Metastudie sieht kein Hirntumorrisiko durch Mobiltelefone (Forschung)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 20.02.2019, 01:57 (vor 268 Tagen)

Fünf maßgebliche Epidemiologen sprechen sich in der kommenden April-Ausgabe des Journals "Annual Review of Public Health" gegen ein höheres Hirntumorrisiko infolge Mobiltelefongebrauchs aus.

Brain and Salivary Gland Tumors and Mobile Phone Use: Evaluating the Evidence from Various Epidemiological Study Designs

Martin Röösli, Susanna Lagorio, Minouk J. Schoemaker, Joachim Schüz, Maria Feychting

Abstract
Mobiltelefone sind die maßgebende Quelle für elektromagnetische Felder, die auf das Gehirn und die Speicheldrüsen einwirken. Ob diese Exposition ein Krebsrisiko bewirkt, wurde mit mehreren Fall-Kontroll-Studien und einigen Kohortenstudien untersucht. Eine Meta-Analyse dieser Studien zeigt nun kein erhöhtes Risiko für Meningiom-, Hypophysen- und Speicheldrüsentumoren. Bei Gliomen und Akustikusneurinomen sind die Ergebnisse widersprüchlich, einige wenige Fall-Kontroll-Studien berichten eine erhebliche Risikozunahme. Diese erhöhten Risiken stehen jedoch nicht im Einklang mit den beobachteten zeitlichen Trends der Inzidenzraten, die in diesem speziellen Zusammenhang deshalb als aufschlussreich gelten, da der Gebrauch von Mobiltelefonen stark ansteigt, nahezu vollständige Daten der Krebsregister aus vielen Ländern zur Verfügung stehen und die Anzahl alternativer Umweltrisikofaktoren begrenzt ist. Zusammenfassend lässt sich sagen, die epidemiologischen Studien deuten nicht auf ein erhöhtes Tumorrisiko des Gehirns oder der Speicheldrüsen durch den Gebrauch von Mobiltelefonen hin. Unsicherheiten bleiben weiter bestehen in Bezug auf lange Latenzzeiten (länger als 15 Jahre), seltene Gehirntumoren und die Verwendung von Mobiltelefonen im Kindesalter.

In Fachkreisen ist die aufsehenerregende Studie bereits seit einigen Wochen bekannt, gestern berichtete Microwave News als erster Informationsdienst über die Arbeit unter der Titelzeile "The Precarious Case Against Precaution", was sich sinngemäß mit "Risiko vs. Vorsorge" übersetzen lässt.

Vorläufiger Volltext der Metastudie (PDF, englisch, 18 Seiten)
Annual Review of Public Health

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Tags:
Wissenschaft, Studie, Handy, Risiko, Schüz, Krebsregister, Hirntumor, Gliom, Röösli, Feychting, Lagorio, Minouk, Schömaker, Speicheldrüsen

Metastudie sieht kein Hirntumorrisiko durch Mobiltelefone

H. Lamarr @, München, Freitag, 22.02.2019, 19:23 (vor 265 Tagen) @ H. Lamarr

In Fachkreisen ist die aufsehenerregende Studie bereits seit einigen Wochen bekannt, gestern berichtete Microwave News als erster Informationsdienst über die Arbeit unter der Titelzeile "The Precarious Case Against Precaution", was sich sinngemäß mit "Risiko vs. Vorsorge" übersetzen lässt.

Vorläufiger Volltext der Metastudie (PDF, englisch, 18 Seiten)
Annual Review of Public Health

Wie substanziell die Kritik an der neuen Metastudie auf Microwave News ist, kann ich nicht beurteilen. Symptomatisch für die Mobilfunkdebatte ist aus meiner Sicht jedenfalls die reflexartig einsetzende Entwertung, mit der Studien zerpflückt werden. Dies passiert nicht mehr wie früher ausschließlich mit Leserbrief-Antwort-Schlachten in wissenschaftlichen Journalen, sondern vermehrt außerhalb der Wissenschaft auf privaten Plattformen. Gefühlt nörgeln Mobilfunkkritiker, wie jetzt bei Microwave News, wesentlich häufiger an entwarnenden Studien herum als umgekehrt, doch da kann ich mich auch irren.

Louis Slesin schreibt in MN, es herrsche Streit darüber, ob die neue Metastudie eine angemessene Peer-Review durchlaufen hat. Das ist gut, denn Streit kann die Luft auch reinigen und für Klarheit sorgen. Nur warum wird dann nicht auch darüber gestritten, dass z.B. Prof. Hecht, der trotz seiner 95 Jahre unter hiesigen Mobilfunkgegnern noch immer einen hohen Stellenwert hat, in der EMF-Wissenschaft keinerlei bedeutenden Fußabdruck hinterlassen hat? Hecht ist im EMF-Portal mit nur vier Arbeiten vertreten, keine davon nach 1992 hat eine Peer-Review gesehen, weder eine gute noch eine schlechte. Darüber schweigen Mobilfunkgegner. Auch über den eher peinlichen Auftritt Hechts vor älteren Herrschaften, denen Zeolith als Mittel der Wahl für 1001 Wehwehchen schmackhaft gemacht werden soll. Hecht schluckt das Zeug vor laufender Kamera. Er ist damit freilich nicht weniger Beweis für die sensationelle Wirkung des Minerals wie Ex-Kanzler Helmut Schmidt der lebende Beweis war, dass Rauchen gesund ist.

Wie dem auch sei, die folgende Grafik aus der neuen Metastudie ist für mich jedenfalls ein schönes Beispiel dafür, dass Wissenschaft als kumulativer Prozess verstanden sein will. Nicht einzelne Studien verschaffen Deutungshoheit, wie es Mobilfunkgegner so gerne praktizieren, sondern die Gesamtschau (Overall) auf das, was vergleichbar ist. Die Grafik ist damit gut geeignet, selbsternannten Experten zu erwidern, wenn sie wieder einmal ausschließlich mit Hardell-Studien herumwedeln.

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Tags:
Hirntumor, Peer-Review, Hecht, Slesin, Zeolith, Doppemoral

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