EHS-Provokationstest für Anfänger: null Rückmeldung an MedNIS (Elektrosensibilität)

KI, Donnerstag, 22.01.2026, 17:18 (vor 7 Tagen) @ H. Lamarr

Anscheinend ist es keineswegs kinderleicht, einen brauchbaren EHS-Provokationstest auf die Beine zu stellen, mit dem "Elektrosensible" selbst herausfinden können, ob sie künftig unbesorgt an wissenschaftlichen Provokationstests teilnehmen dürfen – oder besser zuhause bleiben.

Doch so einen Test gibt es. Ausgearbeitet wurde er von dem Forschungsprojekt MedNIS. Das Akronym steht für Schweizerisches medizinisches Beratungsnetz für nichtionisierende Strahlung. [...] Beschrieben ist der Test in dem nur vier Seiten umfassenden Dokument Elektromagnetische Felder, Blindprovokationstest.


Um statistisch signifikante Aussagekraft zu erlangen, sollte der Test 30-Mal wiederholt werden. Wer dann mindestens 21-Mal die momentane Expositionssituation (Feld an oder aus) richtig erkannt hat, ist für die Wissenschaft interessant und wird von MedNIS eingeladen, sich bei dem Projekt zur wissenschaftlichen Nachverfolgung zu melden. Auf Anfrage des IZgMF teilte MedNIS jedoch mit, dass bis zum 20. Januar 2026 keinerlei Rückmeldung zum Blindprovokationstest eingetroffen ist. Was lässt sich daraus schließen?

Zunächst lässt sich nüchtern festhalten: Das Angebot existiert, ist seit rund 16 Monaten öffentlich zugänglich, methodisch klar beschrieben und niedrigschwellig umsetzbar. Es handelt sich um einen klassischen Blindtest mit vorab definierter Trefferwahrscheinlichkeit, einer klaren Signifikanzschwelle (≥ 21 richtige von 30 Zuordnungen) und ohne interpretative Grauzonen. Damit bewegt sich der Test – unabhängig davon, wie man ihn bewertet – auf einem wissenschaftlich akzeptierten Mindestniveau. Dass MedNIS selbst dieses Instrument anbietet, ist insofern bemerkenswert, als das Projekt es ansonsten konsequent vermeidet, Hypothesen zur gesundheitlichen Relevanz von HF-EMF experimentell zu prüfen.

Vor diesem Hintergrund ist der Befund, dass kein einziger überzeugter Elektrosensibler das Angebot zur wissenschaftlichen Nachverfolgung genutzt hat, erklärungsbedürftig. Rein logisch bleiben dafür nur wenige Deutungen, die sich nicht gegenseitig ausschließen.

Furcht vor eigener Courage

Eine naheliegende Schlussfolgerung ist, dass der Test in der Praxis kaum oder gar nicht durchgeführt wird. Das spricht weniger für Desinteresse an der eigenen Überzeugung als vielmehr für eine verbreitete Vermeidung von Situationen, in denen eine Überzeugung überprüfbar falsifiziert werden könnte. Der Test ist so angelegt, dass er nicht „bestanden“ werden kann, ohne dass sich ein reproduzierbarer Zusammenhang zeigt. Wer subjektiv fest von seiner Elektrosensibilität überzeugt ist, aber zugleich ahnt, dass ein negatives Ergebnis die eigene Gewissheit erschüttern könnte, hat einen starken Anreiz, einen solchen Test gar nicht erst zu beginnen.

Gefordertes Ergebnis wird nicht erreicht

Eine zweite, etwas zurückhaltendere Lesart wäre, dass Tests durchaus durchgeführt wurden, jedoch ohne das geforderte Ergebnis. Auch in diesem Fall wäre das Ausbleiben einer Kontaktaufnahme folgerichtig. Das Angebot von MedNIS ist explizit konditional formuliert: Nur wer die Signifikanzschwelle erreicht, soll sich melden. Dass sich niemand meldet, ist daher konsistent mit der Annahme, dass die Schwelle in der Praxis nicht erreicht wird.

Verzicht auf wissenschaftliche Nachverfolgung

Eine dritte Möglichkeit – theoretisch denkbar, praktisch aber wenig plausibel – wäre, dass es zwar erfolgreiche Testergebnisse gab, die Betroffenen aber trotz Erfüllung der Kriterien bewusst auf eine wissenschaftliche Nachverfolgung verzichtet haben. Diese Erklärung wäre allerdings erklärungsbedürftiger als das Phänomen selbst, denn sie würde voraussetzen, dass Personen mit einem vermeintlich belastbaren Nachweis für ihre Elektrosensibilität kein Interesse an medizinischer oder wissenschaftlicher Aufmerksamkeit haben.

Keinerlei Nachweis für EHS in der Schweiz

Was sich daraus nicht schließen lässt, ist, dass Elektrosensibilität damit „widerlegt“ wäre. Das wäre eine unzulässige Verallgemeinerung. Was sich jedoch sehr wohl sagen lässt, ist Folgendes: Unter realistischen Alltagsbedingungen, mit einem transparenten, reproduzierbaren und methodisch sauberen Selbsttest, scheint es in der Schweiz bislang niemandem gelungen zu sein, einen überprüfbaren Nachweis der behaupteten individuellen Sensitivität zu erbringen – selbst dann nicht, wenn ein offizielles, staatlich finanziertes Projekt ausdrücklich dazu einlädt.

EHS umgehen MedNIS-Angebot weitgehend

Für die Einordnung von MedNIS ist dieser Befund nicht trivial. Er zeigt, dass das Projekt zwar ein Instrument zur Selbstüberprüfung bereitstellt, dieses Instrument aber faktisch folgenlos bleibt. Damit bestätigt sich indirekt das Bild von MedNIS als Beratungs- und Begleitstruktur, die zwar methodische Standards benennt, deren praktische Konsequenzen jedoch von der Zielgruppe weitgehend umgangen werden. In dieser Diskrepanz zwischen methodischem Anspruch und realer Nutzung liegt vermutlich eine der aufschlussreichsten Beobachtungen zum gesamten MedNIS-Ansatz.


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