Neues von Berenis (44): April 2026 (Forschung)
Im Zeitraum von Mitte April bis Ende Juli 2025 wurden 137 neue Publikationen identifiziert, von denen vier von Berenis vertieft diskutiert wurden. Zwei davon wurden gemäß den Auswahlkriterien als besonders relevant und somit zur Bewertung ausgewählt und werden im Folgenden gekürzt zusammengefasst. Ungekürzt und mit Literaturangaben gibt es den aktuellen Berenis-Newsletter hier.
Experimentelle Tier- und Zellstudien
Gibt es molekulare Muster von EHS? (Sonzogni et al. 2025)
Die Autorinnen und Autoren dieser Studie (Sonzogni et al. 2025) untersuchten eine Gruppe von elektrosensiblen freiwilligen Studienteilnehmenden (Demeter-Kohorte, n=26: 20 Frauen, 6 Männer, 39-70 Jahre alt), die sie aus einer französischen Interessenvereinigung rekrutiert hatten. Sie versuchten in dieser kleinen Kohorte Gemeinsamkeiten bezüglich molekularen und symptomatischen Mustern zu finden. Die Studie umfasste zwei Teilaspekte: Zum einen wurden die Symptome der elektromagnetischen Hypersensibilität (EHS) in Bezug auf deren Quellen und den betroffenen Organsystemen beschrieben. Zum anderen untersuchten die Forschenden auf molekularer Ebene die Fähigkeit von Hautfibroblasten, die aus Biopsien der Arminnenseite der Studienteilnehmenden gewonnen wurden, mit DNS-Schäden umzugehen. Basierend auf einem Fragebogen wurde der Einfluss verschiedener NIS-Quellen auf die Befindlichkeit beurteilt. Daraus liessen sich zwei Untergruppen ableiten: 14 der Freiwilligen reagierten stark auf HF-EMF im Bereich 300 MHz bis 5 GHz, fühlten sich aber kaum durch NF-MF-Exposition beeinträchtigt (LBHR-Gruppe; «low background, high responsiveness», wenig Hintergrundsensitivität, starke Reaktion auf HF-EMF), während die anderen von Beschwerden ausgelöst durch Quellen aus allen Frequenzbereichen berichteten (HBLR-Gruppe; «high background, low responsiveness», generelle Sensitivität, weniger HF-EMF-abhängige Symptome). Es wurde zudem festgestellt, dass die zweite Gruppe (HBLR) häufiger auch von Beschwerden und Unwohlsein berichteten, die durch andere Umweltfaktoren ausgelöst wurden, und vielfach eine auffällige medizinische Vorgeschichte bzw. Vorerkrankung hatten oder gerade in Behandlung waren.
Basierend auf einer Analyse der Symptomintensitäten und Beteiligung verschiedener Organsysteme postulierten die Autorinnen und Autoren im Weiteren einen Trend, dass HBLR-EHS mit Schlafstörungen, Müdigkeit und reduzierter kognitiver Aktivität und LBHR-EHS mit Haut-, Kreislauf- und Verdauungsproblemen sowie Kopfschmerzen korrelierte. Allerdings überlappte diese Einteilung in Gruppen nur teilweise mit der vorherigen Einteilung nach Sensitivität auf gewisse Frequenzbereiche.
In einem zweiten Teil der Studie wurden die Zellen aus den Hautbiopsien der Studienteilnehmenden auf die Integrität der genetischen Information (DNS-Schäden) untersucht. Basierend auf den Analysen von spontan-entstandenen DNS-Doppelstrangbrüchen (H2AX-Foci) und Mikrokernen liessen sich die Zellproben in zwei Klassen einteilen. Die erste Gruppe zeigte normale Hintergrund-Level von DNS-Schäden, ähnlich wie die Kontrollproben aus einer anderen Kohorte (Copernic-Studie zu Röntgenstrahlen/Radiosensitivität). Die zweite Gruppe hingegen zeigte deutlich erhöhte DNS- Schädigungen, vergleichbar mit den Werten von radiosensitiven Patienten mit genetischen Prädispositionen, wobei sich diese Erhöhungen nur in einer Subpopulation der Zellen manifestierten. Allerdings gab es keine klare Korrelation zwischen den Gruppen basierend auf der Einteilung nach DNS-Schäden und EHS-Symptomen (LBHR/HBLR). [...] Im Weiteren haben die Forschenden systematisch die Reparaturkapazität der Demeter-Zellen nach Schädigung der DNS mit Röntgenstrahlung untersucht. Es zeigte sich, dass alle Demeter-Fibroblasten im Vergleich zu den Hautzellen der Kontroll-Kohorte veränderte Reparaturdynamiken zeigten, wobei die Erkennung der Strangbrüche vermindert und die Persistenz der DNS-Schäden erhöht waren. Bezüglich der verschiedenen vorangegangenen Klassifizierungen zeigten diese Analysen aber kaum Korrelationen und konsistente Unterschiede. Eine Ausnahme bilden hier die Beobachtungen in Zellen mit hohem Hintergrundlevel an DNS-Schädigungen, die zudem speziell sensitiv auf die Gabe eines starken Oxidans, Wasserstoffperoxid, reagierten. Die Autorinnen und Autoren schlussfolgern aus ihren Experimenten, dass EHS mit einem veränderten Umgang mit DNS-Schäden verknüpft sein könnte, wobei deren Ursache weiterer Untersuchungen bedingt.
Auch wenn die Untersuchungen von Sonzogni et al. (2025) lediglich auf einer kleinen Zahl von freiwilligen Teilnehmenden und Analysen beruhen, sind sie dennoch erwähnenswert, da sie zu den wenigen Studien gehören, die gezielt nach molekularen Mustern in Zellen von Personen mit EHS suchen. Dieser Ansatz ist von zentraler Bedeutung, wenn es um das wissenschaftliche und medizinische Verständnis der EHS-Symptomatik mit wahrscheinlich komplexen und multifaktoriellen Ursachen geht. Ein kausaler Zusammenhang zwischen EMF-Exposition und EHS kann aus dieser Studie nicht abgeleitet werden, sie liefert jedoch interessante Anhaltspunkte für weiterführende Forschungsarbeiten.
Experimentelle Humanstudien
5G-HF-EMF-Effekte auf das menschliche Schlaf-EEG: Studie in genetischem Kontext (Sousouri et al. 2025)
L-Typ spannungsabhängige Kalziumkanäle (LTCC) sind für viele Gehirnfunktionen von Bedeutung. HF- EMF können diese Kanäle aktivieren, die im genetischen Kontext mit Schlafqualität und oszillatorischer EEG-Aktivität (z.B. Schlafspindeln) in Verbindung gebracht wurden. Die genetische Variante (Allel rs7304986) ist mit LTCC assoziiert. Verstärkte Spindel- oder „Sigma“-Aktivität (~11–16 Hz) im NREM-Schlaf EEG gehört zu den konsistentesten Effekten einer Exposition mit 2G-4G HF-EMF. Ziel der Studie war es daher, die Effekte von 5G-HF-EMF auf Schlaf und EEG-Spindelaktivität zu untersuchen, mit besonderem Fokus auf einen möglichen Zusammenhang mit der genetischen Variante rs7304986. Vierunddreissig Probanden mit diesen genetischen Variationen für rs7304986 (15 T/C- und 19 passende T/T-Träger) nahmen an dieser doppelblinden, randomisierten Studie teil.
Vor dem Schlafen wurden sie für 30 Minuten entweder einer standardisierten linkshemisphärischen Exposition von zwei 5G-HF-EMF-Signalen (3,6 GHz und 700 MHz) oder einer Kontrollbedingung ohne Strahlung ausgesetzt. Die T/C-Träger berichteten über eine längere subjektive Einschlaflatenz als die T/T-Träger. Die 3,6-GHz-Exposition (nicht jedoch 700 MHz) beschleunigte die Schlafspindeln (höhere Frequenz) bei T/C-Trägern über weite kortikale Areale hinweg. Die simulierte SAR-Verteilung im Gehirn zeigte aber eine tiefere Penetration des 700-MHz-Signals. Es bleibt jedoch unklar, warum die ausgeprägteren Effekte auf die Schlafspindeln nach der Exposition gegenüber dem 3,6-GHz-Signal (nur oberflächliche Penetration) auftraten. Die Studie zeigte, dass spannungsabhängige Kalziumkanäle des LTCC-Typs an der physiologischen Reaktion auf HF-EMF beteiligt sein könnten. Weitere Forschung ist erforderlich, um genetische und biophysikalische Mechanismen zu untersuchen, die den Effekten von HF-EMF auf den Schlaf zugrunde liegen.
--
Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –