Leszczynski: FDA-Review anerkennt "empfindliche Menschen" (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Montag, 02.03.2020, 22:30 (vor 1564 Tagen)

Eine U.S.-Regierungsbehörde hat im Februar 2020 "Elektrosensible" anerkannt und fordert, diese kleine Untergruppe von Menschen künftig bei epidemiologischen Studien gezielt in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. So lässt sich ein aktueller Blogeintrag des Wissenschaftlers Dariusz Leszczynski verstehen. Das IZgMF ist der bahnbrechenden News, die der Finne mit einem "Erdbeben" vergleicht, nachgegangen.

Im Februar 2020 gab die U.S. Food & Drug Administration (FDA, überwacht Lebensmittel und Arzneimittel) die Review of Published Literature between 2008 and 2018 of Relevance to Radiofrequency Radiation and Cancer heraus. Wie bei solchen bewertenden EMF-Studienübersichten üblich, signalisiert die Zusammenfassung: Anlass zur Sorge gibt es nicht. Auf Grundlage der Studien, die in der Review ausführlich beschrieben werden, gäbe es keine ausreichenden Beweise für einen kausalen Zusammenhang zwischen einer Hochfrequenz-Exposition und der Tumorentstehung. Es fehle an klaren Dosis-Wirkungs-Beziehungen und konsistenten Befunden, zudem gäbe es keine biologisch-mechanistische Plausibilität. Die aktuelle Review der FDA setzt sich damit widerspruchsfrei an die Spitze einer langen Liste älterer Reviews mit ähnlichen Resümees.

Doch Dariusz Leszczynski hat in der Review etwas entdeckt, was er mit einem "Erdbeben" vergleicht, nämlich die folgende Textpassage:

In summary, the epidemiological data published between January 1, 2008 to May 8, 2018, continue to support the FDA’s findings that there is no quantifiable causal link between RFR exposure and tumor formation. The data suggest the need for shifting the focus from the general population with undetectable overall risk to a very small subset of people who might be inherently predisposed to the risk for tumorigenesis and who therefore might be more susceptible to putative risk modification by the intense RF-EMF exposure. The currently available epidemiologic studies lack evidence stratified by the inherent tumorigenesis risk. In addition, as stated in the NCI-issued fact sheet on cell phones [22], direct measurements of RF exposure are not yet possible outside of a laboratory setting, which further prevents collection of an adequate RF-related evidence in epidemiological studies.

Bearbeitete Übersetzung mit Deepl: Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die zwischen dem 1. Januar 2008 und dem 8. Mai 2018 veröffentlichten epidemiologischen Daten weiterhin die Erkenntnisse der FDA stützen, dass es keinen quantifizierbaren kausalen Zusammenhang zwischen HF-Exposition und Tumorbildung gibt. Die Daten legen die Notwendigkeit nahe, den Schwerpunkt von der allgemeinen Bevölkerung mit nicht nachweisbarem Gesamtrisiko auf eine sehr kleine Untergruppe von Menschen zu verlagern, die von Natur aus für das Risiko der Tumorentstehung prädisponiert sein könnten und die daher möglicherweise anfälliger für eine vermeintliche Risikomodifikation durch intensive HF-EMF-Exposition sind. Den derzeit verfügbaren epidemiologischen Studien fehlt die nach dem inhärenten Risiko der Krebsentstehung geschichtete Evidenz. Darüber hinaus sind, wie in dem vom NCI [National Cancer Institute] herausgegebenen Faktenblatt über Mobiltelefone [22] angegeben, direkte Messungen der HF-Exposition außerhalb von Laboren noch nicht möglich, was die Ansammlung einer angemessenen HF-bezogenen Evidenz in epidemiologischen Studien weiter verhindert.

Im ersten Moment dachte ich, Dariusz meint, die sehr kleine Untergruppe von empfindlichen Menschen seien womöglich "Elektrosensible", was falsch wäre, denn die Untergruppe, von der die FDA redet, sind Menschen, die für Krebserkrankungen anfälliger sind als andere. Tatsächlich hat der Finne anderes im Sinn gehabt, nämlich seinen erklärten Erzfeind ICNIRP – wobei über diesen Umweg, wie wir gleich sehen werden, dann doch wieder "Elektrosensible" zurück ins Spiel kommen. Das "Erdbeben" erkennt Leszczynski darin, dass die FDA mit obiger Textpassage ICNIRP offen widerspricht. Denn zwei Säulen der ICNIRP-Empfehlungen seien ...

... die Behauptung, die ICNIRP-Grenzwerte würden jeden schützen, unabhängig vom Alter oder Gesundheitszustand.
... die Behauptung, dass Personen, die eine Empfindlichkeit gegenüber HF-EMF geltend machen, sich irren und die Ursache der Symptome etwas anderes als HF-EMF ist.

Ob die beiden Behauptungen ICNIRP wirklich zuzuschreiben sind habe ich nicht geprüft.

In der ersten Behauptung kann man tatsächlich erkennen, dass die FDA dieser widerspricht. Nicht aber in der zweiten. Leszczynski nennt darin "Elektrosensible" zwar nicht beim Namen, doch es ist offensichtlich, dass er diese meint. Damit aber schießt der ICNIRP-Kritiker aus meiner Sicht weit übers Ziel hinaus, denn "Elektrosensible" klagen über zahllose diffuse Allerweltssymptome vom nächtlichen Schwitzen, trockenen Augen über Unkonzentriertheit und Schlaflosigkeit bis hin zu "Hirnsausen", nicht aber über Krebsbefall. Für den "Elektrosensiblen" Dr. Volker Schorpp habe ich 2006 seine Liste mit nicht weniger als 84 Symptomen formatiert und redigiert, Krebs oder Tumore sucht man darin vergeblich. Die wenngleich verbrämte Nennung von "Elektrosensiblen" im Zusammenhang mit der FDA-Review halte ich deshalb für irreführend und gänzlich belegfrei, denn der Text der FDA besagt zweifelsfrei, die Autoren dachten beim Formulieren nicht an "Elektrosensible", sondern an krebsanfällige Personen.

Da gefühlt mindestens 90 Prozent der Meldungen, die aus der Anti-Mobilfunk-Szene hervor quellen, Falschmeldungen sind, würde es mich nicht wundern, wenn auch Dariusz' "Erdbeben" demnächst von der Szene als Erdbeben zugunsten von "Elektrosensiblen" kolportiert wird. Dem größten Faktenverdreher aus der Schweiz würde ich dies z.B. sofort zutrauen, wäre der Text von Leszczynski nicht auf englisch, was diesem betagten Mobilfunkgegner nicht so liegt.

Nicht nachvollziehen kann ich den Hinweis der FDA, außerhalb von Laboren sei keine direkte (?) Messung der HF-Exposition möglich. Das liest sich so, als hätten die Autoren der Review noch nie etwas von Personenexposimetern gehört, mit denen auch über längere Zeiträume die EMF-Exposition, die der Träger eines solchen Geräts erfährt, hinreichend genau protokolliert wird.

Hintergrund
Auftraggeber FDA distanziert sich von NTP-Abschlussbericht

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
EHS, Kausalzusammenhang, Leszczynski, Plausibilität

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