Neues von Berenis (45): Juli 2026 (Allgemein)
Im Zeitraum von Ende Juli bis Ende Oktober 2025 wurden 109 neue Publikationen identifiziert, von denen sechs von Berenis vertieft diskutiert wurden. Drei davon wurden gemäß den Auswahlkriterien als besonders relevant eingestuft und sind hier ggf. gekürzt zusammengefasst. Die besprochene Gliazellstudie wurde von Diagnose-Funk im Dezember 2025 mit einer Pressemitteilung hervorgehoben. Ungekürzt und mit Literaturangaben gibt es den aktuellen Berenis-Newsletter hier.
Experimentelle Tier- und Zellstudien
Einfluss von HF-EMF auf den Stoffwechsel von Hodenzellen (Miao et al. 2025)
Die Studie von Miao et al. (2025) zielte darauf ab, mögliche Einflüsse von HF-EMF auf den Metabolismus (Stoffwechsel) von Hodenzellen zu untersuchen, indem eine hypothesenfreie globale Analyse der zellulären Metabolite («Metabolomik») durchgeführt wurde. Dazu wurden hormon-produzierende Leydig-Zwischenzellen sowie eine Spermatogonien-Zelllinie von Mäusen in vitro für 24 Stunden einem GSM-modulierten 1,95-GHz-HF-EMF (SAR: 3 W/kg) ausgesetzt. Die Exposition erfolgte entweder kontinuierlich oder in einstündigen Intervallen. Die Analyse der Metabolite aus sechs unabhängigen Experimenten mittels Massenspektrometrie ergab unterschiedliche Ausmasse der zellulären Reaktion auf die Exposition in Abhängigkeit von der Expositionsart (kontinuierlich vs. intermittierend) sowie eine Beeinflussung der Stoffwechselwege der beiden Zelltypen. Die grössten Unterschiede in den Metabolomen (> 600 Metabolite) wurden in Leydig-Zwischenzellen nach kontinuierlicher Exposition beobachtet, während die Beeinflussung des Stoffwechsels der Spermatogonien weniger ausgeprägt war (ca. 50 Unterschiede). Bioinformatische Analysen der Metabolome der Leydig-Zwischenzellen ergaben, dass die Unterschiede für die kontinuierliche Exposition vornehmlich Aminosäuren, den Energie-Metabolismus und das anti-oxidative System (Glutathion) betrafen, wogegen die Intervall-Exposition zu Veränderungen von Fettsäuren und des Purin-Metabolismus führte. Obwohl sich nur ein kleiner Teil der veränderten Metabolite nach kontinuierlicher und intermittierender Exposition überlagerte, deutet die integrierte Analyse auf eine Rolle von ADP hin, das als «entladenes» Energie-Molekül und Stoffwechsel-Sensor eine zentrale Rolle im Energiestoffwechsel spielt.
Untersuchungen auf Stoffwechseleinflüsse von EMF gibt es bis anhin kaum, daher eröffnen die Daten dieser Studie diesbezüglich potenziell neue Erkenntnisse. In dieser Studie (Miao et al. 2025) mit Fokus auf Zellen des männlichen Fortpflanzungssystems wurden Hinweise auf Zelltyp- und Expositionsart-spezifische Unterschiede von Metaboliten gefunden, die viele andere zelluläre Mechanismen beeinflussen könnten. Die Veränderungen im Zusammenhang mit dem Energiemetabolismus und insbesondere die Reduktion der Glutathion-Synthese könnten im Zusammenhang mit einer Vielzahl von vorherigen Beobachtungen von EMF-Effekten stehen. Eine Verminderung der Effektivität des Glutathion-basierten anti-oxidativen Verteidigungssystems könnte das Auftreten von oxidativem Stress nach Exposition begünstigen, was in einigen Studien bereits beobachtet wurde (siehe Newsletter-Sonderausgabe Januar 2021). Es braucht allerdings noch viele weitergehende Untersuchungen, um diesen und weitere Zusammenhänge umfassend zu verstehen.
HF-EMF reguliert bestimmte Signalwege in der Differenzierung von Gliazellen während der Entwicklung der humanen Hirnrinde (Cakir et al. 2025)
In der Studie von Cakir et al. (2025) wurden Effekte von HF-EMF auf die Entwicklung der menschlichen Hirnrinde (Cortex) untersucht [dem Verein Diagnose-Funk war die Studie eine Pressemitteilung wert; Anm. Postingautor]. Es ist bekannt, dass neben genetischen Faktoren auch pränataler Stress, Infektionen sowie die Ernährung die Hirnentwicklung beeinflussen können. Die aus humanen Stammzellen entwickelten Hirnrinden-Organoide können eingesetzt werden, um die Selbsterneuerung von humanen neuronalen Stammzellen zu studieren und dienen so als Modell zur Erforschung von Wirkungen auf die menschliche Gesundheit.
Die Stammzellen wurden während ihrer ca. 70-tägigen Entwicklung zu Hirnrinden-Organoiden ab Tag 10 täglich für 12 oder 24 Stunden nach der Induktionsphase von Tag 10 – 70 (Reifungsphase) HF-EMF ausgesetzt (2,4 GHz, max. IPD: 2,5 mW/m²). Die täglich 12-stündige HF-EMF-Exposition ergab keine morphologischen Veränderungen der Organoide, während die 24-stündige HF-EMF-Exposition zu morphologischen Veränderungen und einer verringerten Organoid-Grösse in den frühen Entwicklungsphasen führte, die aber am Ende, nach 2 Monaten, nicht mehr ersichtlich waren. Die HF-EMF-Exposition induzierte einen Anstieg des Markers SOX2, einem Transkriptionsfaktor für die Erhaltung der Selbsterneuerung der Zellen, sowie eine erhöhte Zellteilung der apikalen Gliazellen. Diese Befunde wurden an Zellen von nicht-menschlichen Primaten verifiziert. Die Exposition resultierte ausserdem in einem Anstieg der Dichte von Dornfortsätzen von Dendriten (Ausläufern von Nervenzellen) und einer höheren Anzahl von Synapsen im Vergleich zu den Kontrollen. Diese Befunde weisen auf eine verbesserte synaptische Übertragung hin, was durch Messungen einer erhöhten elektrischen Aktivität nach HF-EMF-Exposition bestätigt wurde.
Im Weiteren verzögerte die HF-EMF-Exposition die Differenzierung und Entwicklung von Gliazellen aus den humanen Stammzellen in den Hirnrinden-Organoiden; die Nervenzellen behielten ihren Stammzellcharakter länger. Neben den morphologischen Veränderungen wurden nach HF-EMF-Exposition insbesondere Veränderungen von Genaktivitäten, eine erhöhte Dichte von dendritischen Dornfortsätzen sowie Funktionsänderungen der Nervenzellen gefunden. Dies sind Beobachtungen, die Charakteristika der Pathogenese von Patienten mit Autismus ähnelten. Die veränderte Regulation des sogenannten BET-Proteins durch HF-EMF, das eine Rolle in diesem Erkrankungskomplex spielt, induzierte Defekte in der neuronalen Entwicklung. Als Beweis für diesen Effekt konnte gezeigt werden, dass BET-Hemmer diese Effekte rückgängig machten.
Die Ergebnisse weisen auf einen Mechanismus hin, bei dem HF-EMF die frühe Gehirnentwicklung verzögert, und zwar durch eine Verzögerung der Reifung von neuronalen Vorläuferzellen, die durch epigenetische Signalwege vermittelt wird. Andererseits gibt es Hinweise, dass HF-EMF auch einen Prozess der Selbsterneuerung von neuronalen Stammzellen induziert, was eine interessante Beobachtung ist, die von therapeutischer Bedeutung für neurodegenerative Erkrankungen ist.
Experimentelle Humanstudien
Keine Auswirkungen von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern auf die kognitive Leistungsfähigkeit bei älteren Personen (> 60 Jahre) (Sauter et al. 2025)
Die Ergebnisse experimenteller Humanstudien über die Auswirkungen von HF-EMF auf die kognitive Leistungsfähigkeit sind heterogen. Die Autorinnen und Autoren der vorliegenden Studie untersuchten, ob die kognitiven Funktionen älterer Menschen (Männer und Frauen im Alter von 60 bis 80 Jahren) anfälliger sind, und sie daher anders auf die Exposition gegenüber HF-EMF reagieren als jüngere Menschen.
Je 30 Männer und Frauen wurden während 2,5 Stunden zwei Arten von Feldern und einer Kontrollbedingung ohne Feld ausgesetzt: GSM900 (Global System for Mobile Communications; Trägerfrequenz: 915 MHz, Modulation: 217 Hz, Duty Cycle: 0,125, SAR: 2 W/kg) und Tetra (Terrestrial Trunked Radio; Trägerfrequenz: 385 MHz, Modulation: 17,6 Hz, Duty Cycle: 0,25, SAR: 6 W/kg). Während der Exposition wurden kognitive Tests in Form von verschiedenen Aufmerksamkeitsaufgaben durchgeführt. Die Studie erfolgte doppelblind und randomisiert. Die Datenerhebung erfolgte an 9 Tagen (in Abständen von 2 Wochen; 3 Blöcke mit 3 Bedingungen). Beide Expositionen (GSM900 und Tetra) hatten keinen Effekt auf die kognitive Leistungsfähigkeit und waren auch nicht geschlechtsabhängig. Somit zeichnete sich auch keine Dosis-Wirkungsbeziehung ab (höhere Intensität der Strahlung bei Tetra).
Eine 2,5-stündige Exposition mit relativ hoher Intensität entspricht nicht einer realistischen Situation; es handelt sich hier um ein «worst-case» Szenario. Die Resultate entsprechen den Ergebnissen der jüngsten umfassenden Meta-Analysen für die jüngere Bevölkerung (siehe Newsletter-Sonderausgabe Dezember 2025). Allerdings sind in diesem Zusammenhang Metaanalysen nicht unbedingt sinnvoll, da die heterogenen Expositionsbedingungen der verschiedenen Studien nicht in die Analyse eingehen. Zusammenfassend lässt sich schlussfolgern, dass bezüglich der kognitiven Leistungsfähigkeit die ältere Bevölkerung nicht anfälliger ist als die jüngere. Allerdings können daraus keine Schlüsse über ältere Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder Krankheiten gezogen werden. Ebenso kann nichts über Effekte von Langzeitexposition ausgesagt werden.
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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –