Burnout - belastbare Fakten, statt Pseudowissenschaftliches (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 10.04.2013, 14:52 (vor 2890 Tagen)

Wenn sich ein Anti-Mobilfunk-Verein wie die sogenannte Komptenzinitiative (KO-Ini) mit einem sogenannten Forschungsbericht um das Krankheitsbild "Burnout" kümmert, dann ist Gefahr im Verzug - nämlich Desinformation der Bevölkerung mit pseudowissenschaftlichem Gesülze.

Eine spezielle Präsentation (DAK-Gesundheitsreport - Schwerpunkt psychische Erkrankungen) der Deutschen Angestelltenkrankenkasse stellt der KO-Ini seit Ende Februar 2013 Zahlen entgegen, die die Behauptung vom Burnout wegen Funkwelleneinwirkung als das zeigen, was sie ist: eine Blödelei. Für den 134 Seiten starken Gesundheitsreport haben die Statistiker des Berliner IGES-Instituts die Daten von 370 000 berufstätigen DAK-versicherten im Freistaat Bayern verarbeitet.

In der öffentlichen Wahrnehmung gewinnt vor allem das Burnout-Syndrom immer mehr an Bedeutung. Die Statistiker können dieses kollektive Gefühl indes nicht bestätigen. Im vergangenen Jahr haben die Ärzte in Bayern nur bei jedem 780. Mann und bei jeder 440. Frau ein Burnout-Syndrom diagnostiziert. Dagegen wurde in den Attesten acht Mal so häufig eine Depression als Grund für die Arbeitsunfähigkeit notiert.

Die erhellende Präsentation des DAK-Schwerpunktberichts zu den psychischen Erkrankungen steht hier zum Download bereit (PDF, 33 Seiten). Die Zusammenfassung daraus lautet (AU = Arbeitsunfähigkeit):

  • Psychische Erkrankungen als Ursache für Arbeitsunfähigkeit nehmen seit etwa 15 Jahren kontinuierlich zu.
  • Das AU-Geschehen wegen psychischer Diagnosen wird von wenigen Einzeldiagnosen bestritten: Depressionen, Anpassungsstörungen, Neurotische Störungen und somatoforme Störungen. Die herausragende Zunahme ist bei der Anpassungsstörung (F43) zu verzeichnen.
  • Der Burnout spielt im AU-Geschehen insgesamt eine untergeordnete Rolle. Experten und Ärzte gehen zu dem Begriff eher auf Distanz. Die entsprechende Symptomatik wird vermutlich unter F43 (Anpassungsstörung) dokumentiert.
  • Entgegen der aktuellen Debatte sind Entwicklungen in der modernen Arbeitswelt bei Weitem nicht der einzige Grund für die Zunahme der Fehltage mit psychischer Ursache.
  • Ein ebenso gewichtiger Grund ist die Sensibilisierung bei Hausärzten und Patienten. Psychische Probleme werden häufiger angesprochen, häufiger als früher als krankheitswertig betrachtet, was häufiger als früher zu entsprechend dokumentierten Krankschreibungen führt.
  • Eine spürbare Entstigmatisierung von Psychischen Erkrankungen als Arbeitsunfähigkeitsursache konnte nicht nachgewiesen werden.
  • Nur eine Minderheit der Arbeitnehmer wird regelmäßig außerhalb der Arbeitszeit von Kollegen und Vorgesetzten angerufen. Der Normalfall ist immer noch: Arbeitnehmer
    lesen nach Feierabend nicht ihre dienstlichen E-Mails und werden nur in Ausnahmefällen außerhalb der Arbeitszeit von Kollegen und Vorgesetzten angerufen.
  • Allerdings gilt auch: Schon ein mittleres 'Ausmaß' an Erreichbarkeit ist mit einem höheren Risiko verbunden, wegen einer Psychischen Erkrankung krankgeschrieben zu werden.
  • Insgesamt hat sich seit 2000 eine Verschiebung im Diagnosespektrum der Arbeitsunfähigkeit ergeben – weg von einigen somatischen Erkrankungen wie Atemwegsinfektionen oder Kreislauferkrankungen hin zu unspezifischen Symptomen und Psychischen Erkrankungen.

Kommentar: wenn es stimmt, dass sich ab 2000 die psychischen Erkrankungen hin zu "unspezifischen Symptomen" entwickelt haben, dann fällt mir dazu Frau Doktor Waldmann-Selsam und ihr "Mobilfunksyndrom" ein. Die Bürgerwelle kam ab etwa 2000 in die Gänge und versorgte die Bevölkerung mit Symptomlisten, alles was unspezifisch krank macht hatte plötzlich nur noch die eine Ursache: Funk (nicht Werner aus Oberammergau, sondern Mobil). Der Physiker V. Schorpp war dann der erste, der 2004/2005 aus diesen Listen einen Katalog machte und das IZgMF war so blöd, daran auch noch mitzuwirken. Alsbald schuf Frau W-S anhand dieses Kataloges den Mythos Mobilfunksyndrom, der sich in einschlägigen Kreisen bis heute gegen Konkurrenz wie das Sick-Building-Syndrom behaupten konnte.

Allerdings stellt sich jetzt die Frage, wie schon bei Henne und Ei: Wer war zuerst da? Gut möglich mMn, dass die von den Medien aufgegriffene Desinformation durch die Anti-Mobilfunk-Vereine im Laufe von zehn Jahren zu dem geführt hat, was die DAK rückblickend jetzt feststellt. Organisierte Mobilfunkgegner sind mangels dürrer Faktenlage schon immer auf Trittbrettfahrten bei anderen angewiesen gewesen. Die Kunst dieser Leute besteht darin, in vorhandene gesellschaftliche Störgrößen im Nachhinein die gewünschten Zusammenhänge hinein zu interpretieren. Da dies banal ist und ohne Substanz, sind diese Zuordnungen mMn nichts weiter als Verschwörungstheorien unter falscher Flagge.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Angst, Statistik, Depression, Mobilfunksyndrom, Krankenkasse, Burnout, Mikrowellensyndrom, Erreichbarkeit, Somatoforme Störung, Amateurwissenschaft, Sick-Building, Verhaltensstörung, Psychische Erkrankung

Harvard-Studie: Nachmittagsschlaf hilft gegen Burnout

Gast, Donnerstag, 06.04.2017, 22:51 (vor 1432 Tagen) @ H. Lamarr

Wenn sich ein Anti-Mobilfunk-Verein wie die sogenannte Komptenzinitiative (KO-Ini) mit einem sogenannten Forschungsbericht um das Krankheitsbild "Burnout" kümmert, dann ist Gefahr im Verzug - nämlich Desinformation der Bevölkerung mit pseudowissenschaftlichem Gesülze.

Auszug aus dem Neuronation-Newsletter vom 5. April 2017:

Vom Nutzen des gesunden Schlafs könnten viele Wissenschaftler ein Lied singen. Eine der Strophen würde dabei zweifellos von Aufmerksamkeit und der Konsolidierung von neuem Wissen handeln, das im Schlaf verarbeitet und langfristig gespeichert wird.

Diese Erkenntnisse basieren auf Studien, die die kognitive Leistung von Teilnehmern an zwei aufeinander folgenden Tagen verglichen haben: mit oder ohne ausreichend Schlaf dazwischen. Es hat sich dabei wenig überraschend herausgestellt, dass Schlaf eine entscheidende Rolle für unsere alltäglichen Lernerfolge spielt.

Ebenfalls seit Langem ist bekannt, dass die Verbindungen zwischen unseren Neuronen im Schlaf „gereinigt“ und gestärkt werden. Unklar blieb bis heute jedoch, ob diese Effekte ausschließlich für den langen nächtlichen Schlaf gelten oder auch ein kurzes Nickerchen ausreicht, um sie hervorzurufen. Diese Frage konnte nun von den Forschern der Harvard University und der Harvard Medical School endlich beantwortet werden.

Die Studie: Wie ein Nickerchen gesünder machen kann

Auf der Suche nach einer Antwort haben Harvard-Wissenschaftler die Teilnehmer ihrer Studie gebeten, an vier 60-minütigen Trainingseinheiten teilzunehmen. Ihre Aufgabe bestand dabei darin, sich auf einen Punkt in der Mitte des Bildschirms zu konzentrieren und gleichzeitig Figuren im peripheren Sichtfeld wahrzunehmen. Nach der zweiten Session hielten einige Teilnehmer ein kurzes Nickerchen von 30 bzw. 60 Minuten.

Während sich die Leistung der wach gebliebenen Teilnehmer in den darauffolgenden Übungseinheiten linear verschlechtert hat, blieben die Ergebnisse „ausgeschlafener“ Gruppen konstant und wiesen sogar, nach 60 Minuten Schlaf, Verbesserungen auf.

Diese Ergebnisse verdeutlichen überzeugend die Wichtigkeit von Schlaf für unsere Gesundheit, sei es die ganze Nacht oder nur ein Power Nap am Nachmittag. Von großem Interesse sind aber auch die weiterführenden Schlüsse, die die Forscher aus diesen Erkenntnissen ziehen. Sie vermuten, dass Burnout, welches als Resultat konstanter Übermüdung unseres Gehirns eintritt, durch kleine Schlafunterbrechungen verhindert werden kann. Ein Mittagsschlaf gönnt unserem Kopf eine kurze Regenerationspause, stärkt unser Gehirn und trägt damit zur Verbeugung des Burnout-Syndroms bei.

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