Lennart Hardell: tiefer Kratzer im Lack (Allgemein)
Zwischen 2023 und 2024 haben Lennart Hardell und seine Co-Autorin Mona Nilsson mit sieben Fallstudien untersucht, ob die Inbetriebnahme von 5G-Basisstationen bei Anwohnern unspezifische gesundheitliche Probleme zur Folge haben. Im Juni 2024 kommen beide in einer zusammenfassenden Review ihrer Fallstudien zu dem Schluss: 5G verursacht das Mikrowellensyndrom, die 5G-Netzverdichtung müsse deshalb gestoppt werden. Dariusz Leszczynski tadelt diesen Befund als "Anfängerfehler" und trifft damit ChatGPT zufolge ins Schwarze.
Im April 2026 berichtet Leszczynski, er sei kürzlich um seine Meinung zu der fraglichen Review gebeten worden. Einleitend macht er deutlich, die sieben Fallstudien wurden zusammengefasst, um ihre Beweiskraft zu erhöhen. Doch leider führe die Zusammenfassung von sieben qualitativ minderwertigen Studien nicht zu einer besseren Beweislage. Leszczynski zeigt sich überrascht, dass Hardell, ein erfahrener Wissenschaftler, bei der Durchführung dieser Studie einen derart eklatanten Anfängerfehler begangen habe; das Paper wirke wie eine misslungene Provokationsstudie.
![[image]](images/uploaded/2026041212044269db8a5a14bec.jpg)
So könnte es ausgesehen haben, hätten Hardell und Nilsson (links) die Review ihrer Fallstudien öffentlich präsentiert und Dariusz Leszczynski (rechts) wäre dabei gewesen
Symbolbild: Microsoft Copilot
Die Probleme aller sieben Studien und ihrer zusammenfassenden Analyse sind dem finnischen Wissenschaftler zufolge:
► Die Autoren beobachteten über 40 verschiedene Symptome bei den untersuchten Fällen und bezeichneten diese ohne weitere Begründung als eindeutige Symptome der Mikrowellenkrankheit. Allerdings könnten alle diese Symptome auch durch eine Vielzahl anderer Erkrankungen verursacht werden. Als Erstes fielen einem erhöhter Stress und Angstzustände ein. Die untersuchten Personen hätten zwar gesundheitliche Beschwerden gehabt, aber wodurch wurden diese verursacht?
► Keine der gesundheitlichen Beschwerden wurde durch eine klinische Untersuchung bestätigt. Warum nicht? Hardell sei doch ausgebildeter Arzt.
► Es traten Symptome auf, gleichzeitig hätten die Betroffenen aber gewußt, dass sie 5G ausgesetzt waren. Es habe keine verblindete Versuchsdurchführung gegeben, um zu beweisen, dass 5G die Ursache war.
► Die Symptome seien verschwunden oder hätten sich in ihrer Schwere verringert, sobald die Betroffenen den Ort mit den stärksten Symptomen verlassen und sich an einen Ort mit geringerer 5G-Exposition begeben hätten. Die Betroffenen hätten gewusst und erwartet, dass sich ihr Zustand an weniger belasteten Orten bessern würde. Auch hier habe es keine Verblindung gegeben, die einen ursächlichen Zusammenhang mit 5G hätte untermauern können.
► Zu den Messungen von 5G gebe er keinen Kommentar ab, da er kein Experte auf diesem Gebiet sei.
Leszczynski fasst zusammen: Die Ursache der Krankheitssymptome sei ungewiss. Es sei möglich, dass 5G die Symptome ausgelöst habe, aber ebenso gut könnten Stress oder andere Faktoren eine Rolle gespielt haben. Hardell und Nilsson konnten nichts beweisen. Insbesondere hätten sie, entgegen ihren Behauptungen in den Schlussfolgerungen, nicht beweisen können, dass 5G-Strahlung die Ursache der Symptome war, da die Studien äußerst mangelhaft und naiv konzipiert waren. Die Probanden wussten, wann sie der Strahlung ausgesetzt waren und wann die Belastung geringer war. Vielleicht lag es an 5G, vielleicht auch nicht. Ein klassischer Fehler aufgrund fehlender Verblindung!
Bewertung von ChatGPT
Die Review basiert auf sieben zuvor publizierten Fallstudien der Autoren selbst. Diese werden zusammengeführt und hinsichtlich Symptommustern ausgewertet. Formal ist das zulässig, wissenschaftlich jedoch heikel: Es handelt sich nicht um eine unabhängige Review, sondern um eine narrative Eigenaggregation. Die Autoren sind zugleich Datenlieferanten, Auswerter und Interpreten. Eine externe Validierung findet nicht statt.
Der methodische Knackpunkt
Der zentrale Fehler liegt nicht darin, dass eigene Daten zusammengefasst werden – das ist gängige Praxis. Problematisch wird es dort, wo aus dieser Zusammenfassung Schlussfolgerungen gezogen werden, die das zugrunde liegende Studiendesign nicht hergibt.
Fallberichte können:
► Auffällige Beobachtungen dokumentieren
► Hypothesen generieren
Sie können nicht:
► Kausalität nachweisen
► konkurrierende Erklärungen ausschließen
Diese Grenze wird in der Review jedoch überschritten. Aus der zeitlichen Abfolge "Erst 5G-Installation, dann Beschwerden" wird implizit eine Ursache-Wirkung-Beziehung abgeleitet. Das ist ein klassischer post hoc ergo propter hoc-Fehlschluss.
Selbstselektion und Erwartungseffekte
Hinzu kommt ein strukturelles Problem der Datengrundlage: Die Fälle entstanden durch Meldungen Betroffener. Damit ist ein erheblicher Selektionsbias eingebaut. Personen ohne Beschwerden tauchen in der Stichprobe gar nicht erst auf. Zudem bleiben Erwartungseffekte unkontrolliert. Ohne Verblindung oder Vergleichsgruppe lässt sich nicht unterscheiden, ob Symptome durch Exposition oder durch Erwartungshaltungen beeinflusst sind.
Mehr Fälle, aber keine bessere Evidenz
Die "Review" bündelt mehrere Fallberichte und erzeugt damit den Eindruck erhöhter Aussagekraft. Tatsächlich ändert sich am Evidenzniveau jedoch nichts. Mehrere methodisch schwache Beobachtungen ergeben in der Summe keine starke Evidenz. Sie bleiben das, was sie sind: Hinweise, nicht Belege.
Warum Leszczynskis Kritik trifft
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, was Dariusz Leszczynski mit "Anfängerfehler" meint. Gemeint ist kein formaler Regelverstoß, sondern ein grundlegender Denkfehler: Deskriptive Beobachtungen werden wie Belege behandelt, die einen ursächlichen Zusammenhang zeigen. Oder anders gesagt: Hypothesenbildung wird mit Hypothesenbestätigung verwechselt.
Ist der Vorwurf zu scharf?
In der Wortwahl vielleicht. In der Sache nicht. Denn der Fehler liegt auf einem methodischen Niveau, das in der wissenschaftlichen Ausbildung früh vermittelt wird. Gerade deshalb wiegt er hier schwer: Die Autoren, besonders Hardell, sind keine Neulinge, sondern erfahrene Akteure im EMF-Diskurs.
Wie es korrekt gewesen wäre
Eine saubere Einordnung hätte die Grenzen der eigenen Daten klar benannt:
► Die Fallberichte liefern Hinweise, keine Beweise
► Kausalität ist mit dem gewählten Design nicht prüfbar
► Kontrollierte Studien sind erforderlich
Stattdessen entsteht der Eindruck, die aggregierten Fälle würden die behauptete Wirkung stützen.
Fazit
Die Publikation ist formal zulässig, wissenschaftlich jedoch schwach abgesichert. Sie illustriert ein bekanntes Problem: Wenn Hypothesen allzu früh als Bestätigung gelesen werden, verliert die Methodik ihre Schutzfunktion. Leszczynskis Diagnose trifft daher den Kern. Nicht weil hier etwas Verbotenes geschieht, sondern weil ein elementares Prinzip wissenschaftlichen Arbeitens missachtet wird: Die Trennung von Beobachtung und Beweis.
--
Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –