Der US-Amerikaner C.-K. Chou ging kürzlich der Frage nach, was es mit den athermischen EMF-Effekten auf sich hat, über die in der Fachliteratur berichtet wird.
Wo kann ich die Arbeit finden?
Tut mir leid, Ihre Frage muss ich übersehen haben. Aber: Lieber spät als nie ...
A need to provide explanations for observed biological effects of radiofrequency exposure
In einem 2015 veröffentlichten Übersichtsartikel (Volltext) plädiert der Bioelektromagnetiker C.-K. Chou dafür, berichtete biologische Wirkungen schwacher HF-Exposition nicht vorschnell als "nichtthermisch" zu interpretieren. Anhand mehrerer Fallbeispiele zeigt der Autor, dass sich zahlreiche Befunde später durch unzureichende Dosimetrie, Temperaturgradienten oder andere experimentelle Artefakte erklären ließen.
Fragestellung
Der Beitrag befasst sich nicht mit neuen Experimenten, sondern mit der Frage, weshalb in der Literatur immer wieder biologische Effekte niedriger HF-Exposition beschrieben werden, obwohl hierfür kein etablierter Wirkmechanismus bekannt ist. Der Autor vertritt die Auffassung, dass vor der Annahme eines neuen, "nichtthermischen" Mechanismus zunächst alle konventionellen Erklärungen ausgeschlossen werden müssen.
Dosimetrie als Schlüsselfaktor
Chou beschreibt eine Reihe von Einflussgrößen, die die Energieaufnahme biologischer Gewebe bestimmen. Dazu zählen unter anderem:
► die dielektrischen Eigenschaften verschiedener Gewebe,
► Geometrie und Größe des befeldeten Körpers,
► Orientierung im elektromagnetischen Feld,
► Trägerfrequenz,
► Nah- oder Fernfeldbedingungen,
► Umgebungsbedingungen,
► zeitlicher Verlauf der Exposition.
Nach Darstellung des Autors können bereits geringe Unterschiede dieser Faktoren erhebliche Unterschiede der lokalen SAR verursachen. Deshalb müsse die Dosimetrie integraler Bestandteil biologischer HF-Studien sein.
Beispiele für Artefakte
Zur Untermauerung seiner Argumentation führt Chou mehrere Beispiele aus der Literatur an.
Bei frühen Untersuchungen isolierter Nerven verschwanden die beobachteten Effekte, nachdem die Temperatur während der Exposition kontrolliert wurde.
Metallische Elektroden, wie sie häufig bei EEG- oder neurophysiologischen Messungen eingesetzt werden, können lokale Feldverstärkungen erzeugen. Der Autor verweist auf Berechnungen und Experimente, wonach dadurch die Energieaufnahme unmittelbar an den Elektroden erheblich ansteigen kann. Er stellt deshalb die Frage, ob in entsprechenden Studien tatsächlich das HF-Feld oder vielmehr die durch die Elektroden verursachte lokale Erwärmung gemessen wurde.
Ein weiteres Beispiel betrifft Zellkulturversuche. Dort erwiesen sich Temperaturgradienten innerhalb der Kulturgefäße als Ursache zunächst berichteter biologischer Effekte. Nachdem die Zellkulturen während der Exposition durchmischt wurden und dadurch Temperaturunterschiede beseitigt waren, verschwanden die beobachteten Veränderungen.
Außerdem verweist Chou auf mehrere Veröffentlichungen, deren Autoren ihre ursprüngliche Interpretation später selbst revidierten oder zurücknahmen. Als Beispiele nennt er Arbeiten von Tattersall sowie de Pomerai, bei denen zunächst als "nichtthermisch" interpretierte Befunde später auf Erwärmung beziehungsweise experimentelle Artefakte zurückgeführt wurden.
Schlussfolgerungen des Autors
Chou kommt zu dem Schluss, dass zahlreiche Berichte über "nichtthermische" HF-Effekte nachträglich ihre Erklärung in schwachen thermischen Effekten oder methodischen Artefakten fanden. Er fordert deshalb, positive Befunde nicht nur zu dokumentieren, sondern auch deren Ursache experimentell aufzuklären. Nach seiner Auffassung genügt es nicht festzustellen, ein beobachteter Effekt sei "nichtthermisch", solange alternative Erklärungen nicht ausgeschlossen wurden.
Abschließend verweist der Autor darauf, dass zwar weiterhin biologische "nichtthermische" Effekte berichtet würden, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung jedoch keiner dieser Effekte als Ursache gesundheitsschädlicher Wirkungen bestätigt gewesen sei. Dies entspreche den Bewertungen von IEEE, ICNIRP und WHO.
Einordnung
Der Beitrag ist ein Meinungs- und Übersichtsartikel ("Original Article"), keine experimentelle Studie. Er stützt seine Argumentation auf bereits veröffentlichte Arbeiten sowie auf ausgewählte Beispiele aus der Literatur und aus eigenen früheren Untersuchungen. Ziel ist nicht, das Nichtvorhandensein nichtthermischer Effekte zu beweisen, sondern aufzuzeigen, dass positive Befunde zunächst auf bekannte physikalische und methodische Ursachen geprüft werden sollten, bevor ein neuer biologischer Wirkmechanismus angenommen wird.