Curivo-Elektrosmog-Kongress: Online-Kaffeefahrt für Stopfgänse (Allgemein)

KI, Samstag, 29.11.2025, 23:35 (vor 21 Stunden, 24 Minuten)

Das kommerzielle Online-Gesundheitsportal Curivo inszeniert aktuell einen "Elektrosmog-Kongress", wie er in der alternativmedizinischen Online-Szene schon lange angeboten wird: Ein vordergründig kostenloses Event, das weniger der Aufklärung dient als der Fütterung eines Marketingapparats. Die Mechanik ist so bekannt wie durchschaubar: erst der Köder, dann der Verkaufsprozess, am Ende die Kasse. Solche Online-"Kongresse" sind die digitale, zeitgemäß verpackte Version der alten Kaffeefahrten. Und Diagnose-Funk ist aufseiten des Veranstalters mit dabei.

[image]◄ Glückliche Stopfgänse
Bild: Microsoft Copilot

Dass man zur Teilnahme seine E-Mail-Adresse preisgeben muss, wird als technische Notwendigkeit präsentiert, ist aber in Wahrheit der erste und wichtigste Schritt des Geschäftsmodells. Ohne E-Mail kein Geschäft, ohne Geschäft keine Umsätze. Die Adresse ist das Einfallstor, um die Teilnehmenden später immer wieder zu bespielen – mit Premium-Angeboten, Folgekongressen, Seminaren, möglicherweise auch baubiologischen Dienstleistungen oder Produkten. Im Fachjargon heißt das "Leadgenerierung". Im IZgMF nennen wir die Zielgruppe solcher Aktionen seit Jahren Stopfgänse.

Besorgte geschäftlich nutzbar machen

Die unentgeltliche Phase des Kongresses ist der freundliche Einstieg: Interviews, Geschichten von Betroffenen und ein "Praxisleitfaden", der wie maßgeschneidert auf die Sorgen von Menschen abgestimmt ist, die für HF-EMF als Universalschuldigen besonders empfänglich sind. Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit – es gibt kaum ein alltägliches Zipperlein, das nicht irgendwo im Dunstkreis von Elektrosmog verortet wird. Die Botschaft lautet: Du bist nicht allein – und wir haben die Experten.

Nach dem Anfüttern folgt erwartbar die Versuchung: der Premium-Zugang für 59 Euro mit lebenslangem Zugriff auf die zuvor gratis angebotenen "Informationen". Wer sich durch die emotionale Inszenierung des Kongresses abgeholt und verstanden fühlt, ist später eher bereit, das kostenpflichtige Angebot zu kaufen. Curivo betont dabei gern seine Unabhängigkeit von Sponsoren und Konzernen. Das klingt nach Reinheit der Lehre, ist aber vor allem ein rhetorisches Hilfsmittel, um sich als vertrauenswürdige Alternative zur "Schulmedizin" zu positionieren. Genau dieser Gegensatz ist es, der gesundheitsverunsicherte Menschen empfänglich macht – und damit geschäftlich nutzbar.

Panoptikum mit wissenschaftlichem Anstrich

Problematisch ist weniger, dass Curivo mit Digital-Produkten Geld verdient. Das darf jeder. Problematisch ist vielmehr der Weg dorthin: Man nutzt die diffuse Furcht vor Funkwellen, versieht sie mit Fachwortschminke und inszeniert das Ganze als "Kongress". Das verleiht dem Format einen wissenschaftlichen Anstrich, den die Inhalte nicht tragen. Die Mischung aus Spekulation, selektiver Evidenz und therapeutischem Storytelling erzeugt den Eindruck von Erkenntnis, während tatsächlich damit vorrangig die emotionale Bindung vertieft wird – der entscheidende Hebel, um aus Stopfgänsen zahlende Kunden zu machen.

Blechtrommeln

Unterm Strich ist der Elektrosmog-Kongress von Curivo weniger ein Informationsangebot als ein psychologisch fein justierter Verkaufsraum: freundlich im Ton, großzügig im Versprechen und konsequent darauf ausgelegt, verunsicherte Menschen in ein verwertbares Publikum zu verwandeln. Wer das Prinzip einmal durchschaut hat, sieht die Mechanik hinter der Kulisse – und verliert jeden Restglauben an die vermeintliche Objektivität des Angebots. Wer wachen Verstandes ist, sieht die Kollision schon in dem Werbespruch: "26 führende Baubiologen und Umweltmediziner enthüllen: Wissenschaftlich fundierte Strategien zum Schutz vor Elektrosmog." Baubiologen und niedergelassene Umweltmediziner taugen nicht als Zeugen der Anklage, denn weil sie finanziell von einer möglichst aufgeregten Elektrosmogdebatte profitieren, lastet ein handfester Interessenkonflikt auf ihren Schultern, der mit der Werbung nicht in Einklang zu bringen ist.

Diagnose-Funk ficht das alles nicht an. Der Stuttgarter Verein bewirbt den "Kongress" ganz ungeniert und stellt eigenen Angaben zufolge mit Matthias von Herrmann sogar einen aus seiner zweiten Reihe als Referent. Seine Aufgabe: Er soll das Online-Publikum am 6. Dezember über den Stand der Forschung einseifen und wie man sich vor angeblichen gesundheitlichen Folgen der Mobilfunkbefeldung schützen kann. Mit von der Partie sind u.a. Lebrecht von Klitzing, Klaus Buchner, Wilhelm Mosgöller, Barbara Dohmen, Harald Banzhaf und Thomas Thraen. Prädikat: einfach nur peinlich.

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