Fertilität: Fossile Brennstoffe anstelle von EMF unter Verdacht (Forschung)

H. Lamarr @, München, Montag, 03.01.2022, 23:17 (vor 338 Tagen)

Am 15. Dezember 2021 erschien in der Fachzeitschrift Nature Reviews Endocrinology der Artikel Environmental factors in declining human fertility. Die Autoren diskutieren darin Daten, die darauf hindeuten, dass sich die reproduktive Gesundheit in industrialisierten Regionen verschlechtert. Weit verbreitete Unfruchtbarkeit und die Notwendigkeit einer assistierten Reproduktion aufgrund von schlechter Samenqualität und/oder Eizellenversagen sind heute große Gesundheitsprobleme. Andere Indikatoren für eine nachlassende reproduktive Gesundheit sind ein weltweiter Anstieg der Inzidenz von Hodenkrebs bei jungen Männern und Veränderungen in der Häufigkeit von Zwillingen. Es gibt auch Hinweise auf einen parallelen Rückgang der Raten legaler Abtreibungen, was eine Verschlechterung der Gesamtbefruchtungsrate erkennen lässt.

Glaubt man dem Verein Diagnose-Funk, ist an dieser besorgniserregenden Entwicklung vor allem die weltweite Verbreitung des digitalen Mobilfunks schuld. Doch es gibt viele gute Gründe, dem Verein nichts zu glauben. Auch das nicht, was er in pseudowissenschaftlicher Verpackung vollmundig über Fertilitätsprobleme zu berichten weiß.

Schon um 1900 waren geringfügige Veränderungen der Fruchtbarkeitsziffern sichtbar und die meisten industrialisierten Regionen weisen heute Geburtenraten auf, die unter dem Niveau liegen, das zur Erhaltung ihrer Bevölkerung erforderlich ist. Die Autoren des Artikels sehen jedoch nicht EMF als Verursacher unter Generalverdacht, sie erwähnen elektromagnetische Felder nicht einmal am Rande. Vielmehr gehen sie davon aus, dass die reproduktiven Gesundheitsprobleme teilweise mit der zunehmenden Exposition des Menschen gegenüber Chemikalien zusammenhängen, die direkt oder indirekt aus fossilen Brennstoffen stammen. Allein dieser Verdacht der Autoren hätte mich noch nicht zu diesem Posting bewegt, wäre es nicht die IARC gewesen, die auf die Studie aufmerksam machte, weil Wissenschaftler der IARC als Autoren an der Studie beteiligt sind. Erst dieser Umstand gibt mMn der Arbeit das spezielle Geschmäckle.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
IARC, Fertilität, Hodenkrebs, Chemikalien

Weltweiter Anstieg der Hodenkrebsinzidenz bei jungen Männern

H. Lamarr @, München, Freitag, 07.01.2022, 00:27 (vor 335 Tagen) @ H. Lamarr

Andere Indikatoren für eine nachlassende reproduktive Gesundheit sind ein weltweiter Anstieg der Inzidenz von Hodenkrebs bei jungen Männern ...

Huuuch ....!

Was für eine gute Steilvorlage der IARC für die notorischen Alarmisten der Anti-Mobilfunk-Szene. Smartphone in der Hosentasche und die bestrahlten Testikel fangen nach x Jahren an zu meutern. Der Zusammenhang liegt für jedermann ersichtlich glasklar auf der Hand.

Kann denn Logik Sünde sein?

Klar, denn ein Zusammenhang muss noch lange kein Kausalzusammenhang sein.

Gehen wir der heiklen Sache mit bescheidenen Bordmitteln einmal nach.

Das sagen Onkologen des Zentrum für Krebsregisterdaten (ZfKD) über Hodenkrebs.

Da schau her, "Lebens­stil und Umwelt­faktoren spielen nach derzei­tigen Erkennt­nissen keine Rolle." Zu dumm, es wäre doch zu schön gewesen. Immerhin startete der digitale Massenfunk ziemlich genau vor 30 Jahren, die ersten GSM-Mobiltelefone passten allerdings noch nicht in Hosentaschen. Das änderte sich aber bald. Heute 50-Jährige können es gut und gerne auf 25 Jahre im Testikelgrillen gebracht haben. Das sollte für Hodenkrebs ausreichend lange sein. Wie auch immer, zu erwarten ist, dass die Inzidenz-Fallzahlen in den zuletzt vergangenen Jahren trendmäßig stetig nach oben zeigen.

Schauen wir mal, was die Datenbank des ZfKD über die Statistik von Hodenkrebs weiß.

Gewählte Filter
Altersgruppe: 0 – 85+
Diagnose: Hoden (C62)
Geschlecht: männlich (was sonst ...)
Jahre: 1999 – 2018

[image]

Eine nicht gerade umwerfend dramatische Grafik der Inzidenz-Fallzahlen. Ausgerechnet mit dem Marktstart der Smartphones (2007) stagniert der Anstieg, es gibt sogar rückläufige Phasen. Ein Zusammenhang mit der Verbreitung von Smartphones und deren zunehmender Nutzungsdauer ist selbst mit Knick in der Pupille nicht erkennbar.

Eva W. aus O. in M. könnte jetzt einwenden: Moment mal, die Altersgruppe reicht bis 85+! Dabei ist doch von jungen Männern die Rede. Das riecht nach Betrug! Ein dramatischer Anstieg bei jungen Männern könnte schließlich durch einen ebensolchen Rückgang bei den grauen Panthern egalisiert werden. Wir lassen uns doch nicht für dumm verkaufen.

Also gut, dann hier die Grafik der Inzidenz-Fallzahlen für die Altersgruppe 0 bis 29.

[image]

Okay, ein bisschen steiler ist der Anstieg jetzt schon, Dramatik sehe ich aber noch immer nicht. Vor allem passt auch diese Grafik überhaupt nicht mit Verbreitung und Nutzungsdauer von Smartphones zusammen. Für mich alles kein Grund, mein Smartphone nicht in die Hosentasche zu stecken.

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– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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