Wissenschaftlicher Beirat Funk legt Gutachten 2023 vor (Forschung)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 11.01.2024, 13:17 (vor 131 Tagen)

Anhand der aktuellen Studienlage kamen die Wissenschafterinnen und Wissenschafter des WBF, Österreich, auch 2023 zu dem Ergebnis, dass eine vom Mobilfunk ausgehende Gefahr für die Gesundheit des Menschen als unwahrscheinlich anzusehen ist. Geprüft und bewertet wurden 160 wissenschaftliche Arbeiten, die im Zeitraum von Juli 2022 bis inklusive Juni 2023 international publiziert wurden.

Neben den Mitgliedern des WBF nahmen eine Reihe externer Expertinnen und Experten relevanter Fachgebiete an der Prüfung der Studien sowie an der Erstellung des Konsensusbeschlusses teil. Gegenstand der Begutachtung waren Veröffentlichungen von Studien (Human-, Tier- und Zellstudien) sowie weitere wissenschaftliche Arbeiten auf folgenden Gebieten: Befindlichkeit und Schlaf, Gehirn und Nervensystem, männliche Fertilität, Hals-Nasen-Ohren, Augen, Haut, Kinder und Jugendliche, Epidemiologie und Krebserkrankungen, Zellbiologie und Dosimetrie.

Studienlage weiter verschlechtert

Die Expertinnen und Experten äußerten sich durchgängig kritisch zur wissenschaftlichen Qualität der vorliegenden Studien und sonstigen Arbeiten. "Die Studienlage zu diesem Thema verschlechtert sich zusehends! Ich hatte in meinem Fachbereich nur eine einzige Originalarbeit zu beurteilen – alles andere waren Briefe, Kommentare und Reviews, neuerdings "Umbrella-Reviews", das sind systematische Reviews von systematischen Reviews", erläuterte Univ.-Prof. Dr. Gerald Haidinger (Zentrum für Public Health an der MedUni Wien, Abteilung für Sozial- und Präventivmedizin), Vorsitzender des WBF.

Tatsächlich zeigte sich dann im Laufe des Meetings, als die einzelnen Fachgebiete von den zuständigen Expertinnen und Experten erörtert und im Anschluss daran interdisziplinär diskutiert wurden, dass es inhaltlich wenig Neues zu berichten gibt.

No News are Good News

"Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die zum Großteil fragwürdigen wissenschaftlichen Arbeiten für uns keine neuen Erkenntnisse gebracht haben: Es gibt nach wie vor keinen Nachweis der Gefährdung der menschlichen Gesundheit durch hochfrequente elektromagnetische Felder des Mobilfunks. In unserem Fall sind ja keine Neuigkeiten gute Neuigkeiten", so Univ.-Prof. Dr. Christian Wolf, Internist und Arbeitsmediziner sowie Stv. Vorsitzender des WBF. Wie Prof. Haidinger ausführte, können wir mittlerweile auf mehr als 25 Jahre Mobilfunknutzung zurückblicken, ohne dass sich diese in der Inzidenzentwicklung von Tumorerkrankungen negativ bemerkbar gemacht hätte.

Dosimetrie: Studienqualität zufriedenstellend

Der zuständige Experte des WBF, Dipl.-Ing. Dr. Georg Neubauer (Austrian Institute of Technology), bestätigte die überwiegend gute Qualität der aktuellen Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Dosimetrie. Zahlreiche dosimetrische Studien fokussierten im letzten Publikationsjahr auf die Bestimmung der Leistungsflussdichte bei Exposition durch Millimeterwellen (5G). Erste Studien beschäftigen sich laut Dr. Neubauer mit anderen Anwendungen als Exposition durch Smartphones.

HF-EMF-Exposition gleichbleibend

Interessant sind die Ergebnisse zweier Studien, die längerfristige Entwicklungen unter die Lupe nahmen. Eine norwegische Studie untersuchte die Veränderung der Exposition der Bevölkerung im Zeitraum von 2013 bis 2019 und kam zu dem Ergebnis, dass im langfristigen Trend – trotz Einführung neuer Mobilfunktechnologien – keine Erhöhung der Exposition beobachtet werden konnte.

Eine spanische Literaturstudie anhand von 56 Studien im Zeitraum von 1998 bis 2021 zeigte auf, dass in allen Fällen der Exposition von Individuen die Grenzwerte eingehalten wurden.

Streit um Deutungshoheit beilegen

Bei Analyse von bisher rund 2'000 Studien erkennt man, dass es hier zwei Gruppen von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern gibt: Die einen sind Icnirp zuzuordnen (International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection) und dem IEEE-ICES (International Committee on Electromagnetic Safety), die anderen der "BioInitiative". Die beiden Gruppen gelangen zu jeweils unterschiedlichen Ergebnissen bei der Beurteilung vorliegender Studien. Dazu Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Norbert Vana, Strahlenphysiker und ehemaliger Vorsitzender des WBF: "Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter der beiden Gruppen stützen sich auf verschiedene Ausbildungen und vertreten unterschiedliche Fachgebiete, zum Teil sind die Gruppen einseitig besetzt. Daraus resultieren die völlig anderen Aussagen zu den Ergebnissen der Analysen [siehe dazu auch hier; Anm. Postinautor]. Schon im Jahr 2012 wurde angeregt, einen runden Tisch mit ausgewählten Expertinnen und Experten beider Seiten zu bilden, um sich der Lösung dieser Problematik zu widmen. Ein solcher wurde jedoch bisher sowohl von Icnirp als auch von der BioInitiative bedauerlicherweise abgelehnt." [Begründung der Ablehnung; Anm. Postingautor]

Quelle: Pressemitteilung des WBF vom Januar 2024

Weiterführende Informationen
Konsensusbeschluss 2023 des WBF
Expertinnen und Experten des WBF 2023
Literaturliste 2023

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Wissenschaftlicher Beirat Funk legt Gutachten 2023 vor

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 11.01.2024, 15:54 (vor 131 Tagen) @ H. Lamarr

Traditionell fasst der WBF seinen Konsensusbeschluss gegen Ende November eines Jahres und präsentiert ihn im Dezember. Das Präsentationsdatum war unglücklich und die Resonanz schwach, da Weihnachten vor der Tür steht und die Leute dann ganz anderes im Kopf haben. Diesmal wurde schlau abgewartet, bis sich die Gemütslage wieder beruhigt hat und der Beschluss wurde erst nach Hl.-Drei-König veröffentlicht :-).

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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