Berenis stuft oxidativen Stress durch EMF als Risiko ein (Forschung)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 24.01.2021, 21:26 (vor 609 Tagen)

Die 10-seitige Sonderausgabe Januar 2021 des Berenis-Newsletters enthält eine aktuelle Einschätzung zu einem möglichen Zusammenhang von oxidativem Stress und der Exposition mit Magnetfeldern oder elektromagnetischen Feldern und deren Wirkungen auf die Gesundheit. Dafür wurden zwischen 2010 und 2020 erschienene relevante Tier- und Zellstudien identifiziert und zusammenfassend beurteilt. Ein ausführlicher Bericht, in dem diese Studien detailliert vorgestellt werden, wird in Kürze vom Bafu veröffentlichtlicht.

Die aktuelle Sonderausgabe enthält eine Kurzfassung des Berichts. Die folgenden Schlussfolgerungen der Kurzfassung resultieren in der Erwartung, dass bei Personen mit eingeschränkt wirksamen antioxidativen Schutzmechanismen vermehrt Gesundheitseffekte auftreten.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Mehrzahl der Tierstudien und mehr als die Hälfte der Zellstudien Hinweise auf vermehrten oxidativen Stress durch HF-EMF und NF-MF gibt. Dies beruht auf Beobachtungen bei einer Vielzahl von Zelltypen, Expositionszeiten und Dosierungen (SAR oder Feldstärken), auch im Bereich der Anlagegrenzwerte. Gewiss sind einige Studien mit methodischen Unsicherheiten bzw. Schwächen behaftet oder sind wenig umfassend betreffend Expositionszeit, Dosis, Anzahl und quantitativer Analyse der verwendeten Biomarker, um nur einige zu nennen. Es zeichnet sich aber ein Trend ab, der auch unter Berücksichtigung dieser methodischen Schwächen deutlich wird, nämlich, dass EMF-Exposition, sogar im niedrigen Dosisbereich, durchaus zu Veränderungen des oxidativen Gleichgewichtes führen kann. Organismen und Zellen sind in der Lage auf oxidativen Stress zu reagieren und auch nach Befeldung war in vielen Studien eine Adaptation nach einer Erholungsphase zu sehen. Vorschädigungen, wie Immunschwächen oder Erkrankungen (Diabetes, neurodegenerative Erkrankungen), kompromittieren die Abwehrmechanismen inklusive der antioxidativen Schutzmechanismen des Organismus und es ist daher zu erwarten, dass bei Individuen mit solchen Vorschädigungen vermehrt Gesundheitseffekte auftreten. Zudem zeigen die Studien, dass sehr junge oder auch alte Individuen weniger effizient auf oxidativen Stress reagieren können, was selbstverständlich auch für andere Stressoren gilt, die oxidativen Stress hervorrufen. Weiterführende Untersuchungen unter standardisierten Bedingungen sind aber notwendig, um diese Phänomene und Beobachtungen besser zu verstehen und zu bestätigen.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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Effekte, Oxidativer Stress, Biomarker, BERENIS, Stressoren, oxidativen Gleichgewicht

Oxidativer Stress im Niedrigdosisbereich: dünne Faktenlage

H. Lamarr @, München, Samstag, 27.02.2021, 16:40 (vor 575 Tagen) @ H. Lamarr

Es zeichnet sich aber ein Trend ab, der auch unter Berücksichtigung dieser methodischen Schwächen deutlich wird, nämlich, dass EMF-Exposition, sogar im niedrigen Dosisbereich, durchaus zu Veränderungen des oxidativen Gleichgewichtes führen kann.

Der zitierte Satz katapultierte Berenis für Sendemastengegner aus der Rolle des Buhmanns heraus in die neue Rolle des unfreiwilligen Belastungszeugen für Gesundheitsrisiken des Mobilfunks. Auch auf Twitter wurde um Interpretationen für die mulmig machende Berenis-Aussage gerungen.

Aber: In der von Berenis veröffentlichen Kurzfassung des Berichts, der demnächst in voller Länge auf der Website des Bafu zu lesen sein wird, fehlen dosimetrische Angaben, ab welcher EMF-Immission mit Wirkungen durch oxidativem Stress (reactive oxygen species, kurz Ros) zu rechnen ist. Wobei ich mit EMF nicht niederfrequente Magnetfelder meine, sondern die elektromagnetische Wellen (HF) des Mobilfunks.

Eine Anfrage bei Berenis-Rudelführer Martin Röösli ergab:

Soweit Röösli es dem kompletten Bericht auf die Schnelle entnehmen konnte, ist darin nur eine einzige Studie benannt, die oxidativen Stress bei schwacher Immission im Bereich der Schweizer Anlagegrenzwerte fand.

Jetzt hängt es von der Qualität dieser Studie ab, welche Bedeutung ihr zuzumessen ist. Organisierte Sendemastengegner können die Qualität von Studien bekanntlich nicht beurteilen, für sie zählt allein das Ergebnis. Wissenschaftler haben es nicht so leicht, ihre Aufgabe ist es, die Belastbarkeit von Studienergebnissen zu prüfen, bevor sie eine Bewertung abgeben. Zu prüfen sind z.B. wie verlässlich die Angaben zur Exposition sind und ob es sich bei beobachteten Wirkungen um subtile thermische Effekte handeln könnte. Wie üblich ist davon auszugehen, ein tiefer Graben wird auch in dieser Sache aufgeregte Sendemastengegner und unaufgeregte Wissenschaftler trennen.

Ein Indiz, dass der Berenis-Ros-Bericht die Hoffnungen von Sendemastengegnern nicht erfüllen wird, ist die Tatsache, dass das Bafu – in Kenntnis dieses Berichts – vor wenigen Tagen seine Vollzugshilfe zu 5G publiziert hat. Die Vollzugshilfe erlaubt es den Mobilfunkanbietern der Eidgenossenschaft, die Sendeleistung für adaptive Antennen (und nur für diese) kurzzeitig um Faktor 10 anzuheben, wodurch die EMF-Immission der Eidgenossen im Gültigkeitsbereich von Omen (z.B. Privatwohnungen) kurzzeitig die Anlagegrenzwerte (4 V/m bis 6 V/m) um das 3,2-fache auf maximal 12,6 V/m bis 19,0 V/m überschreiten darf (Ros kann demnach so schlimm nicht sein), solange über sechs Minuten gemittelt der jeweilige Anlagegrenzwert eingehalten wird. Ohne Messgerät wird niemand etwas von dieser vernünftigen Neuregelung bemerken, mit Messgerät aber wird es großes Gezeter von 5G-Paranoikern geben. Baubiologen und die Hersteller von Hobby-Messgeräten werden deshalb die Vollzugshilfe als geschäftsfördernde Maßnahme insgeheim begrüßen, nach außen hin aber, ebenfalls geschäftsfördernd, verdammen.

Warten wir also geduldig ab, bis das Bafu den Ros-Bericht von Berenis im Volltext publiziert hat. Dann werden wir sehen was Sache ist.

Hintergrund
Oxidativer Stress: Posts im IZgMF-Forum

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Oxidativer Stress: Vorbehalt gegen alkalischen Comet Assay

H. Lamarr @, München, Sonntag, 04.04.2021, 21:37 (vor 539 Tagen) @ H. Lamarr

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Mehrzahl der Tierstudien und mehr als die Hälfte der Zellstudien Hinweise auf vermehrten oxidativen Stress durch HF-EMF und NF-MF gibt.

Der Berenis-Sondernewsletter wurde von der Anti-Mobilfunk-Szene mit Begeisterung aufgenommen: Endlich wieder einmal frisches Material zum Alarmieren. Allerdings ist der vollständige Bericht bis heute nicht auf der Website des Bafu veröffentlicht worden, so dass die Begeisterung bislang allein auf den Aussagen im NL beruht.

Einen Dämpfer bescherte der Szene auf Nachfrage bereits Martin Röösli. Hier nun ein zweiter Dämpfer, diesmal von Primo Schär und von mir nur zufällig gefunden. Schär experimentierte vor knapp zehn Jahren im Auftrag der EU (Seawind-Projekt) mit dem "Comet Assay" einer gängigen Nachweismethode für DNA-Strangbrüche. Er fand heraus, dass ROS-vermittelte oxidative DNA-Schäden, gefunden mit dem alkalischen Standard-Comet Assay, nicht mehr vorhanden waren, wenn als Detektor eine enzymmodifizierte Version des Comet-Assays oder die Fluoreszenzmikroskopie verwendet wurden. Ich verstehe diesen Befund so, dass EMF/ROS-Studien, die mit dem alkalischen Comet Assay Effekte gefunden haben, nur mit Vorbehalt in eine Bewertung einfließen dürfen.

Der mit deepl.com übersetzte Originaltext von Schärs Befund lautet:

[...] Die erste Versuchsreihe konzentrierte sich auf die Replikation von zuvor berichteten Beobachtungen mit dem alkalischen Comet-Assay, die auf eine Induktion von DNA-Schäden durch mobilfunkspezifische UMTS- und GSM-Signalmodulationen in primären humanen Fibroblasten und immortalisierten humanen Trophoblastenzellen (HTR-8/SVneo-Zellen) hinwiesen. Trotz erheblicher Anstrengungen, die Sensitivität unserer Assays zu optimieren, konnten diese Effekte in den beiden SEAWIND-Partnerlabors jedoch nicht bestätigt werden. Auch die anschließende systematische Prüfung möglicher Effekte der WiFi-, RFID- und CW-Expositionssignale in den Comet-Assays erbrachte keine Hinweise auf eine Induktion von DNA-Schäden.

Um diese Ergebnisse zu validieren und die Hypothese zu untersuchen, dass wEMFs [weak EMF, schwache Funkfelder; Anm. Postingautor] die intrazellulären Spiegel reaktiver Sauerstoffspezies (ROS) verändern könnten, haben wir die wEMF-Signale systematisch auf die Induktion oxidativer DNA-Schäden untersucht. Zu diesem Zweck wendeten wir die enzymmodifizierte Version des Comet-Assays an, die speziell für den Nachweis einer häufigen oxidativen Basenmodifikation mit hoher Sensitivität entwickelt wurde. Wie die standardmäßigen alkalischen Comet-Analysen erbrachte dieser Assay jedoch in den beiden getesteten Zelltypen keine Hinweise auf erhöhte oxidative DNA-Basenläsionen. In Übereinstimmung mit diesem fehlenden Effekt im enzymmodifizierten Comet-Assay beobachteten wir keine EMF-induzierte Veränderung der intrazellulären ROS unter Verwendung einer hochempfindlichen, auf Fluoreszenzmikroskopie basierenden Methode, die die kurzlebigen ROS einfängt und in ein persistenteres Fluoreszenzsignal umwandelt. Bemerkenswerterweise war dieser Assay negativ, auch wenn er unter 50Hz EMF-Exposition durchgeführt wurde, die zuvor einen messbaren Effekt im alkalischen Comet-Assay erzeugte. Da sowohl der intrazelluläre ROS-Nachweis als auch der oxidative Comet-Assay sehr empfindliche Methoden sind, schließen wir daraus, dass ROS-vermittelte oxidative DNA-Schäden unter den experimentellen Bedingungen keinen wichtigen Beitrag zu potentiellen genotoxischen Effekten im Zusammenhang mit wEMF-Exposition darstellen. [...]

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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DNA-Schäden, Effekte, Schär, Fibroblasten, Oxidativer Stress, DNA-Strangbrüche, Seawind-Projekt, Comet Assay

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