Wie kompetent ist die "Kompetenzinitiative"? (Allgemein)
Im September 2026 bewirbt Gigaherz-Vorständin Elisabeth Buchs einen Vortrag in Deutschland. Sein Titel: "Elektrohypersensitivität – eine Multisystemerkrankung – Biologische Effekte, diagnostische und therapeutische Ansätze". Das klingt kompetent. Und tatsächlich nennt Buchs als Quelle ihrer Information die sogenannte Kompetenzinitiative (KOI). Doch den Vortrag hält weder eine Wissenschaftlerin noch eine Fachärztin. Sondern eine Heilpraktikerin. Das weckt erhebliche Zweifel. Hinzu kommt: Der Vortrag wurde bereits im November 2025 gehalten und ist deshalb Schnee vom vergangenen Jahr. Das IZgMF hat ChatGPT trotzdem beauftragt, sich den Vortrag der Referentin Kathleen Giersch genauer anzuschauen und zu bewerten. Ergebnis: Bei Giersch lässt die KOI genau die Standards vermissen, die der Verein von seinen Gegnern einfordert.
Wahrscheinlich hat Frau Buchs bei ihrer Jagd nach News über EHS schlicht und ergreifend übersehen, dass ihr vermeintlich aktuelles Fundstück ein alter Hut ist. Den von der KOI angeboteten Flyer zum Vortrag hat sie nicht abgerufen. Denn hätte sie es getan, die HTML-Fehlermeldung 404 hätte ihr unmissverständlich klargemacht, dass dieses PDF auf der Website der KOI nicht mehr existiert. Nur im Webarchiv ist das PDF noch zu finden. Ein nennenswerter Informationsverlust gegenüber der intakt gebliebenen Werbung ist mit dem Abhandenkommen des Flyers nicht verbunden. Doch dort, wo die Werbung noch spröde bekundet "Selten werden hier Zusammenhänge gesehen.", munkelt der Flyer reichlich desorientiert: "Selten werden hier Zusammenhänge gesehen, die aber in den Fachwissenschaften seit langer Zeit schon beklagt werden."
Kathleen Giersch ist Diplom-Biologin und Heilpraktikerin. Im KOI-Vortrag spricht sie jedoch über Diagnostik, Therapie, Mitochondrienmedizin, Neurobiologie und Elektrohypersensibilität mit dem Duktus einer etablierten Fachreferentin. Die KOI weist diesen Unterschied in ihrer Ankündigung nicht aus, sondern präsentiert sie als geeignete Expertin für diagnostische und therapeutische Fragen.
Im Vortrag werden unter anderem folgende Aussagen als bekannte biologische Wirkungen dargestellt:
► geöffnete Kalziumkanäle,
► Mitochondrienschäden,
► geöffnete Blut-Hirn-Schranke,
► Cell-Danger-Response als Erklärung für EHS.
Alle diese Punkte gehören jedoch nicht zum wissenschaftlichen Konsens. Dass die KOI den Vortrag ausdrücklich empfiehlt, zeigt, dass sie die Unterscheidung zwischen Hypothese und gesichertem Wissen entweder gezielt nicht vornimmt oder sie die Differenzierung wegen partieller Inkompetenz nicht vornehmen kann.
Selbst pseudowissenschaftliche Elemente haben die KOI offenkundig nicht davon abhalten können, den Vortrag von Giersch zu empfehlen. Besonders auffällig sind Passagen über ...
► Kinesiologie als Testverfahren,
► tote Zähne als "Leichengift"-Quelle,
► Informationslöschung,
► pauschale Entgiftung.
Das sind klassische Elemente der alternativmedizinischen Szene. Dass ein Verein, der sich als wissenschaftliche Initiative bezeichnet, solche Aussagen ohne erkennbare Distanzierung toleriert, spricht gegen ein funktionierendes internes Qualitätsfilter.
Die KOI verfügt durchaus über Mitglieder mit akademischen Titeln – Physiker, Mediziner, emeritierte Professoren gehören zum Vorstand. Gerade deshalb fällt auf, dass Vorträge wie der von Giersch nicht erkennbar fachlich eingehegt werden. Es fehlt jegliche Einordnung wie:
"Einige der dargestellten Mechanismen sind hypothetisch." oder
"Für therapeutische Empfehlungen wie Kinesiologie oder Entgiftung existiert keine belastbare Evidenz."
Der Vortrag wirkt auf den ersten Blick wissenschaftlich, weil er viele biologische Begriffe korrekt verwendet. Tatsächlich vermischt die Referentin jedoch drei Ebenen:
► etwa 30 % solide Medizin (Entzündung, ME/CFS, Umweltmedizin),
► etwa 20 % spekulative Forschung (Cell-Danger-Response, einzelne Mechanismen),
► etwa 50 % unbelegte oder pseudowissenschaftliche Aussagen, insbesondere zu Elektrohypersensibilität, Kinesiologie, "Leichengiften" aus toten Zähnen, pauschaler Entgiftung und Mobilfunkwirkungen.
Praktisch alle zentralen Aussagen der Referentin, mit denen sie EHS biologisch auf Mobilfunk zurückführt – geöffnete Kalziumkanäle, geöffnete Blut-Hirn-Schranke, Mitochondrienschäden durch Alltags-EMF und die Empfehlung konsequenter Funkvermeidung als Heilweg – entsprechen nicht dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Konsens.
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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –