Studienkritik: Schädliche Mobilfunkwirkung auf Hoden (Forschung)

Dr. Ratto, Sonntag, 29.12.2013, 23:51 (vor 2388 Tagen)
bearbeitet von Dr. Ratto, Montag, 30.12.2013, 00:13

[Admin: Posting verschoben und Titel editiert am 30.12.2013, 00:28 Uhr; Absprung hier]

"Schädliche Wirkung auf die Hoden von 21 Tage alten Ratten möglich"
.....Denn Ratten, und hier speziell trächtige Rättinnen, sind bislang nur in seltenen Fällen in der Nähe sendender Smartphones zu sichten.

Also gut, der auch noch. Hat mich schon gewundert, dass ihn noch keiner ausgegraben hat.

Es ist wohl klar, dass Ratten hier nur stellvertretend für den Menschen als Versuchstiere dienen. Unfruchtbare Ratte = unfruchtbarer Mensch, ach wie schrecklich!

Studien dieser Art - und dieser Qualität - sind aktuell "Mode" und sprießen richtig aus dem Boden. Männliche Fruchtbarkeit bzw. deren Beeinträchtigung ist anscheinend das richtige Stichwort um an Forschungsgelder zu kommen.

Nun zur Sache:

Die Exposition erfolge bei 900 MHz (Modulation ist nicht erwähnt, CW auch nicht) in einem Käfig aus Plexiglas (ca. 30x40 cm) im Nahfeldbereich einer Dipolantenne. Die elektrische Feldstärke ist mit 10 V/m angegeben, die Leistungsflussdichte mit 0,256 W/m2, gemessen wurde mit einem nicht näher definierten Breitbandmessgerät mit einer isotropen Sonde (Chauvin Arnoux CA43). Das bleibt, wenn es denn stimmt, zumindest unterhalb der Grenzwerte. Was von Messungen im Nahfeldbereich zu halten ist wurde vor einigen Tagen hier diskutiert, allerdings bezogen auf einen Spektrumanalysator. Eine zumindest grobe Schätzung des SAR-Wertes wurde nicht versucht. Die Angabe des SAR Wertes in den Embryonen wäre aber die einzig richtige Angabe zur Exposition. Wie man den richtig berechnet ist in dieser Japanischen Publikation beschrieben.

Es wurden insgesamt 20 Rattenweibchen verpaart, dann aber nur 6 trächtige Ratten in den Versuch aufgenommen (hatten die keine Lust?). Davon dienten drei als Kontrollen, drei wurden vom 13. bis 21. Tag der Trächtigkeit täglich für eine Stunde zur Exposition in den Plexiglas-Käfig gesetzt. Eine Scheinexposition erfolgte nicht, Verblindung ebenfalls nicht. Das die exponierten Ratten täglich in einen anderen Käfig umgesetzt wurden, die Kontrolltiere aber nicht, reicht um Stress ausschließlich bei exponierten Tieren zu verursachen, mit möglichen Konsequenzen für den Nachwuchst. Drei Muttertiere sind für einen sinnvollen Versuch zu wenig. Es wurden dann zwar jeweils 10 männliche Jungtiere von exponierten und 10 von nicht exponierten Müttern untersucht, Geschwister sind sich aber oft ähnlicher als nicht verwandte Tiere, die Ergebnisse sind also nicht ganz unabhängig. Untersucht wurde Zelltod und oxidativer Stress in den Hoden, beides wurde bei exponierten Tieren als signifikant erhöht angegeben, die Werte wurden aber nicht gezeigt. Veränderungen im Hodengewebe wurden anhand von Beispielen in Gewebeschnitten gezeigt - die Beispiele kann man sich aber beliebig aussuchen. Insgesamt ist der Studie nicht zu trauen. Grund zur Sorge ist sie ebenfalls nicht.

Ich kenne bisher zwei ordentlich durchgeführte Studien, die den Einfluss elektromagnetischer Felder auf trächtige Nagetiere im Zusammenhang mit der Fortpflanzungsfähigkeit untersucht haben. Das war Lerchls Mehrgenerations-Studie an Mäusen unter UMTS, und eine Französische Studie an Ratten unter WiFi. In beiden wurde nichts aufregendes gefunden. Beider sind von guter Qualität und die Ergebnisse glaubwürdig und gut belegt. Studien wie die hier beschriebene gibt es inzwischen sicher an die 20 - 30, dass macht die Ergebnisse aber nicht vertrauenswürdiger. Da muss zuerst eine ordentliche Dosimetrie, Scheinexposition, Verblindung und Datenauswertung her. Für so etwas sind Versuchstiere wirklich Schade.

Eine ganz schlimme Modewelle ist gerade aktuell die Behauptung, elektromagnetische Felder sind für die Fortpflanzung schädlich, es gäbe aber einen therapeutischen Einfluss von ...

Vitaminen
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3400170/
Melatonin
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23676079
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23145464
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23952262
oder sogar gepulsten Feldern!
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21876981

Das ist schon wirklich krank und riecht nach Profit. Einzeln beurteilen werde ich die Studien jetzt nicht - sie sind alle gleich "gut".

Tags:
Vitamine, Oxidativer-Stress, CW-Befeldung, Nahfeld, Stress, Studienkritiker, Fruchtbarkeit, Spektrumanalysa, Ratten, Autodidakt, Verblindung, Studienbewertung, PubMed, Modulation, Forschungsgeld

Studienkritik: Schädliche Wirkung auf Hoden

Lilith, Montag, 30.12.2013, 01:26 (vor 2388 Tagen) @ Dr. Ratto

Es wurden insgesamt 20 Rattenweibchen verpaart, dann aber nur 6 trächtige Ratten in den Versuch aufgenommen (hatten die keine Lust?). Davon dienten drei als Kontrollen, drei wurden vom 13. bis 21. Tag der Trächtigkeit täglich für eine Stunde zur Exposition in den Plexiglas-Käfig gesetzt. Eine Scheinexposition erfolgte nicht, Verblindung ebenfalls nicht. Das die exponierten Ratten täglich in einen anderen Käfig umgesetzt wurden, die Kontrolltiere aber nicht, reicht um Stress ausschließlich bei exponierten Tieren zu verursachen, mit möglichen Konsequenzen für den Nachwuchst. Drei Muttertiere sind für einen sinnvollen Versuch zu wenig.

Aus Ihrer Schilderung wird übrigens wie von selbst verständlich, warum man sich für diese Versuche auf Rattenhoden, und nicht, wie von mir vorgeschlagen, auf Elefantenhoden spezialisiert hat.

--
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Humor

Studienkritik: Schädliche Wirkung auf Hoden

Dr. Ratto, Dienstag, 31.12.2013, 21:35 (vor 2386 Tagen) @ Lilith

Elefantenhoden

Ein Elefantenhoden würde in die Kiste gerade mal passen, als in vitro Versuch.

Alternativ könnte man ein Handy im Standby an den Bauch einer trächtigen Elefantenkuh befestigen. Elefanten tragen 22 Monate. Ob das Akku hält?

Ein tapferer Forscher könnte das Handy mehrere Stunden am Tag an den Hoden eines Elefantenbullen halten, vorzugsweise während der Musth. Vielleicht geht das Testosteron dann wieder zurück. Wenn nicht, gäbe es mindestens einen Forscher dieser Sorte weniger.

Prost Neujahr!

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Studienkritik: Schädliche Mobilfunkwirkung auf Hoden

Dr. Ratto, Montag, 30.12.2013, 17:31 (vor 2387 Tagen) @ Dr. Ratto

...die Werte wurden aber nicht gezeigt.

Doch, eine Seite weiter, bei der Diskussion, sind sie in einer Tabelle genannt. Sie entsprechen den Angaben aus dem Text.

Bei exponierten Tieren sind Samenleiter enger und haben dünnere Wände. Der Unterschied ist klein aber signifikant. Die Zahl toter oder sterbender Zellen ist bemerkenswert erhöht. Alle drei Parameter werden visuell unter dem Mikroskop bestimmt, bei einer nicht verblindeter Studie sind die Ergebnisse also zweifelhaft bzw. möglicherweise subjektiv beeinflusst.

Zwei biochemische Parameter zeigen signifikant erhöhten oxidativen Stress bei exponierten Tieren. Ob das Zufall oder stressbeding ist bleibt offen, angesichts der methodischen Mängel würde ich das nicht au die Exposition zurückführen. Ob oxidative Prozesse zu Erkrankungen führen ist zur Zeit eine sehr aktuelle Fragestellung in der Forschung, nachgewiesen ist das nicht, wie hier bereits in einem Dokument des RKI angesprochen wurde.

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