Maessige baubiologische Volksaufklärung (Berichtigungen)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 20.12.2009, 20:00 (vor 4731 Tagen)

Kann ein Arzt nachweisen, dass ich elektrosensibel bin?

Dies wollte "anton" am 15.03.07 im Forum Symptome.ch wissen.

Noch am selben Tag bekam "anton" von Moderatorin "Uta" u.a. folgende Info serviert:

Ende 1998 wurde von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin eine Untersuchung durchgeführt mit folgendem Ergebnis. Das EEG veränderte sich "Wiederholte Messungen zeigten signifikante Einflüsse des elektromagnetischen Feldes. Es gibt keinen Zweifel, dass die gepulsten Mikrowellen von Handys biologisch wirksam werden können."

Das ist ja ein dicker Hund, sagte ich mir! Ausgerechnet die BAuA, Arbeitgeberin von Dr. G. Kaul, soll Handywellen zweifelsfrei eine biologische Wirkung attestiert haben? Ein Hyper-Sprung zur zitierten Quelle esmog Augsburg blieb ergebnislos, derweil die Augsburger nur daherreden ohne ihrerseits den Quell Ihrer Weisheit zu verraten.

Also blieb auf der Suche nach der Originalquelle des Zitats nur die übliche Ochsentour über eine Suchmaschine. Und die wurde auch schnell fündig, aber nicht bei der BAuA, sondern bei dem Baubiologen Maes, der einen seiner vielen im Web aufzufindenen Beiträge mit folgender Einleitung begann:

"Gepulste Mikrowellen der Intensität eines üblichen Mobilfunk-Telefonates beeinflussen die bioelektrische Gehirnaktivität." Zu dem Ergebnis kam eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin, die Ende des Jahres 1998 veröffentlicht wurde. Vier Wissenschaftler untersuchten 16 junge Männer mit ein- und ausgeschaltetem Handy am Ohr. Das EEG zeichnete deren Hirnströme auf. "Wiederholte Messungen zeigten signifikante Einflüsse des elektromagnetischen Feldes. Es gibt keinen Zweifel, dass die gepulsten Mikrowellen von Handys biologisch wirksam werden können."

Die Augsburger Sendemastengegner haben also einfach bei Maes abgeschrieben. Mist, damit ist zwar das Prinzip "Stille Post" sichtbar geworden, aber noch immer ist nicht klar, ob die Behauptung von Uta, den Augsburgern und von Maes überhaupt stimmt.

Mein nächster Anlaufpunkt war jetzt die Website der BAuA, die spuckte aber für 1990 bis 2009 keinen einzigen Forschungsbericht zum Stichwort "Gehirnaktivität" aus. Hatte Maes etwa frech gelogen? Erst das Stichwort "Hochfrequenzfeldern" (mit n am Schluss!) brachte dann endlich 1 Treffer, nämlich den Bericht Einfluß von niederfrequent gepulsten Hochfrequenzfeldern auf den Menschen aus dem Jahr 1999. Na gut, da hatte sich Maes eben um ein Jahr vertan, nicht weiter schlimm.

Endlich war ich am Ziel, mein Monitor zeigte mir eine Zusammenfassung dieses Berichts. Aber was war das!? Statt 16 Probanden sind es 20 und auch die Anzahl der Autoren ist höher als die von Maes genannten vier. Habe ich womöglich einen falschen Bericht erwischt? Also neue Suche, jetzt mit "GSM" als Suchwort, und diesmal landete ich wirklich im Ziel bei dem Forschungsbericht Einfluss elektromagnetischer Felder von GSM-Mobiltelefonen auf Informationsaufnahme und -verarbeitung beim Menschen, der freilich dem Archiv 2000 der BAuA entspringt. Die Anzahl der Autoren stimmt zwar noch immer nicht, da muss sich Maes verschaut haben, dafür stimmt die Anzahl der Probanden genau.

  • Erste Überraschung, die Psychologin Dr. G. Kaul, später für EHS Zielscheibe heftigster Angriffe, wirkte auch schon bei dieser Studie mit. Ein Umstand, der Sendemastengegner mächtig irritieren muss, weil das Bild des fiesen gemeinen Psychodocs, der den EHS angeblich absichtlich böse mitgespielt hat, so gar nicht zu der alarmierenden Botschaft aus der Feder von Maes passt.
  • Zweite Überraschung, befeldet wurde mit mehr als 2 W/kg (aber weniger als 4 W/kg), davon schreibt Maes nichts.
  • Dritte Überraschung: In der Zusammenfassung findet sich nicht einmal ansatzweise die dramatische Bewertung, wie sie bei Maes nachzulesen ist.
  • Vierte Überraschung: Möglicherweise ist auch die Studie aus dem Jahr 2000 nicht die richtige. Da Maes keinerlei konkrete Quelle für seine Behauptung nennt, ist es schier unmöglich, gezielt zu suchen. Unter den 15 Forschungsprojekten der BAuA zum Arbeitsgebiet "Strahlung" konnte ich jedenfalls nichts finden, was zweifelsfrei zu der Schilderung von Maes passt. Und welchen Grund sollte die BAuA haben, einen bereits publizierten Forschungsbericht nachträglich verschwinden zu lassen?

Und was lernen wir daraus? Trau' niemandem über den Weg, der dir von dramatischen oder nachweislichen Effekten berichtet, der dir jedoch die Originalquelle vorenthält, damit du die Behauptung nicht prüfen kannst. Das Internet ist der größte Freund von Dummschwätzern, weil es bei der mühelosen Verbreitung von Desinformation gute Dienste leistet. Zugleich ist es aber auch der größte Feind der Dummschwätzer, weil es tatkräftig hilft, diesen auf die Schliche zu kommen.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Baubiologe, Kaul, BAUA, Desinformation, Maes, Geschwätz

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