Prof. Rüdiger zog UMTS Studie zurück (Forschung)

Doris @, Dienstag, 29.07.2008, 19:34 (vor 5304 Tagen)

[Hinweis: Nach Prüfung bzgl. Verbotsbehauptung wieder frei gegeben am 28.02.2015]

Dr. Hugo Rüdiger, ehemaliger Leiter der klinischen Abteilung für Arbeitsmedizin und seit 2007 Emeritus, zog nach einem Hearing vor dem Rat für Wissenschaftsethik zumindest eine, nämlich die im März dieses Jahres erschienene, von zwei umstrittenen Publikationen über eine angebliche DNA-schädigende Wirkung von Mobilfunk-Strahlungen zurück.

Prof. Hugo Rüdiger zog offensichtlich inkorrekte Mobilfunkstudie zurück

Dr. Hugo Rüdiger, ehemaliger Leiter der klinischen Abteilung für Arbeitsmedizin und seit 2007 Emeritus, zog nach einem Hearing vor dem Rat für Wissenschaftsethik (ein vor vier Jahren an der Medizinischen Universität Wien eingerichtetes Gremium zur Beurteilung von Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens) zumindest eine, nämlich die im März dieses Jahres erschienene, von zwei umstrittenen Publikationen über eine angebliche DNA-schädigende Wirkung von Mobilfunk-Strahlungen zurück(1). In einer Aussendung der MUW vom 23.5. d.J. wurde über den Verdacht berichtet, dass die dort publizierten Daten manipuliert waren.

Nach weiteren durch den Rat vorgenommen Recherchen steht nun dezidiert fest, dass der die Experimente durchführenden Mitarbeiterin zumindest seit August 2005 der Verblindungscode bekannt war. Da durch Strahlung induzierte Veränderungen am Zellkern unter dem Mikroskop festgestellt werden, ist eine Verblindung essentiell, damit keiner der Untersucher vorher weiß, welche Zellen der Strahlung exponiert waren und welche nicht. Daraufhin nahm Prof. Hugo Rüdiger als Leiter der die Studie durchführenden Arbeitsgruppe und korrespondierender Autor der Publikation von sich aus deren Retraktion vor.

Wie bereits berichtet wurde, hat besagte Mitarbeiterin im Rahmen einer internen Qualitätskontrolle vom April d.J. Testversuche, die auch in den beiden Publikationen zur Anwendung kamen, in Auftrag bekommen und Daten geliefert, ohne mikroskopische Untersuchungen und Auswertungen dazu überhaupt gemacht zu haben. Sie hat nach Überführung ihr Verhalten sofort eingestanden und ihr Dienstverhältnis zu MUW unmittelbar danach gekündigt. Bereits davor hat ein vom Rat für Wissenschaftsethik in Auftrag gegebenes statistisches Gutachten Zweifel an einer korrekten Erhebung der in den beiden Arbeiten publizierten Daten geäußert.

Der Rektor der MUW hat daraufhin die Herausgeber der beiden Journale, wo die Arbeiten erschienen sind, informiert, dass den genannten Publikationen mit großer Wahrscheinlichkeit ein wissenschaftliches Fehlverhalten zugrunde liegt.

Zur mehrfach geäußerten Kritik an der Zusammensetzung des Rats für Wissenschaftsethik sei noch erwähnt, dass der dem Rat angehörende Jurist (ein Bundesbeamter, aber bei einem zwischenzeitlich aus der Bundeshoheit ausgelagerten Mobilfunkunternehmen beschäftigt) den Anschein einer Befangenheit vermeiden wollte und speziell für diesen Fall durch ein ehemaliges Mitglied des Verwaltungsgerichtshofes vertreten wurde.

Der Rektor der MUW, Wolfgang Schütz, sieht die Causa nun als abgeschlossen: "Wir haben wohl rasch und eindeutig reagiert, was wir dem Ruf unserer Universität, den Forschenden und Lehrenden sowie den Studierenden schuldig sind. Methoden, die den wissenschaftlichen Ansprüchen und dem Ethos einer korrekten Wissenschaft nicht entsprechen, können nicht geduldet werden. Ich bin sehr beruhigt, dass Herr Prof. Rüdiger zuletzt Einsehen zeigte."

(1) E Diem, C Schwarz, F Prof. A., O Jahn, HW Rüdiger (2005) Non-thermal DNA breakage by mobile-phone radiation (1800 MHz) in human fibroblasts and in GFSH R17 rat granulosa cells in vitro. Mutation Research 583, 178 183.

C Schwarz, E Kratochvil, A Pilger, N Kuster, F Prof. A., HW Rüdiger (2008) Radiofrequency electromagnetic fields (UMTS, 1950 MHz) induce genotoxic effects in vitro in human fibroblasts but not in lymphocytes. International Archives of Occupational and Environmental Health 81, 755 767.

Pressemitteilung der Med. Universität Wien vom 29.07.2008

Quelle: Homepage RDW

Tags:
UMTS-Studie, Wissenschaftliches Fehlverhalten, Befangen, Rüdiger, MUW, Laborantin, Verblindungscode, Fibroblasten, Wissenschaftsskandal, Pilger, Dienstverhältnis

Als Qualitätsfall weiterhin fragwürdig

AnKa, Dienstag, 29.07.2008, 23:53 (vor 5304 Tagen) @ Doris

Der Rektor der MUW, Wolfgang Schütz, sieht die Causa nun als abgeschlossen: "Wir haben wohl rasch und eindeutig reagiert, was wir dem Ruf unserer Universität, den Forschenden und Lehrenden sowie den Studierenden schuldig sind. Methoden, die den wissenschaftlichen Ansprüchen und dem Ethos einer korrekten Wissenschaft nicht entsprechen, können nicht geduldet werden. Ich bin sehr beruhigt, dass Herr Prof. Rüdiger zuletzt Einsehen zeigte."

Diese "Causa" kann man noch nicht als abgeschlossen sehen.

Zu einer vollständigen Qualitätsüberprüfung gehört auch die Beantwortung der Frage, wie es dazu kommen konnte, sowie eine nachvollziehbare Aussage darüber, wie verhindert wird, dass sich solch ein Fall noch einmal wiederholen kann.

Würde eine Zertifizierungsstelle eine Qualitätsbeurteilung der Abteilung Forschung und Lehre der TU Wien vornehmen und dabei auf diesen Vorgang stossen, müssten diese Antworten gegeben werden.

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"Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere." (Groucho Marx)

Und die anderen paper?

Alexander Lerchl @, Mittwoch, 30.07.2008, 12:19 (vor 5304 Tagen) @ AnKa

Der Rektor der MUW, Wolfgang Schütz, sieht die Causa nun als abgeschlossen: "Wir haben wohl rasch und eindeutig reagiert, was wir dem Ruf unserer Universität, den Forschenden und Lehrenden sowie den Studierenden schuldig sind. Methoden, die den wissenschaftlichen Ansprüchen und dem Ethos einer korrekten Wissenschaft nicht entsprechen, können nicht geduldet werden. Ich bin sehr beruhigt, dass Herr Prof. Rüdiger zuletzt Einsehen zeigte."

Diese "Causa" kann man noch nicht als abgeschlossen sehen.

Das sehe ich genau so. Nur die eine Studie zurückzuziehen, und dies auch nur mit der Begründung, für die Verblindung könne nicht mit Sicherheit gerade gestanden werden, ist nicht ausreichend. Das statistische Gutachten legt nahe, dass beide Arbeiten gefälscht wurden. Ausserdem sind da noch mindestens 5 andere paper, an denen die technische Mitarbeiterin mitgewirkt hat und die ebenfalls sorgsam untersucht werden müssten. Das sind Standardverfahren, die z.B. bei dem großen Forschungsskandal Brach / Herrmann (hier ging es aber um hunderte Publikationen) angewandt wurden. Warum jetzt hier der Deckel drauf soll, ist nicht nachvollziehbar.

Zu einer vollständigen Qualitätsüberprüfung gehört auch die Beantwortung der Frage, wie es dazu kommen konnte, sowie eine nachvollziehbare Aussage darüber, wie verhindert wird, dass sich solch ein Fall noch einmal wiederholen kann.

Das ist ebenfalls vollkommen richtig.

Würde eine Zertifizierungsstelle eine Qualitätsbeurteilung der Abteilung Forschung und Lehre der TU Wien vornehmen und dabei auf diesen Vorgang stossen, müssten diese Antworten gegeben werden.

Stimmt. Ein kleiner Hinweis: Es ist die Medizinische Universität Wien (MUW), nicht die TU Wien.

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Prof. Rüdiger zog UMTS Studie zurück

KlaKla, Mittwoch, 30.07.2008, 07:32 (vor 5304 Tagen) @ Doris

Kleiner Stolperstein

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 30.07.2008, 10:37 (vor 5304 Tagen) @ Doris

Dr. Hugo Rüdiger, ehemaliger Leiter der klinischen Abteilung für Arbeitsmedizin und seit 2007 Emeritus, zog nach einem Hearing vor dem Rat für Wissenschaftsethik (ein vor vier Jahren an der Medizinischen Universität Wien eingerichtetes Gremium zur Beurteilung von Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens) zumindest eine, nämlich die im März dieses Jahres erschienene, von zwei umstrittenen Publikationen über eine angebliche DNA-schädigende Wirkung von Mobilfunk-Strahlungen zurück(1).

(1) E Diem, C Schwarz, F Prof. A., O Jahn, HW Rüdiger (2005) Non-thermal DNA breakage by mobile-phone radiation (1800 MHz) in human fibroblasts and in GFSH R17 rat granulosa cells in vitro. Mutation Research 583, 178 183.

C Schwarz, E Kratochvil, A Pilger, N Kuster, F Prof. A., HW Rüdiger (2008) Radiofrequency electromagnetic fields (UMTS, 1950 MHz) induce genotoxic effects in vitro in human fibroblasts but not in lymphocytes. International Archives of Occupational and Environmental Health 81, 755 767.

Das ist ja eine hübsch gefährliche Literaturangabe in der Presse-Information der MUW. Wer da nicht genau hinguckt, liest was von einer zurückgezogenen Studie mit der Literaturangabe (1) und unten beginnt dann die Literaturstelle (1) nicht etwa mit der jüngeren und jetzt zurückgezogenen UMTS-Studie, sondern mit der älteren Reflex-Studie, die eben nicht zurückgezogen wurde. Für Schlamper eine Stolperfalle.

Jetzt bin ich mal gespannt, was nach seinen vorausgegangenen anderslautenden Stellungnahmen zum Zurückziehen seiner Studien, nun Hugo Rüdiger selbst zu dieser unerwarteten Entwicklung sagt.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

und tschüss!

Zulunation, Mittwoch, 30.07.2008, 18:05 (vor 5303 Tagen) @ H. Lamarr

"Jetzt bin ich mal gespannt, was nach seinen vorausgegangenen
anderslautenden Stellungnahmen zum Zurückziehen seiner Studien, nun Hugo
Rüdiger selbst zu dieser unerwarteten Entwicklung sagt."

Die Tatsache, dass Rüdiger HIER auftreten wird, dürfte eine Antwort erübrigen. Der Mann hat sich aus der Science Community offensichtlich verabschiedet...

Zulu

Tags:
Gigaherz-Kongress

und tschüss!

AnKa, Mittwoch, 30.07.2008, 23:37 (vor 5303 Tagen) @ Zulunation

"Jetzt bin ich mal gespannt, was nach seinen vorausgegangenen anderslautenden Stellungnahmen zum Zurückziehen seiner Studien, nun Hugo Rüdiger selbst zu dieser unerwarteten Entwicklung sagt."

Die Tatsache, dass Rüdiger HIER auftreten wird, dürfte eine Antwort erübrigen. Der Mann hat sich aus der Science Community offensichtlich verabschiedet...

Na hoffentlich halten sie es bei diesem Kongress auch in den mündlichen Ansagen durch, dass der Mann dort als Privatmann auftritt...

"Prof. Dr. Hugo Rüdiger Wien, mit dem Thema 'Erbgutverändernde Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder'"

...und nicht etwa "versehentlich" als ein offizieller Vertreter der Medizinischen Universität Wien angekündigt wird. Das wäre für die Uni ja mehr als peinlich.

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Knallhart

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 30.07.2008, 23:49 (vor 5303 Tagen) @ Zulunation

Die Tatsache, dass Rüdiger HIER auftreten wird, dürfte eine Antwort erübrigen.

Das kommentierte heute ein bekannter Kritiker knallhart so: "Dort treffen sich alle Versager der Kritikerszene".

Zuvor habe ich heute Vormittag Hugo Rüdiger angeschrieben, und um eine Stellungnahme zu der unerwarteten Rücknahme seiner UMTS-Studie gebeten.

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Tags:
Anfrage

Presseecho am Tag danach

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 31.07.2008, 00:17 (vor 5303 Tagen) @ Doris

Groß Notiz genommen hat der Blätterwald von der Rücknahme der UMTS-Studie bislang nicht, große deutsche Portale wie Spiegel, Focus oder Süddeutsche fehlen.

Med-Uni Wien: Arbeitsmediziner Rüdiger zog Mobilfunkstudie zurück derStandard.at
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