am Erdboden noch brauchbare Signale vom Himmel ankommen. Physikalisch funktioniert das alles nur, weil die Funkfelddämpfung bei Funkstrecken nach oben (zu den Satelliten) vergleichsweise schwach ist. Auf dem Boden ist sie entlang der Erdoberfläche hingegen hoch, weil sich den HF-Signalen Gebäude, Bäume, Erhebungen und der Sichthorizont kräftezehrend in den Weg stellen.
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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –