Demenzsterblichkeit und Hochspannungsleitungen (Forschung)
Große Schweizer Kohortenstudie findet statistische Signale – aber keinen Kausalnachweis. Eine neue Auswertung der Schweizerischen Nationalkohorte untersucht, ob langfristige Wohnnähe zu Hochspannungs- oder Bahnleitungen mit einem erhöhten Risiko verbunden ist, an einer neurodegenerativen Erkrankung zu sterben. Das Ergebnis zeigt einen statistischen Zusammenhang bei Demenz – allerdings ohne Beleg für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung.
Modellierte Exposition statt Messgerät
Die im Februar 2026 vorab veröffentlichte Studie von Sandoval-Diez et al. in der Fachzeitschrift Environment International basiert auf einer der größten Datengrundlagen, die es zu diesem Thema gibt. Untersucht wurden 3,56 Millionen Erwachsene in der Schweiz, die zwischen 2001 und 2018 beobachtet wurden – insgesamt über 55 Millionen Personenjahre.
Erfasst wurde nicht, wer an einer neurodegenerativen Erkrankung erkrankt, sondern wer mit entsprechender Diagnose verstorben ist. Als Endpunkte dienten Todesfälle mit Alzheimer, anderen Demenzformen, ALS, Parkinson oder Multipler Sklerose auf dem Totenschein. Der Unterschied ist zentral: „Demenzsterblichkeit“ beschreibt die dokumentierte Todesursache – nicht das Erkrankungsrisiko in der Bevölkerung.
Die Exposition gegenüber niederfrequenten Magnetfeldern (ELF-MF) wurde nicht individuell gemessen, sondern anhand der Wohnadresse modelliert. Für jede Person wurde die Entfernung zur nächsten Hochspannungsleitung (50 Hz) bzw. Bahnoberleitung (16,7 Hz) berechnet. Auf Basis publizierter Messdaten entwickelten die Autoren Distanz-Feldstärke-Modelle und berechneten zeitgewichtete 10-Jahres-Mittelwerte, um die langen Latenzzeiten neurodegenerativer Erkrankungen zu berücksichtigen.
Die Belastungsniveaus lagen insgesamt niedrig. Der Median der langfristigen Exposition durch Hochspannungsleitungen betrug 0,01 µT, durch Bahnlinien 0,03 µT. Nur 0,3 % der Bevölkerung lagen langfristig über 0,3 µT bei Hochspannungsleitungen; bei Bahnlinien waren es 2,4 %. Es handelt sich also um eine kleine exponierte Minderheit.
Ergebnisse: Ein Signal bei Demenz
Während der Nachbeobachtung wurden 146'655 Todesfälle mit neurodegenerativer Erkrankung registriert, darunter 28'798 mit Alzheimer und 97'804 mit anderen Demenzen. Für ALS, Parkinson und Multiple Sklerose zeigten sich über alle Modelle hinweg keine Zusammenhänge mit der modellierten Magnetfeldexposition.
Anders bei Demenz: Für Hochspannungsleitungen ergab sich nach Anpassung an soziodemografische und Umweltfaktoren ein Hazard Ratio von 1,54 pro 1 µT für Alzheimer und 1,31 für andere Demenzformen. Das bedeutet statistisch eine um 54 % beziehungsweise 31 % höhere Sterblichkeitsrate pro zusätzlichem Mikrotesla – nicht jedoch, dass entsprechend mehr Menschen erkranken.
Bei Bahnlinien waren die Effekte schwächer und verloren nach Berücksichtigung von Verkehrslärm weitgehend ihre statistische Signifikanz. Auffällig ist, dass die Bahnexposition mit Lärm und Luftschadstoffen korrelierte, während dies für Hochspannungsleitungen kaum zutraf.
Warum das kein Beweis für eine Ursache ist
Die Studie ist groß, methodisch aufwendig gerechnet und berücksichtigt zahlreiche Störfaktoren. Dennoch bleibt sie eine Beobachtungsstudie. Solche Designs können Zusammenhänge aufzeigen, aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen beweisen.
Die Exposition wurde modelliert, nicht gemessen. Residuale Störfaktoren – etwa Lebensstil, Berufsexposition oder diagnostische Unterschiede – lassen sich nie vollständig ausschließen. Zwar wurden Sensitivitätsanalysen und sogenannte E-Werte berechnet, um die Robustheit gegenüber unbekannter Konfundierung abzuschätzen, doch bleibt ein Restrisiko systematischer Verzerrung.
Hinzu kommt das Fehlen eines etablierten biologischen Mechanismus. Für sehr schwache niederfrequente Magnetfelder im Bereich weniger Zehntel Mikrotesla gibt es bislang keine konsistente experimentelle Evidenz, die eine neurodegenerative Wirkung plausibel erklären würde. Auch zeigte sich kein durchgängig konsistenter Dosis-Wirkungs-Trend über alle Expositionskategorien hinweg.
Schließlich ist die praktische Relevanz begrenzt: Selbst unter der Annahme, der beobachtete Zusammenhang sei kausal, errechnen die Autoren eine populationsbezogene Zuschreibung von rund einem Prozent der Alzheimerfälle für Hochspannungsleitungen. Da nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung höher exponiert ist, bleibt der mögliche Beitrag auf Bevölkerungsebene gering.
Einordnung
Die Studie bestätigt frühere Schweizer Befunde eines statistischen Zusammenhangs zwischen Wohnnähe zu Hochspannungsleitungen und Demenzsterblichkeit.
Was die Arbeit liefert, ist ein epidemiologisches Signal. Was sie nicht liefert, ist der Nachweis, dass niederfrequente Magnetfelder Demenz verursachen. Zwischen statistischer Assoziation und kausaler Wirkung liegt – wie so oft in der Umwelt-Epidemiologie – ein methodisch weiter Weg.