Medien & Mobilfunkgegner: bei Käseblättern gelandet (Medien)

H. Lamarr @, München, Freitag, 20.02.2015, 09:18 (vor 3409 Tagen)

Unglücklich ist die Anti-Mobilfunk-Szene ob ihrer Präsenz in den Medien. Vertreter der Szene beklagen sich regelmäßig öffentlich, die Medien würden ihre Liebeserklärungen nicht erwidern und ihre Mitteilungen nicht drucken. Mutmaßungen über korrupte Verflechtungen zwischen Presse und Mobilfunkindustrie sind von Mobilfunkgegnern häufig zu hören, ein aktuelles Beispiel lieferte die überzeugte Elektrosensible Eva W. aus München am 18. Februar 2015, sie fühlt sich vom Münchner Merkur verschmäht:

Ein Leserbrief zu "142 Bäume fallen in Haidhausen" wurde vom Münchner Merkur, wie üblich, nicht veröffentlicht, da er elektromagnetische Felder und deren mögliche Auswirkungen anspricht. Das ist offensichtlich für die Presse mittlerweile zum Tabu-Thema geworden!

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich freilich ein ganz anderes Bild.

Mobilfunkgegner werden von "der Presse" keineswegs geschnitten, im Gegenteil: Lokalblätter greifen die "Mein-Kampf"-Geschichten von Sendemastengegnern liebend gerne auf und begleiten die Kämpfer über mehrere Ausgaben bis hin zum meist bitteren Ende (Errichtung des Sendemasten). Diese Geschichten werden von "der Presse" erzählt, landesweit zwischen Flensburg und Berchtesgaden, im Süden und Westen häufiger als im Norden und Osten. Doch die Geschichten sind immerzu gleich, nur die Akteure wechseln. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass sich heute lediglich noch Werbe- und Lokalblätter um eine Sendemasten-Aufregung mit maximal 300 Meter Durchmesser kümmern, nicht aber überregionale Zeitungen und schon gar nicht Leitmedien. Personell knapp oder mit Hilfskräften besetzte Redaktionen sind mit Hintergrundrecherche in aller Regel überfordert, sie erzählen einfach was sie sehen und was ihnen erzählt wird. Oder es werden angelieferte Stellungnahmen aus trüber Quelle abgedruckt, wie hier die unprofessionelle Stellungnahme eines angeblichen Ex-Funkplaners. Mit anspruchsvollem Journalismus hat dies alles wenig zu tun, mit kostenoptimiertem Seitenfüllen viel. Selbstredend gibt es auch bei der bürgernahen Lokalpresse rühmliche Ausnahmen, von denen rede ich jetzt aber nicht.

Die großen Zeitungen haben größere Redaktionen und beschäftigen in aller Regel auch die besseren Journalisten. Sendemastengegner konnten dort mit "Mein-Kampf"-Geschichten vor zehn oder 20 Jahren landen, heute nicht mehr. Die dramatischen déjà-vu-gleichen Alarme aufgeregter Mobilfunkgegner, die sich ausnahmslos als Fehlalarme herausstellten, haben die Anspruchsvolleren unter den Journalisten mürbe und lustlos gemacht. Substanziell Neues gibt es zum Thema EMF ohnehin schon seit ein paar Jahren nicht mehr zu vermelden. So ist es ganz sicher keine Verlegeranweisung, die den kolossalen Leserbrief von Frau W. beim Münchner Merkur zu Fall brachte, sondern ganz gewöhnliche Ödnis und Langeweile.

Mobilfunkgegner müssten sich also mit Käse- und Wurstblättern zufrieden geben. Wäre da nicht das Internet. Mit Homepage-Baukästen kann heute jeder hübsch anzusehende Webseiten basteln und dort seine Sicht der Dinge der Menschheit erbarmungslos mitteilen - ohne als Bittsteller auf die gnädige Unterstützung eines Journalisten angewiesen zu sein. Ersatzweise kann man sich auch in Diskussionsforen und Kommentarspalten austoben. Die Folgen dieser Entwicklung sind noch lange nicht abzusehen, Tatsache ist, dass selbsternannte Experten über die DSL-Leitung an der Presse vorbei bis in die Wohnzimmer vordringen, und dort unqualifizierte Behauptungen als die unzensierte Wahrheit preisen - nicht selten mit verdeckten kommerziellen Absichten. Kein Journalist steht mehr im Wege, der das Schlimmste herausfiltert und kritische Distanz bewahrt. Es ist jetzt Aufgabe der Wohnzimmer-Besatzung, Müll als Müll zu erkennen und die Spreu vom Weizen zu trennen. Das war zwar schon immer so, doch die Menge der unaufgefordert über einen hereinbrechenden Desinformation ist heute so hoch wie nie zuvor. Die heutigen Generationen müssen sich da irgendwie mit arrangieren. Künftige haben es vielleicht leichter, weil ihnen kritisches Bewerten von Informationen in der Schule eingetrichtert wurde. Spätestens dann werden auch Mobilfunkgegner und ihre Geschichten Geschichte sein.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
BI, EHS, Gerücht, Leserbrief, Mobilfunkgegner, Elektrophobie

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