Was haben Genmais und Mobilfunk gemeinsam? (Allgemein)

Alexander Lerchl @, Freitag, 13.09.2013, 08:36 (vor 2171 Tagen)

Diese auf den ersten Blick hirnrissige Frage ist mir heute früh in den Sinn gekommen, als mein Sohn Material für den Unterricht über Genmais suchte und ihn bei Greenpeace fand:

Risiko Gen-Mais - beunruhigende Studie aus Frankreich

Dieser Text steht da seit ziemlich genau einem Jahr. Er ist beunruhigend, keine Frage, weil er die Botschaft übermittelt: Genmais ist so gesundheitsschädlich, dass die damit gefütterten Ratten früher starben, vermehrt Krebs bekamen und so weiter und so fort.

Nur: an der Sache war und ist nichts dran, alle Ergebnisse waren nicht signifikant. Trotzdem lässt Greenpeace den Artikel weiterhin im Netz und hält es offenbar nicht für nötig, die Leser darauf hinzuweisen. Das genau ist das Gemeinsame: Horrorgeschichten oder Falschmeldungen werden ungeniert weiterverbreitet, dafür gibt es hier wie dort ungezählte Beispiele.

Link zur Originalstudie. Besonders wichtig: die ungewöhnlich vielen (13) wissenschaftlichen Leserbriefe. Wie viele sich erinnern werden, ging das damals auch ordentlich durch die Presse.

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"Ein Esoteriker kann in fünf Minuten mehr Unsinn behaupten, als ein Wissenschaftler in seinem ganzen Leben widerlegen kann." Vince Ebert

Tags:
Risikokommunikation, Forschung, Gentechnik

Zauberwort: unabhängige Forschung

H. Lamarr @, München, Freitag, 13.09.2013, 10:37 (vor 2171 Tagen) @ Alexander Lerchl

Dieser Text steht da seit ziemlich genau einem Jahr. Er ist beunruhigend, keine Frage, weil er die Botschaft übermittelt: Genmais ist so gesundheitsschädlich, dass die damit gefütterten Ratten früher starben, vermehrt Krebs bekamen und so weiter und so fort.

Das wichtigste kommt bekanntlich zuerst. In diesem Fall wird Genforscher Seralini für den Leser erst einmal mit den Intarsien der Kompetenz versehen, bevor die Autorin zur Sache kommt. Und so startet der Grünfrieden-Artikel mit dieser Einstimmung:

Zwei Jahre lang haben franzözische Forscher unter der Leitung von Gilles-Eric Seralini, Professor an der Universität Caen und Mitglied des CRIIGEN (Committee for Independent Research and Information on Genetic Engineering) Ratten mit dem gentechnisch veränderte Mais NK603 gefüttert.

Am besten gefällt mir inzwischen das Prädikat: Independent Research (unabhängige Forschung).

Diesen Lockruf hatten auch wir uns mal leichtsinnig an die Fahnen geheftet, weil er verführerisch gut klingt und gar nicht erklärungsbedürftig ist. Diagnose-Funk propagiert dem Wunschtraum von der "unabhängigen Forschung" noch immer und hängt damit dem Kinderglauben nach, würdig aussehende Männer mit grauen Haaren, gepflegtem Bart und weißen Kittel würden nur der reinen Wahrheit verpflichtet in fensterlosen deckenhoch gefliesten Laboren allein für Gott und die Welt forschen.

Tatsächlich ist "unabhängige Forschung" mMn nur Augenwischerei, es gibt sie nicht.

Allein schon der Wortlaut signalisiert, dass es "abhängige Forschung" gibt, betrieben von Bösen, denen sich die Guten, die unabhängig forschen, in den Weg stellen müssen. Ohne viel reden zu müssen ist damit Alfred und Eva klar zu machen: abhängige Forschung ist böse, unabhängige Forschung ist gut. Das funktioniert so lange, bis sich Alfred und Eva die Frage stellen, was eigentlich "unabhängige Forschung" ist. Da wird dann schnell deutlich: Das ist die Forschung, von der sich die Bestätigung der eigenen Interessen erwartet wird. Da steckt eine gehörige Portion Verschwörungswahn mit im Gepäck.

Wenn also von Klitzing von der sogenannten Kompetenzinitiative für die Erforschung der Elektrosensibilität mit 50'000 Euro gefördert wird, und zu dem Ergebnis kommt, es gäbe möglicherweise EHS, dann ist das aus Sicht von Alfred und Eva unabhängige Forschung.

Aus meiner Sicht sind alle Forscher abhängig, denn jeder braucht Geld, um seine Ideen zu realisieren. Statt "unabhängig" müsste es daher "interessenfrei" oder besser "ergebnisoffen" heißen. Der einzige Weg, der Bevölkerung (nicht Alfred und Eva) diese Form der Forschung plausibel zu machen ist die Entkopplung von Auftraggeber und Auftragnehmer durch einen spannungsfesten Isolator, dessen Rolle am glaubwürdigsten neutrale staatliche Institutionen übernehmen (z.B. das BfS). Doch Alfred und Eva sind selbst damit nicht mehr zu retten, sie anerkennen den Staat nicht als Sperrschicht, sie sehen ihn als erpressbaren Kumpan eines allgegenwärtigen Bürgerfeinds, der unter dem Namen "die Industrie" auftritt. Mit diesen "Erleuchteten", die es besser als alle anderen wissen, muss man lernen zu leben, denn umzustimmen sind sie mit nichts, erst recht nicht mit Sachargumenten.

Das Munkeln & Raunen hat es schon immer gegeben, in den Hinterzimmern der Republik konnte es sich freilich nur langsam ausbreiten. Mit dem www dringen die Alfreds und Evas jetzt bis in die Wohnzimmer vor, sie treffen dort auf unvorbereitete Menschen. Sinn und Zweck des IZgMF ist es (mittlerweile), wenigstens ein paar der angepeilten Opfer auf den Angriff der Funkgegner vorzubreiten.

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Tags:
Verschwörung, EHS, Forschung, Klitzing, Ko-Ini, Steuerverschwendung, Verschwendung, Augenwischerei, unabhängige Forschung

Zauberwort: unabhängige Forschung

Christopher, Freitag, 13.09.2013, 11:27 (vor 2170 Tagen) @ H. Lamarr

Am besten gefällt mir inzwischen das Prädikat: Independent Research (unabhängige Forschung).

Da stimme ich voll zu. Wenn sich jemand etwas auf die Fahnen schreibt, das eigentlich selbstverständlich sein sollte, dann klingeln bei mir schon die Warnglocken.

Wenn eine Forschungsinstitution schon "unabhängig" im Namen trägt, ist es damit dann gerne mal doch nicht soweit her. Schließlich hat man in "Unabhängigkeitsdingen" schon mit dem Namen seine Pflicht getan...

Genmaisstudie gegen Willen des Autors zurück gezogen

H. Lamarr @, München, Sonntag, 01.12.2013, 02:52 (vor 2092 Tagen) @ Alexander Lerchl

Dieser Text steht da seit ziemlich genau einem Jahr. Er ist beunruhigend, keine Frage, weil er die Botschaft übermittelt: Genmais ist so gesundheitsschädlich, dass die damit gefütterten Ratten früher starben, vermehrt Krebs bekamen und so weiter und so fort.

Nur: an der Sache war und ist nichts dran, alle Ergebnisse waren nicht signifikant. Trotzdem lässt Greenpeace den Artikel weiterhin im Netz und hält es offenbar nicht für nötig, die Leser darauf hinzuweisen. Das genau ist das Gemeinsame: Horrorgeschichten oder Falschmeldungen werden ungeniert weiterverbreitet, dafür gibt es hier wie dort ungezählte Beispiele.

Link zur Originalstudie.

Die Fachzeitschrift, in der die Forschungsergebnisse des französischen Wissenschaftlers Gilles-Eric Séralini im vergangenen Jahr veröffentlicht wurden, zog die Studie zurück, wie am Donnerstag (28. November) bekannt wurde. Séralini kritisierte die Entscheidung.

Quelle: http://www.welt.de/newsticker/news2/article122358445/Umstrittene-Genmais-Studie-mit-Ratten-weiter-in-der-Kritik.html

Im Bayerischen Rundfunk wurde ausführlicher darüber berichtet. Séralini beklagte in dem Bericht, seit Veröffentlichung seiner Studie werde er diffamiert und unter Druck gesetzt. Die Studie sei gegen seinen Willen zurückgezogen worden, er stehe nach wie vor zu den Ergebnissen. Séralini sagte, ein Mitarbeiter von Monsanto habe beruflich ins Editorial Board von ausgerechnet der Fachzeitschrift gewechselt, die seine Arbeit vergangenes Jahr veröffentlicht hat. Kurz nach dem Wechsel des Mannes hätte die Zeitschrift seine Studie zurück gezogen. Die AFP-Meldung, die auch von "Die Welt" verwendet wurde, sagt zu diesen pikanten Details merkwürdigerweise nichts. Wahrscheinlich werden sich bald Legenden und Mythen um diese Retraktion ranken und Séralini wird als Opfer einer Intrige zu höchsten Ehren kommen.

Mindestens ebenso merkwürdig: Der Link zur Originalstudie (oben) führt weiterhin ins Ziel, so als ob nichts gewesen sei. Von einer Retraktion der Arbeit ist dort nichts zu erkennen. Das verstehe wer will.

Kommentar: Die beiden Zeitschriften, die die "Reflex"-Studie und die "Reflex"-Nachfolgestudie veröffentlichten, haben von einer Retraktion Abstand genommen mit der Begründung, nicht die Zeitschrift könne eine Studie zurückziehen, sondern nur die Autoren. Der Fall Séralini belegt: Und es geht doch!

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Tags:
Monsanto

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