Mobilfunk: AefU informieren Öffentlichkeit fachlich falsch (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 16.06.2016, 19:32 (vor 1251 Tagen)

Mit einer Medienmitteilung vom 7. Juni 2016 wollten die schweizer Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU) die heutige Abstimmung im Nationalrat über zwei Eingaben zum Mobilfunk in ihrem Sinne (Ablehnung) beeinflussen. Dass Ärzte sich in politische Prozesse einmischen ist nicht zu beanstanden, dass sie es mit fachlich unqualifizierter Argumentation tun jedoch schon.

Missbrauch der NTP-Studie
Die AefU nutzen die jüngst veröffentlichte NTP-Studie, USA, dazu, den Nationalrat aufzufordern, die Motion 16.3007 zur Erhöhung der Grenzwerte für Mobilfunkanlagen abzulehnen. Doch die NTP-Studie taugt in keiner Weise als Aufhänger für einen Protest gegen Sendemastengrenzwerte. Denn die NTP-Studie befeldete mindestens 19-fach und maximal 75-fach stärker, als der stärkste Sendemast einen Menschen befelden kann. Der Fehler der AefU: Die NTP-Studie gilt ausschließlich für Handys, und selbst dies nur mit Einschränkungen, nicht aber für Sendemasten. Mit dieser Studie gegen Sendemasten zu argumentieren zeugt von erschreckender Unkenntnis – oder böser Absicht.

Zusammengegoogeltes Wissen
Unqualifiziert ist auch die Behauptung der AeFU, es fänden sich immer mehr klare Hinweise, dass Mobilfunk ein Gesundheitsrisiko sei. Fachlich besser qualifizierte Expertenkommissionen in aller Welt sichten regelmäßig den Stand des Wissens zu biologischen Risiken des Mobilfunks und diese Kommissionen kommen zu ganz anderen nämlich unaufgeregten Schlüssen als die AefU. Es gehört bei den AefU schon eine befremdliche Portion Selbstüberschätzung dazu, dauerhaft zu glauben, es besser zu wissen als die überwiegende Mehrzahl ausgewachsener Wissenschaftler in internationalen Kommissionen, die ihre Kenntnissen nicht zusammengoogeln müssen.

Verzerrte Sicht auf Studienlage
Unqualifiziert und verantwortungslos ist die Behauptung der AefU, Studien zeigten nicht nur besorgniserregende Effekte von Handystrahlung auf die Gesundheit, sondern auch im Bereich von Strahlungsintensitäten wie sie von Mobilfunkanlagen ausgehen, die dauernd 24 Stunden, 365 Tage strahlen. Die Ärzte verzerren mit dieser Behauptung den wissenschaftlichen Kenntnisstand, der sich als kumulativer Prozess eben nicht allein auf alarmierende Studien stützt, sondern auch auf entwarnende Studien, die aber von den AefU geflissentlich übersehen werden. Die einseitige statt ausgewogene Interpretation der Studienlage ist ein deutliches Zeichen für unseriöse populistische Absichten. Unseriöse Umweltmediziner zählen mit zu den größten Profiteuren einer diffusen Angst vor Elektrosmog in der Bevölkerung, nur zu gerne "behandeln" sie Privatpatienten, die überzeugt sind, körperlich unter Elektrosmog zu leiden.

155 vs. 30'000 Elektrosmog-Betroffene
Wider besseren Wissens bringt die AefU eine hochgerechnete Anzahl von 30'000 Personen ins Spiel, die angeblich Beschwerden in Zusammenhang mit Mobilfunkanlagen an sich festgestellt haben. Dabei waren es doch die AefU selbst, die in einem 30 Monate dauernden Feldversuch in der Schweiz ab Januar 2008 mit viel Öffentlichkeitsarbeit Ausschau nach Elektrosmog-Opfern gehalten haben. Das ernüchternde Ergebnis wurde 2011 vorgestellt: Im Versuchszeitraum meldeten sich gerade einmal 155 Personen, die Elektrosmog für ihre Beschwerden verantwortlich machten, weniger als 1/4 davon war an einer Abklärung der Beschwerden in einer Arztpraxis interessiert. So schlimm kann der Leidensdruck bei den anderen nicht gewesen sein. Den AefU passen diese belastbaren aber eben nur höchst marginalen Werte aus ihren eigenen Reihen offensichtlich nicht ins Konzept wenn sie jetzt mit der Zahl 30'000 lieber auf fremde und weniger belastbare Umfragen zurückgreifen. Ich halte diese wissentliche Missachtung der selbst erhobenen und im klaren Widerspruch stehenden Patientenzahlen durch die AefU für skandalös.

Und so könnte ich jetzt weiter machen und den flachen Argumenten der AeFU Punkt für Punkt entgegnen, z.B. dem von Anti-Mobilfunk-Vereinen abgekupferten Argument mit "strahlenreduzierten Lösungen" (St. Gallen) oder der beliebte "Dauerbrenner" mit den blinden Kälbern des Bauern Sturzenegger. Doch das alles ist bereits hier im Forum diskutiert und widerlegt worden, wer sich dafür interessiert, möge sich bitte selber mit der Suchfunktion bemühen.

Fazit: Fünf Ärztinnen & Ärzte wollen öffentliche Meinung modellieren
Mir geht es hier um die Kenntnisdefizite der AefU in der Mobilfunkstreitfrage und um den ungezügelten Drang dieser Ärzte, mit Medienmitteilungen die eigene Unkenntnis dazu zu nutzen, öffentlich unnötige Ängste gegenüber Mobilfunk zu wecken oder zu schüren. Das kann nicht Aufgabe von Ärzten sein, solche Ärzte braucht niemand! Und wenn man dann noch in Betracht zieht, dass z.B. das Bafu Fragesteller, die sich als Elektrosmog-Betroffene sehen und bei dem Amt melden, weiter schickt zu den AefU, dann wirkt das auf mich, als ob Schafe auf direktem Weg zum Schlachter geschickt werden. Das IZgMF hat seine Liste der Bürgerinitiativen u.a. auch deswegen eingestellt, weil wir nicht ausschließen konnten, Ratsuchende in die Fänge von Spinnern, von politisch Radikalen oder von Geschäftemachern zu schicken. Nach dieser Medienmitteilung könnte ich den AefU guten Gewissens keinen verängstigten Ratsuchenden mehr schicken.

Die kleine Arbeitsgruppe elektromagnetische Felder der AefU zählt nur fünf Köpfe (Yvonne Gilli, Cornelia Semadeni, Peter Kälin, Bernhard Aufdereggen und Edith Steiner). Mit der unsäglichen Medienmitteilung anlässlich der Abstimmung im Nationalrat hat sie sich keinen Gefallen getan, zumal der Nationalrat anders entschieden hat und so das Ziel verfehlt wurde.

Hintergrund
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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

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