Demenzsterblichkeit und Hochspannungsleitungen (Forschung)

KI, Samstag, 14.02.2026, 18:20 (vor 11 Stunden, 36 Minuten)

Große Schweizer Kohortenstudie findet statistische Signale – aber keinen Kausalnachweis. Eine neue Auswertung der Schweizerischen Nationalkohorte untersucht, ob langfristige Wohnnähe zu Hochspannungs- oder Bahnleitungen mit einem erhöhten Risiko verbunden ist, an einer neurodegenerativen Erkrankung zu sterben. Das Ergebnis zeigt einen statistischen Zusammenhang bei Demenz – allerdings ohne Beleg für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung.

Modellierte Exposition statt Messgerät

Die im Februar 2026 vorab veröffentlichte Studie von Sandoval-Diez et al. in der Fachzeitschrift Environment International basiert auf einer der größten Datengrundlagen, die es zu diesem Thema gibt. Untersucht wurden 3,56 Millionen Erwachsene in der Schweiz, die zwischen 2001 und 2018 beobachtet wurden – insgesamt über 55 Millionen Personenjahre.

Erfasst wurde nicht, wer an einer neurodegenerativen Erkrankung erkrankt, sondern wer mit entsprechender Diagnose verstorben ist. Als Endpunkte dienten Todesfälle mit Alzheimer, anderen Demenzformen, ALS, Parkinson oder Multipler Sklerose auf dem Totenschein. Der Unterschied ist zentral: „Demenzsterblichkeit“ beschreibt die dokumentierte Todesursache – nicht das Erkrankungsrisiko in der Bevölkerung.

Die Exposition gegenüber niederfrequenten Magnetfeldern (ELF-MF) wurde nicht individuell gemessen, sondern anhand der Wohnadresse modelliert. Für jede Person wurde die Entfernung zur nächsten Hochspannungsleitung (50 Hz) bzw. Bahnoberleitung (16,7 Hz) berechnet. Auf Basis publizierter Messdaten entwickelten die Autoren Distanz-Feldstärke-Modelle und berechneten zeitgewichtete 10-Jahres-Mittelwerte, um die langen Latenzzeiten neurodegenerativer Erkrankungen zu berücksichtigen.

Die Belastungsniveaus lagen insgesamt niedrig. Der Median der langfristigen Exposition durch Hochspannungsleitungen betrug 0,01 µT, durch Bahnlinien 0,03 µT. Nur 0,3 % der Bevölkerung lagen langfristig über 0,3 µT bei Hochspannungsleitungen; bei Bahnlinien waren es 2,4 %. Es handelt sich also um eine kleine exponierte Minderheit.

Ergebnisse: Ein Signal bei Demenz

Während der Nachbeobachtung wurden 146'655 Todesfälle mit neurodegenerativer Erkrankung registriert, darunter 28'798 mit Alzheimer und 97'804 mit anderen Demenzen. Für ALS, Parkinson und Multiple Sklerose zeigten sich über alle Modelle hinweg keine Zusammenhänge mit der modellierten Magnetfeldexposition.

Anders bei Demenz: Für Hochspannungsleitungen ergab sich nach Anpassung an soziodemografische und Umweltfaktoren ein Hazard Ratio von 1,54 pro 1 µT für Alzheimer und 1,31 für andere Demenzformen. Das bedeutet statistisch eine um 54 % beziehungsweise 31 % höhere Sterblichkeitsrate pro zusätzlichem Mikrotesla – nicht jedoch, dass entsprechend mehr Menschen erkranken.

Bei Bahnlinien waren die Effekte schwächer und verloren nach Berücksichtigung von Verkehrslärm weitgehend ihre statistische Signifikanz. Auffällig ist, dass die Bahnexposition mit Lärm und Luftschadstoffen korrelierte, während dies für Hochspannungsleitungen kaum zutraf.

Warum das kein Beweis für eine Ursache ist

Die Studie ist groß, methodisch aufwendig gerechnet und berücksichtigt zahlreiche Störfaktoren. Dennoch bleibt sie eine Beobachtungsstudie. Solche Designs können Zusammenhänge aufzeigen, aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen beweisen.

Die Exposition wurde modelliert, nicht gemessen. Residuale Störfaktoren – etwa Lebensstil, Berufsexposition oder diagnostische Unterschiede – lassen sich nie vollständig ausschließen. Zwar wurden Sensitivitätsanalysen und sogenannte E-Werte berechnet, um die Robustheit gegenüber unbekannter Konfundierung abzuschätzen, doch bleibt ein Restrisiko systematischer Verzerrung.

Hinzu kommt das Fehlen eines etablierten biologischen Mechanismus. Für sehr schwache niederfrequente Magnetfelder im Bereich weniger Zehntel Mikrotesla gibt es bislang keine konsistente experimentelle Evidenz, die eine neurodegenerative Wirkung plausibel erklären würde. Auch zeigte sich kein durchgängig konsistenter Dosis-Wirkungs-Trend über alle Expositionskategorien hinweg.

Schließlich ist die praktische Relevanz begrenzt: Selbst unter der Annahme, der beobachtete Zusammenhang sei kausal, errechnen die Autoren eine populationsbezogene Zuschreibung von rund einem Prozent der Alzheimerfälle für Hochspannungsleitungen. Da nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung höher exponiert ist, bleibt der mögliche Beitrag auf Bevölkerungsebene gering.

Einordnung

Die Studie bestätigt frühere Schweizer Befunde eines statistischen Zusammenhangs zwischen Wohnnähe zu Hochspannungsleitungen und Demenzsterblichkeit.

Was die Arbeit liefert, ist ein epidemiologisches Signal. Was sie nicht liefert, ist der Nachweis, dass niederfrequente Magnetfelder Demenz verursachen. Zwischen statistischer Assoziation und kausaler Wirkung liegt – wie so oft in der Umwelt-Epidemiologie – ein methodisch weiter Weg.

Kinderleukämie und Hochspannungsleitungen

H. Lamarr @, München, Samstag, 14.02.2026, 19:11 (vor 10 Stunden, 45 Minuten) @ KI

Der Zusammenhang zwischen Demenzsterblichkeit und Hochspannungsleitungen ist, aufs Alter der Betroffenen bezogen, der obere Eckpunkt der Forschung. Der untere Eckpunkt ist der Zusammenhang zwischen Kinderleukämie und niederfrequenter Magnetfeldexposition. Um auch auf diesem Gebiet den Kenntnisstand voran zu bringen, plant das Bundesamt für Strahlenschutz eine "Internationale Machbarkeitsstudie für eine interdisziplinäre Studie zur Untersuchung eines Zusammenhangs zwischen Umwelt-, genetischen Faktoren und Leukämie in B-Zell ALL Patienten". Das Amt hat das Projekt im Januar 2026 öffentlich ausgeschrieben und nimmt noch bis 17. März 2026 Angebote entgegen. Der Ausschreibungstext macht deutlich, worum es geht:

Die Entstehung von Leukämien im Kindesalter ist komplex und multifaktoriell. Es spielen genetische Veranlagungen, endogene Faktoren sowie äußere Umwelteinflüsse eine Rolle. Trotz umfangreicher wissenschaftlicher Untersuchungen sind die genauen Ursachen und das Zusammenspiel dieser Faktoren bislang nicht vollständig geklärt. Epidemiologische Studien, Beobachtungsstudien am Menschen, zeigten in der Vergangenheit jedoch einen statistischen Zusammenhang zwischen Leukämien im Kindesalter und der Exposition gegenüber extrem niederfrequenten Magnetfeldern (ELF-MF). Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) hat basierend auf diesen Ergebnissen Magnetfelder als „möglicherweise krebserregend“ (IARC-Klassifikation 2B) eingestuft. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Exposition gegenüber ELF-MF und dem Risiko von Leukämien bei Kindern kann jedoch nach aktuellem Stand der Forschung nicht eindeutig bestätigt werden. Es ist außerdem unklar, inwieweit genetische Faktoren, wie die spezifische Translokation ETV6-RUNX1 oder bestimmte vererbbare Mutationen in bekannten Suszeptibilitätsgenen, die Sensitivität gegenüber Umweltfaktoren wie ELF-MF beeinflussen. Aus Sicht des Strahlenschutzes besteht hier Forschungsbedarf.

Der Zusammenhang zwischen Expositionen gegenüber ELF-MF, anderen Umweltrisikofaktoren, genetischen Faktoren und Leukämie im Kindesalter soll in einer Studie mit Patienten untersucht werden, die an akuter lymphatischer Leukämie (ALL) erkrankt sind. Im Rahmen des abgeschlossenen Forschungsvorhabens 3620S92412 des Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) wurde für Deutschland untersucht, ob es möglich ist, Daten von Kindern mit ALL aus verschiedenen Kliniken zusammenzuführen und ihre Magnetfeld-Exposition mithilfe von Geodaten und Messungen zu bestimmen. Aufgrund der niedrigen Fallzahlen von Kindern mit B-Zell-ALL und einer spezifischen genetischen Subgruppe sowie der geringen Prävalenz an Haushalten mit erhöhter Magnetfeld-Exposition ist eine solche Studie jedoch auf nationaler Ebene in Deutschland kaum realisierbar.

Als Alternative soll im Rahmen dieses Forschungsvorhabens eine internationale Machbarkeitsstudie durchgeführt werden. Hierbei sollen auch Daten aus anderen europäischen Ländern einbezogen werden, um zu prüfen, ob eine internationale interdisziplinäre Studie (mit Expertise in pädiatrischer Onkologie, Molekularbiologie, Epidemiologie und Expositionserfassung) realisierbar ist und ob aussagekräftige Ergebnisse zu erwarten sind. Zu untersuchen ist die Möglichkeit, diese Studie in laufende europäische klinische ALL-Studien zu integrieren. Hierzu sind Kontakte zu Studienzentren sowie die Klärung datenschutzrechtlicher und ethischer Fragen erforderlich. In der Machbarkeitsstudie wird außerdem eine Planung für eine internationale Pilotstudie erstellt, die unter anderem eine Fallzahlschätzung und eine Methodik zur Erfassung bzw. Schätzung der ELF-MF-Exposition umfasst. Zusätzlich soll geprüft werden wie weitere mögliche Umweltrisikofaktoren wie eine Exposition gegenüber Radon und ionisierender Strahlung von Kernkraftwerken berücksichtigt werden können. Abschließend sollen Empfehlungen für die Durchführung der Pilotstudie sowie einer möglichen Hauptstudie erarbeitet werden.

Ziel ist es, mittels der gewonnenen Daten verschiedene Risikofaktoren, wie ELF-MF, mit genetischen Faktoren, wie dem molekulargenetischen Subtyp der ALL, zu korrelieren. Bei dem vorliegenden Vorhaben handelt es sich um eine Machbarkeitsstudie. Sie dient zur Überprüfung, ob eine interdisziplinäre Hauptstudie durchgeführt werden kann und ob aussagekräftige bzw. statistisch belastbare Ergebnisse zu erwarten sind.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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