Contergan: auf falscher Spur (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Montag, 11.07.2016, 22:15 (vor 1243 Tagen)

Hinterher schlau sein ist keine Kunst. Doch 1958, ganz am Anfang der Contergan-Tragödie, wusste noch niemand etwas von den schweren Nebenwirkungen des vermeintlich harmlosen Beruhigungsmittels, obwohl in diesem Jahr bereits 24 von Contergan geschädigte Kinder zur Welt kamen. Einem wachsamen Mediziner fiel seinerzeit auf, dass die Anzahl missgebildeter Neugeborener aus seiner Sicht deutlich stieg und der Mann hatte auch eine plausible Hypothese woran das lag, doch er war auf falscher Spur. Die Geschichte dieses falschen Verdachts ist ein überzeugendes Beispiel dafür, dass ein erkannter Zusammenhang zwischen einem Leiden und einer Ursache durchaus plausibel erscheinen mag, der wahre Kausalzusammenhang jedoch ein völlig anderer ist.

Die folgende Textpassage habe ich dem Beitrag Die Contergan-Katastrophe: Die trügerische Sicherheit der „harten“ Daten entnommen, erschienen 2007 in Deutsches Ärzteblatt:

Ein Blick zurück in das Frühjahr 1958: Seit einem knappen halben Jahr war Contergan rezeptfrei in den Apotheken erhältlich. Politisch waren die 1950er-Jahre vom Kalten Krieg geprägt. Die von Ost und West unvermindert fortgeführten Atomwaffenversuche beunruhigten die Bevölkerung. Nach den Atombombenabwürfen im Jahr 1945 konnte an einem Zusammenhang zwischen Radioaktivität und der Entstehung von Missbildungen auch beim Menschen nicht mehr gezweifelt werden. Die Atombombenversuche in der Atmosphäre schürten die Befürchtung, dass die Anzahl missgebildeter Neugeborener zunehmen könnte. Die in der Bevölkerung latent vorhandene Angst bekam durch die Beobachtungen des Bayreuther Kinderarztes Dr. med. Karl Beck neue Nahrung. Am 10. Mai 1958 erschien in der „Schwäbischen Landeszeitung“ ein Aufsatz, in dem die Beobachtungen des ehemaligen Chefarztes der Kinderklinik ausführlich dargestellt wurden (3). Beck veröffentlichte ein Buch, mit dem er den Nachweis erbringen wollte, dass die Zahl der missgebildeten Kinder sich im vorangegangenen Jahr im Vergleich zur Vergangenheit verdreifacht hatte (4). Der Autor brachte den Zusammenhang auf einen einfachen Nenner: „Immer wenn Atombomben explodieren, wurden kurz darauf im Bereich der fränkischen Klinik Embryos geschädigt, um sieben bis acht Monate später als missgebildete Kinder geboren zu werden.“
Die Untersuchungen Becks schlugen hohe Wellen. Erich Mende, Fraktionsvorsitzender der FDP im Bundestag, griff die Vermutungen Becks auf und machte diese am 14. Mai 1958 zum Thema einer Anfrage im Bundestag (5). Die Bundesregierung wurde ersucht, Erhebungen anzustellen, ob die „Zahl der Missgeburten (Lebend- und Totgeburten)“ seit 1950 zugenommen habe und ob ein Zusammenhang mit der Einwirkung radioaktiver Strahlung bestehe. Da das Bundesgesundheitsministerium erst 1962 eingerichtet wurde, oblag die Bearbeitung der Anfrage der Gesundheitsabteilung im Bundesministerium des Inneren. Der zuständige Sachbearbeiter Dr. Zoller legte seine Vorermittlungen Bundesinnenminister Gerhard Schröder vor (6). Dieser wies die Gesundheitsabteilung an, detaillierte Erhebungen über die Missbildungen der letzten Jahre in allen elf Bundesländern zu veranlassen.
Im August 1958 wurden die zuständigen Landesministerien aufgefordert, die Frage eingehend zu prüfen (7). Diese Aufgabe gestaltete sich angesichts fehlender Daten nicht einfach. In Baden-Württemberg wurden die Hebammentagebücher durchgesehen und die großen Frauenkliniken angeschrieben. In Stuttgart wurden alle Entbindungen seit 1915 statistisch ausgewertet, danach konnte „von einer Zunahme der Missgeburten nicht gesprochen“ werden. In Bayern wurde die Anfrage mit besonderer Sorgfalt bearbeitet, hatte doch ein Bayreuther Arzt den Stein ins Rollen gebracht (8). Neben den Kliniken hatten auch alle 53 ärztlichen Kreisverbände Erhebungen anzustellen. Die Geburten wurden bis 1935 zurückverfolgt, ohne dass die ermittelten Zahlen Hinweise für eine Zu- oder Abnahme der Fehlbildungen ergeben hätten. Der „Münchener Merkur“ glaubte, Entwarnung geben zu können, und überschrieb am 25. Oktober 1958 einen entsprechenden Zeitungsbericht mit der Schlagzeile: „Übertriebene Angst vor Missbildungen“.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Contergan, Hypothese, Aerzteblatt, Merkur, Missbildung

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