Globocan 2012: Krebsvergleiche weltweit (Forschung)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 16.11.2014, 01:59 (vor 2936 Tagen)

Seit Jahren wertet der schwedische Wissenschaftler L. Hardell die Hirntumordaten Schwedens aus, nur um immerzu auf weitgehend gleiche alarmierende Resultate zu stoßen. Dennoch hält sich das weltweite Entsetzen über die Hirntumor-wegen-Handygebrauch-Warnungen des Schweden in engen Grenzen. Der Grund: Hardell setzt gerne Datensätze aus seinen bisherigen Studien zu neuen Datensätzen zusammen, die er dann neu auswertet. Kritiker bemängeln an dieser Methode, auf diese Weise wären keine neuen Resultate zu erzielen, sondern nur Bestätigungen der vorangegangenen Resultate. Gegen Hardell spricht auch, dass nationale Hirntumorstatistiken seine Beobachtungen bislang nicht bestätigen. Hardell weiß das alles, kümmert sich aber weiter ausschließlich um die Hirntumorentwicklung in Schweden.

Gelänge es Hardell, seine Beobachtungen in einem anderen Land mit vergleichbarer Mobilfunkhistorie zu wiederholen, würde er mMn entweder mehr Anerkennung erfahren - oder einräumen müssen, dass in seinen Arbeiten ein systematischer Fehler steckt.

Doch welches Land wäre für so eine Untersuchung geeignet? Diese Frage beantwortet das Globocan-Projekt der WHO. Das Projekt stellt regelmäßig (alle vier Jahre) die Daten aller weltweit erreichbaren Krebsregister für Vergleichszwecke zusammen. Nach 2008 ist Globocan 2012 die bislang jüngste Auswertung, die voraussichtlich 2016 durch neue Daten ersetzt wird (Daten von 2012 sind dann nicht mehr erreichbar). Globocan gibt bei der Befragung nach der Inzidenzrate (Neuerkrankungen pro 100'000 Einwohner) Auskunft über die Qualität der Daten, die Anzahl der Fälle, die rohe Inzidenzrate (Crude Rate), die altersstandardisierte Inzidenz (ASR) und das kumulative Risiko (wie viele von 100 Neugeborenen erkranken vor Erreichen ihres 75. Lebensjahres an der ausgewählten Krebsart).

Ich habe Globocan nach der Inzidenz bei Hirntumoren in Europa befragt (beide Geschlechter). Was dabei geordnet nach ASR herausgekommen ist zeigt der folgende Screenshot:

[image]

Für die Interpretation der Tabelle ist die Spalte Quality von Bedeutung, und dort der Buchstabe an erster Stelle, der die Qualität der Inzidenzdaten beschreibt (Zahl an zweiter Stelle: Mortalität). Die höchste Qualität ist "A" zugeordnet, die schlechteste "G":

A. High quality* national data or high quality regional (coverage greater than 50%).
B. High quality* regional (coverage between 10% and 50%).
C. High quality* regional (coverage lower than 10%).
D. National data (rates).
E. Regional data (rates).
F. Frequency data.
G. No data.

Spitzenreiter Albanien hat nur die Qualität G, das heißt: Schätzwerte. Diesen Daten ist also kaum zu trauen. Ganz anders Schweden oder Deutschland.

Wäre ich Hardell, würde ich meine in vielen Jahren erprobte Fall-Kontroll-Studientechnik für Hirntumoren statt abermals in Schweden, in Serbien durchführen. Das Land hat eine nahezu gleich hohe Inzidenzrate, allerdings ist über die Mobilfunkentwicklung in Serbien kaum etwas bekannt. Erheblich einfacher wäre deshalb der Schwenk nach Norwegen, das eine noch immer hohe Inzidenz hat und in der geografischen Lage und Mobilfunkhistorie sehr gut zu Schweden passt.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
, Hirntumor, Tumor, Wiederverwertung

Globocan 2012: Krebsvergleiche weltweit

Kuddel, Sonntag, 16.11.2014, 14:57 (vor 2936 Tagen) @ H. Lamarr

Wäre ich Hardell, würde ich meine in vielen Jahren erprobte Fall-Kontroll-Studientechnik für Hirntumoren statt abermals in Schweden, in Serbien durchführen.

Wie wäre es denn mit Finnland ?
Irgendwie erstaunlich, daß sich zwei unmittelbar benachbarte Länder in diesem Punkt so sehr unterscheiden.

K

Globocan 2012: Finnland vs. Norwegen

H. Lamarr @, München, Sonntag, 16.11.2014, 22:16 (vor 2935 Tagen) @ Kuddel

Wäre ich Hardell, würde ich meine in vielen Jahren erprobte Fall-Kontroll-Studientechnik für Hirntumoren statt abermals in Schweden, in Serbien durchführen.

Wie wäre es denn mit Finnland ?
Irgendwie erstaunlich, daß sich zwei unmittelbar benachbarte Länder in diesem Punkt so sehr unterscheiden.

Aus Laiensicht meine ich: Finnland scheidet aus, weil zwar geografisch nahe Schweden gelegen (damit vergleichbare Umwelteinflüsse), die ASR jedoch zu klein ist (nur rd. halb so groß wie in Schweden). Norwegen ist daher mMn die bessere Alternative.

Die hohe ASR für Schweden macht deutlich, warum Prof. Hardell nicht locker lässt: Das Thema Hirntumoren beschäftigt die Schweden mit ziemlicher Sicherheit, dafür sogt der erschreckende Spitzenplatz und Hardell kann sich des Interesses an seiner Arbeit (in Schweden) gewiss sein.

Schaut man sich die Länder mit besonders hoher ASR an erkenne ich keinen roten Faden, geschweige denn einen Zusammenhang mit Mobilfunk. Albanien ist eher ein rückständiges Land (gewesen), Mobilfunk dort sicher nicht so verbreitet wie anderswo. Wegen der schlechten Datenqualität Albaniens lohnt es sich aber nicht, diese Spur weiter zu verfolgen.

Verblüfft hat mich der unspekatakuläre Mittelplatz Dänemarks. Denn 2011 war es einmal mehr Mona Nilsson, die einen 40-Prozent-Anstieg der Hirntumorfälle in Dänemark meldete (altersstandadisiert), bezogen auf 2001. An die Spitze der ASR-Skala hat dies die Dänen aber noch lange nicht gebracht.

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Globocan 2012: Finnland vs. Norwegen

Kuddel, Montag, 17.11.2014, 01:03 (vor 2935 Tagen) @ H. Lamarr
bearbeitet von Kuddel, Montag, 17.11.2014, 01:44

Mich verwundert eben, dass die Kurven in benachbarten Ländern so unterschiedlich verlaufen.
In einigen Ländern steigt die Inzidenzrate an, während sich der Anstieg in benachbarten Ländern zur gleichen Zeit abschwächt.

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Für mich sieht das nach irgendwelchen Statistik/Erfassungs-Ungenauigkeiten, bzw Verzögerungen aus.

Möglicherweise haben vereinzelt Krankenhäuser, z.B. in Norwegen eine Zeitlang "vergessen" ihre Daten weiterzuleiten, dann erging eine Order, doch bitte der Meldepflicht nachzukommen, dann wurden in 2008 Zahlen aus den letzten Jahren auf einen Schlag nachgemeldet (=Anstieg) und in 2010 hat sich die Lage wieder normalisiert.

K

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