BfS: Protokoll der 36. Sitzung am Runden Tisch EMF (Allgemein)

H. Lamarr, München, (vor 3 Stunden, 33 Minuten)

Die 36. Sitzung des Runden Tischs EMF (RTEMF) fand am 11. März 2026 virtuell statt (Videokonferenz). Größtes fachliches Thema war diesmal die Kontroverse um die Systematic-Review zu Krebs in Tierstudien und die Gegenanalyse des BfS. Darüber hinaus informierte das BfS über neue Forschungsvorhaben und einen Ausbau seiner Aktivitäten in der Wissenschaftskommunikation. Auszüge aus dem Protokoll, die Postingautor "KI" für Sie zusammengestellt hat, warten unten auf Sie. Die Ausführungen zum Stromnetzausbau sind in dieser Zusammenfassung bewusst ausgeklammert. Wegen eines akuten Cyperschnupfens hat sich die Protokollauswertung diesmal etwas verzögert. Das vollständige sechsseitige Protokoll der Sitzung gibt es wie immer direkt beim BfS.

WHO-Tierstudien: BfS hält mit Meta-Analyse dagegen

Den fachlichen Schwerpunkt bildete die Auseinandersetzung mit dem von der WHO beauftragten Systematic Review von Mevissen et al. zu Krebs in Tierstudien. Das BfS erläuterte, weshalb es die Schlussfolgerungen des Reviews für methodisch nicht ausreichend abgesichert hält und deshalb eine eigene quantitative Auswertung vorgenommen hat (S. 3–4). Ausgangspunkt der Kritik ist die Vorgehensweise des WHO-Reviews. Dort wurde bereits dann von einem nachgewiesenen Effekt ausgegangen, wenn in einer Langzeitstudie ein statistisch signifikanter Tumoranstieg beobachtet wurde. Meta-Analysen seien wegen der Heterogenität der Studien nicht durchgeführt worden (S. 3).

Nach Auffassung des Kompetenzzentrums Elektromagnetische Felder (KEMF) des BfS war dies zumindest für einzelne Fragestellungen nicht überzeugend. Für Herz und Gehirn bei Ratten seien genügend vergleichbare Langzeitstudien vorhanden gewesen, um die Ergebnisse mittels Meta-Analyse zusammenzuführen. Unterschiede zwischen den Tierstämmen seien durch Subgruppenanalysen beherrschbar gewesen (S. 3).

Das Ergebnis der BfS-Auswertung fällt deutlich nüchterner aus als im WHO-Review. Für maligne Herzschwannome männlicher Ratten ergab sich zwar weiterhin ein statistisch signifikanter Zusammenhang, wegen der großen Unsicherheit wurde das Vertrauen in die Evidenz jedoch zunächst deutlich herabgestuft und anschließend aufgrund einer statistisch signifikanten Dosis-Wirkungs-Beziehung wieder auf moderat angehoben (S. 3).

Beim malignen Gliom fiel das Resultat noch zurückhaltender aus. Zwar deutete auch hier der gepoolte Effektschätzer auf ein erhöhtes Risiko hin, statistisch signifikant war dieses Ergebnis jedoch nicht. Das Vertrauen in die Evidenz wurde deshalb insgesamt nur als gering eingestuft (S. 3).

Methodische Kontroverse bleibt bestehen

Bemerkenswert war die Diskussion über die inzwischen veröffentlichte Replik der Autoren des WHO-Reviews. Diese erklärten nachträglich, ein hohes Vertrauen in die Evidenz setze mindestens zwei signifikante Langzeitstudien voraus. Das BfS wies darauf hin, dass sich ein solcher Bewertungsmaßstab weder aus dem veröffentlichten Studienprotokoll noch aus dem eigentlichen Review ableiten lasse. Dort genüge ausdrücklich bereits ein signifikanter Befund, um einen Effekt anzunehmen (S. 4).

Außerdem wurde gefragt, ob Änderungen gegenüber einem veröffentlichten Studienprotokoll grundsätzlich zulässig seien. Die Antwort fiel differenziert aus: Anpassungen seien durchaus möglich, müssten aber gut begründet und möglichst sparsam vorgenommen werden, um nachträgliche Verzerrungen zu vermeiden (S. 4).

Auch die Kritik der Review-Autoren, dem KEMF fehle toxikologische Expertise, wurde angesprochen. Das BfS räumte ein, dass toxikologische Fachkenntnisse beispielsweise bei der Bewertung möglicher Verzerrungen einzelner Tierstudien hilfreich seien. Die eigene Veröffentlichung habe sich allerdings gar nicht mit der Bewertung einzelner Studien beschäftigt, sondern ausschließlich mit der Evidenzsynthese des Reviews (S. 4).

Neue Forschungsvorhaben

Das BfS stellte zudem mehrere geplante Forschungsprojekte vor. Neben neuen Studien zu Leukämie, Fehlgeburten und oxidativem Zellstress wurde insbesondere ein Projekt angekündigt, das die Entwicklung der Risikowahrnehmung elektromagnetischer Felder im Zusammenhang mit der Inbetriebnahme der Höchstspannungsleitung Ultranet untersuchen soll (S. 4–5).

Neues Netzwerk für den Strahlenschutz

Mit dem neu gegründeten Qualifizierungsverbund Strahlenschutz soll nach Angaben des BfS die Fachkompetenz im Strahlenschutz langfristig gesichert werden. Das Netzwerk soll Qualifizierungsangebote bündeln, Kompetenzlücken identifizieren und den Wissensaustausch zwischen Behörden, Wissenschaft und weiteren Akteuren verbessern. Mitglieder des RTEMF wurden ausdrücklich eingeladen, sich daran zu beteiligen (S. 5).

Ausblick

Für die nächste Sitzung wurden bereits mehrere interessante Themen angekündigt. Auf der Tagesordnung stehen unter anderem die internationalen Ergebnisse zur EMF-Risikowahrnehmung, biologische Wirkungen hochfrequenter Felder auf Pflanzen, gesellschaftliche Vorstellungen von „Vorsorge“, mögliche Auswirkungen niederfrequenter Felder auf Schlaf und Demenz-Biomarker sowie Ergebnisse des EU-Projekts SEAWave zur KI-gestützten Expositionserfassung (S. 6).

Zusammenfassung

Die 36. Sitzung brachte keine spektakulären neuen Forschungsergebnisse hervor. Sie machte jedoch deutlich, dass die wissenschaftliche Debatte über die Bewertung der Tierstudien inzwischen eine neue Ebene erreicht hat. Während der WHO-Review überwiegend qualitativ argumentiert, versucht das BfS mit einer quantitativen Meta-Analyse dieselbe Datenbasis neu zu bewerten. Die eigentliche Kontroverse dreht sich damit längst nicht mehr um einzelne Tumorbefunde, sondern um die Frage, nach welchen methodischen Regeln wissenschaftliche Evidenz überhaupt bewertet werden sollte.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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