Neuseeland: NIR-Report 2022, ein Papier mit Tücken (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 13.07.2022, 01:08 (vor 139 Tagen)

Microwave News bemängelt den jüngsten EMF-Report 2022 für das neuseeländische Gesundheitsministeriums als zu Icnirp-freundlich. Darüber könnte man streiten. Nicht streiten lässt sich über einen von Slesin übersehenen groben Fehler im Layout des Reports.

Louis Slesin ist bekanntlich kein Freund von Icnirp. Ergo muss es dem Redakteur von Microwave News gegen den Strich gehen, folgt der aktuelle EMF-Report der Neuseeländer den Bewertungsrichtlinien von Icnirp. Konkret bemängelt der 75-Jährige New Yorker in einer Kurzmeldung (Original):

NZ NIR-Report 2022

"Interagency Committee on the Health Effects of Non-Ionising Fields: Report to Ministers", neuseeländisches Gesundheitsministerium, 28. Juni 2022.

Der Bericht umfasst 107 Seiten: Er ist voll der Zustimmung zu ICNIRP (sowohl zu HF- als auch zu NF-EMFs) und empfiehlt die Annahme der HF-Expositionsrichtlinien von ICNIRP 2020.

Seltsamerweise werden die Ausschussmitglieder nicht namentlich genannt, und sie dürfen nicht mit den Medien sprechen.

Tatsächlich werden die Mitglieder des Ausschusses, der den Report im Auftrag des Gesundheitsministeriums alle paar Jahre verfasst, namentlich nicht genannt und sie dürfen auch nicht in den Medien hemmungslos über ihre Arbeit im Ausschuss plaudern. Unklar ist, warum Slesin das jetzt erst bemängelt, denn beides praktiziert der Report schon seit seinem ersten Erscheinen 2015. Doch ist diese Praxis überhaupt seltsam? Wenn sie es ist, gilt der Vorwurf z.B. auch für die Alarmstudiendatenbank EMF-Data von Diagnose-Funk. Denn der Stuttgarter Verein legt nicht offen, wer die Autoren sind, die dort Alarmstudien zusammenfassen und kommentieren.

Sage mir wer du bist, damit ich dich entwerten kann

Aus dem Blickwinkel der Mobilfunkdebatte sind Namensnennungen bei umstrittenen Berichten oder Kommentaren erstrangig deshalb von Interesse, um nach bekannten Namen Ausschau zu halten, mit denen sich eine Publikation je nach Interessenlage auf- oder abwerten lässt. So würde Louis Slesin die Namen der Ausschussmitglieder wahrscheinlich deshalb gerne wissen, um mögliche Verbindungen zu Icnirp oder IEEE nachweisen zu können. Dies ist ebenso legitim wie umgekehrt mein Interesse, von Diagnose-Funk bezahlte Studienkommentatoren als überzeugte und/oder fachlich unqualifizierte Mobilfunkgegner zu überführen. Objektiv gesehen wäre es deshalb immer vorteilhaft, man wüsste, mit wem man es zu tun hat, um nach Interessenkonflikten forschen zu können. Nur, wenn schon Transparenz gewünscht wird, dann bitte von allen Teilnehmern der Mobilfunkdebatte und nicht nur einseitig. Was allgemeine Transparenz anbelangt sehe ich organisierte Mobilfunkgegner weit hinter den Behörden und der Wissenschaft auf Platz 2 von zwei Plätzen.

Sprechverbot mit den Medien

Den Medien-Maulkorb für die Ausschussmitglieder hat Slesin nicht von einem geheimen Informanten gesteckt bekommen, sondern auf Seite 102 des Reports entdeckt. Dort heißt es (in deutscher Übersetzung) beträchtlich konkreter als bei Slesin:

Medienpolitik: Bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben als Mitglieder des Ausschusses dürfen die Mitglieder keine Medienerklärungen im Namen des Ausschusses oder über die Arbeiten des Ausschusses abgeben, es sei denn, sie werden vom Generaldirektor für Gesundheit dazu aufgefordert. Wenn Mitglieder Medienanfragen erörtern möchten, sollten sie sich in erster Linie an die Abteilung für Unternehmenskommunikation des Gesundheitsministeriums wenden (Tel. 04 496 2008, Mobil 021 366 111).

Der angebliche Maulkorb ist also nur das legitime Bestreben des neuseeländischen Gesundheitsministeriums, einen Sack Flöhe daran zu hindern, unkontrolliert Meinungsbekundungen in die Welt hinaus zu posaunen. Für legitim halte ich dies, weil der Ausschuss keine eingeschworene Gruppe ist, sondern ein bunt zusammengewürfelter Haufen quer durch alle Interessenrichtungen. Welche zehn Interessenvertretungen Vertreter in den Ausschuss entsenden, lässt sich ebenfalls auf Seite 102 nachlesen.

Bei dem reichlich mit Vorständen gesegneten Verein Diagnose-Funk ist es übrigens nicht viel anders. Um seine Außenwirkung unter Kontrolle zu behalten dürfen, wenn ich die Vereinssatzung richtig verstanden habe, weder Hinz noch Kunz, sondern nur der erste und zweite Vorsitzende den Verein nach außen hin vertreten.

Keine Extrawurst für EMF-Ausschuss

Das neuseeländische Gesundheitsministerium arbeitet gerne mit Sachverständigenausschüssen, z.B. auch was die Drogenpolitik angeht. Der interinstitutionelle Drogen-Ausschuss (IACD) ist strukturell mit dem interinstitutionellen EMF-Ausschuss vergleichbar. Und es zeigt sich das gleiche Bild: Wie beim EMF-Ausschuss werden auch beim Drogen-Ausschuss keine Namen der Ausschussmitglieder preisgegeben (siehe Appendix 2), sondern lediglich die Interessenvertretungen genannt, die Vertreter in den Ausschuss entsenden. Womit dem Verdacht die Grundlage entzogen ist, nur beim EMF-Ausschuss werde diese "seltsame" Extrawurst gebraten.

Ausschuss tagt 2-mal im Jahr

Um über die Entwicklungen auf dem Laufenden zu bleiben, beruft das neuseeländische Gesundheitsministerium den beratenden Sachverständigenausschuss "Interagency Committee on the Health Effects of Non-Ionising Fields" ein (Interinstitutioneller Ausschuss für die gesundheitlichen Auswirkungen nichtionisierender Felder), der neue Forschungsergebnisse prüft. Der Ausschuss tritt alle sechs Monate zusammen. Hat er einen begründeten Verdacht auf Gesundheitsgefahren oder andere wichtige Belange, ist er gemäß seinem Mandat verpflichtet, dem Gesundheitsminister einschlägige Informationen unverzüglich zur Kenntnis zu bringen. Der Ausschuss wird auch weiterhin neue Forschungsergebnisse verfolgen, sobald sie verfügbar sind. Darüber hinaus beteiligt sich das Ministerium an einem Projekt der Weltgesundheitsorganisation zur Bewertung der gesundheitlichen Auswirkungen elektromagnetischer Felder.

Schlamperei beim Layouten des Reports 2022

Wer auf Seite 102 die Fußzeile dieser Seite betrachtet, wird gegenwärtig dort lesen:

INTERAGENCY COMMITTEE ON THE HEALTH EFFECTS OF NON-IONISING FIELDS: REPORT TO MINISTERS 2018

Wie jetzt?! Der Report ist doch von 2022, wieso steht in der Fußzeile dann 2018?

Dieser Fehler ist ein typischer Layoutfehler, der mir als CvD von Fachzeitschriften wohl vertraut ist. Er passiert dann, wenn Layouter sich zur Herstellung eines neuen Reports eine ältere Ausgabe mit weitgehend gleicher Struktur angeln, um sich Arbeit zu ersparen. Mit Copy-Paste wird dann veralteter Text gegen neuen ersetzt, um die richtige Formatierung muss man sich kaum noch kümmern. Ist ein Layouter gewissenhaft, kommt er mit dieser Methode schneller zum Ziel als wenn der gesamte Report neu formatiert werden muss. Schlamper können einen CvD dagegen das Leben schwer machen, wenn z.B. lebende Kolumnentitel auf linken Seiten korrekt sind, weil der Layouter sie dort aktualisiert hat, er dies auf rechten Seiten aber vergessen hat, und dort deshalb ein alter falscher Kolumnentitel steht. Auch eine falsche Seitennummerierung oder falsche (veraltete) Fußzeilen und andere Stolpersteine mehr können so mühelos zustande kommen.

Offensichtlich stand dem Report 2022 das Layout des Reports 2018 Pate und ein unkonzentrierter Layouter hat inhaltlich bis auf die Fußzeile gleich gebliebene Seiten einfach übernommen, ohne die Fußzeile zu aktualisieren. Und auch die Korrekturleser müssen allesamt einen schlechten Tag gehabt haben. Sehr viele Seiten im Report 2022 sind von diesem peinlichen Fehler betroffen, ob auch inhaltlich aktualisierte Seiten mit der veralteten Fußzeile versehen wurden habe ich nicht mehr geprüft. Der Fehler irritiert besonders dann, wenn jemand beide Reports öffnet, um z.B. Textvergleiche anzustellen, denn schnell geht die Orientierung verloren, in welchem der beiden Reports man momentan unterwegs ist. Dann hilft nur der Rücksprung auf die Titelseite.

Hintergrund
Interagency Committee on the Health Effects of Non-ionising Fields: Report to Ministers 2022

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Entwertung, Doppelmoral, Maulkorb, Slesin, ICNIRP-Kritiker, Microwave News, EMF-Report

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