Mevissen-Review für WHO: kritische Bewertungen aus UK und AUS (Forschung)
Die aktuelle Datenlage rechtfertigt nach Auffassung des Bundesamts keine hohe oder auch nur mäßige Evidenz für ein tierexperimentell nachweisbares Krebsrisiko durch HF-EMF. Vielmehr sei die Evidenz so brüchig, dass man gerade nicht von einer "eingeschränkten Evidenz" sprechen könne, sondern zunächst Methodik- und Dosimetrie-Standards sowie Replikationsstudien benötige.
In der Fachzeitschrift Environment International ist ein „letter to the editor“ publiziert worden, in dem Vertreter der Behörden Arpansa (Australien) und UKHSA (UK) sowie einer britischen Forschungskooperation die methodische Herangehensweise der systematischen Übersichtsarbeit zur krebserregenden Wirkung hochfrequenter EMF im Tiermodell kritisieren.
Die Autor*innen der Übersichtsarbeit haben eine Replik auf die Kritik vorgelegt, mit der sie die Vorwürfe zurückweisen.
Und nun?
Wer hat jetzt in dem Ping-Pong-Schlagabtausch die Oberhand gewonnen, Karipidis et al. oder Mevissen et al.? Da ich das selber nicht kompetent beurteilen kann, habe ich die Frage an ChatGPT weitergereicht und der KI die PDFs der Kritik und der Replik zur Verfügung gestellt:
Frage an ChatGPT: Mich würde interessieren, wer von den Kontrahenten überzeugender argumentiert hat. Traust du dir zu, das objektiv zu beurteilen?
Die Antwort der KI ist folgend kursiv markiert.
Ja, das traue ich mir zu – mit zwei Einschränkungen:
„Objektiv“ heißt hier: Bewertung entlang methodischer Kriterien (Systematik, interne Konsistenz, Anschluss an Leitlinien, argumentative Stringenz), nicht entlang der Frage, wer „recht hat“.
Es handelt sich um zwei Positionspapiere, keine neuen Datenanalysen.
Ich habe beide Texte systematisch gegeneinander gespiegelt.
Im Folgenden die analytische Kurzbewertung.
Synthesis-Strategie („ein positives Signal reicht“)
Kritik: Karipidis et al. werfen Mevissen vor, positive Einzelbefunde isoliert hochzustufen und inkonsistente oder negative Ergebnisse nicht adäquat zu gewichten. Das ist ein schwerwiegender Vorwurf, weil er die Grundlogik der Evidenzintegration betrifft.
Replik: Mevissen beruft sich auf das OHAT-Framework und argumentiert, Inkonsistenzen seien erklärbar durch Spezies-, Dosis- oder Designunterschiede
Bewertung: Hier bleibt die Replik teilweise defensiv. Sie erklärt, warum Inkonsistenz nicht automatisch downgraded wird, adressiert aber nur indirekt den Kernvorwurf: ob die Evidenz tatsächlich „in ihrer Totalität“ gewichtet wurde oder ob einzelne Signale überproportional einflossen.
► Leichter methodischer Vorteil: Karipidis.
Meta-Analyse
Kritik: Warum keine Meta-Analyse, wenn andere Reviews eine durchgeführt haben?
Replik: Heterogenität der Tiermodelle, Expositionsparameter und statistische Abhängigkeiten (gemeinsame Kontrollen) machten eine Meta-Analyse unzulässig
Bewertung: Die Argumentation von Mevissen ist hier fachlich konsistent. In tierexperimenteller Karzinogenese sind Designunterschiede tatsächlich häufig substanziell. Der Hinweis auf abhängige Kontrollgruppen bei Pinto ist ein legitimer methodischer Punkt.
► Vorteil: Mevissen.
Trendtests vs. Einzelvergleiche (NTP)
Kritik: Nicht-signifikante Einzelvergleiche, aber signifikanter Trend – plus Multiplikationsproblematik (viele Tests)
Replik: Trendtests (Armitage, Poly-k) seien leitlinienkonform und als eigenständige Hypothesentests valide
Bewertung: Beide Seiten argumentieren auf hohem statistischem Niveau. Der entscheidende Punkt ist nicht, ob Trendtests zulässig sind (das sind sie), sondern ob bei multiplen Endpunkten und geteilten Kontrollen ausreichend gegen Alpha-Fehler-Inflation abgesichert wurde.
Hier bleibt die Replik eher autoritativ („NTP ist state of the art“) als analytisch. Der Multiplikationsvorwurf wird nicht detailliert entkräftet.
► Leichter Vorteil: Karipidis.
Risk of Bias (RoB) und historische Kontrollen
Kritik: Zu großzügige RoB-Bewertung, unzureichende Berücksichtigung methodischer Schwächen der NTP- und Ramazzini-Studien
Replik: Verweis auf Leitlinien (OECD, IARC, EPA), Verteidigung der Nutzung historischer Kontrollen, Begründung für nicht geblindete Pathologie
Bewertung: Hier ist Mevissen argumentativ stark. Sie liefern guideline-basierte Begründungen und erklären toxikologische Praxis (nicht-blind initiale Histopathologie). Karipidis argumentiert plausibel, aber eher problematisierend als systematisch leitliniengestützt.
► Vorteil: Mevissen.
Übertragbarkeit auf Menschen (Expositionsniveau, Penetrationstiefe)
Kritik: Tierexpositionen teils über Alltagsniveau; Penetrationstiefe nicht vergleichbar
Replik: Irrelevant – Ziel der Review war nur Tierkarzinogenität, nicht Human-Risikobewertung
Bewertung: Formal hat Mevissen recht: Eine Hazard-Identifikation im Tiermodell ist nicht identisch mit Human-Risikoabschätzung. Insofern geht dieser Kritikpunkt teilweise am Mandat vorbei.
► Vorteil: Mevissen.
Gesamteindruck
Karipidis et al. sind stärker in:
Multiplikations- und Trendproblematik
Frage der Evidenzgewichtung („ein positives Signal genügt?“)
Skepsis gegenüber singulären Studien mit hohem Einfluss
Mevissen et al. sind stärker in:
Leitlinienbezug (IARC, OECD, EPA, OHAT)
Verteidigung toxikologischer Standardpraxis
Begründung gegen Meta-Analyse
formaler RoB-Systematik
Wenn ich die Argumentationskohärenz und methodische Substanz gegeneinander abwäge: Es ist kein klarer „Sieg“. Aber in der zentralen Frage – ob die Review methodisch unhaltbar sei – wirkt die Kritik überzogen. Die Replik zeigt, dass die Methodik nicht willkürlich war, sondern im Rahmen etablierter toxikologischer Bewertungslogik stand.
Meine nüchterne Gesamtbewertung
Die Replik von Mevissen et al. ist methodisch robuster als die Kritik suggeriert. Die stärksten offenen Punkte, damit meine ich methodische Fragen, die durch die Replik nicht vollständig ausgeräumt werden, betreffen die Gewichtung multipler Tests und die Hochstufung der Evidenz bei inkonsistenter Datenlage
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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –
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