Interphone: Kein Tumor der Ohrspeicheldrüse (Allgemein)
Im Rahmen der Interphone-Studie haben Wissenschaftler in Schweden und Dänemark 172 Fälle von bös-/gutartigem Ohrspeicheldrüsentumoren und die Handynutzung der Erkrankten untersucht. Ein Risikoerhöhung konnten die Forscher jedoch nicht finden, sie sehen in ihren Resultaten keinen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen der Mobiltelefonbenutzung und dem Risiko von Ohrspeicheldrüsentumoren. Publiziert wurde die Studie im American Journal of Epidemiology, eine deutsche Übersetzung des Abstrakts und weitere Hinweise, z. B. zur Finanzierung der Studie, gibt es bei der Dokumentationsstelle Elmar.
Nachtrag vom 23. Juni 2020: Da "Elmar" nicht mehr existiert, nachstehend die einst von Elmar angebotenen Informationen:
Kurzfassung der Publikation
Ziel:
Bevölkerungsbasierte Fall-Kontrollstudien in Dänemark und Schweden zur Untersuchung des Risikos von Ohrspeicheldrüsen-Tumoren bei Mobiltelefonbenutzern im Rahmen der Interphone-Studie.
Kollektiv:
Die Studienpopulation bestand aus der Bevölkerung Dänemarks (3.6 Mio.) und den Einwohnern von drei schwedischen Regionen mit Krebsregistern: Stockholm, Göteborg und Lund (3.1 Mio.). In die Studie eingeschlossen wurden Personen (20 bis 69 J.), bei den zwischen September 2000 und August 2002 ein gut- oder bösartiger Tumor der Ohrspeicheldrüse (Glandula parotidea) diagnostiziert worden war. Die Daten der Patienten mit gutartigen Tumoren (pleomorphem Adenom) stammten aus den öffentlichen und privaten Kliniken in Stockholm und Göteborg. Die Kontrollpersonen wurden aus den nationalen Bevölkerungsregistern ausgewählt. In Dänemark wurden jedem Patienten drei Kontrollpersonen mit passendem Alter und Geschlecht zugeordnet, in Schweden war die Kontrollgruppe so zusammengesetzt, dass die Verteilung von Alter, Geschlecht und Wohnregion der Fallgruppe entsprach.
Exposition:
Als exponiert galten Personen, die seit mindestens sechs Monaten durchschnittlich einmal pro Woche ein Mobiltelefon benutzten. Analysiert wurde die Dauer der Mobiltelefonbenutzung, die Gesamtzahl der Gesprächsstunden und die bevorzugte Kopfseite.
Methode:
Die Berechnung der Odds Ratios erfolgte mittels nichtkonditionaler logistischer Regression. Als potenzielle Einflussfaktoren wurden berücksichtigt: Alter, Geschlecht, Wohnregion, Land, Bildungsniveau, Rauchen, Belastung durch ionisierende Strahlung und frühere Krebserkrankungen.
Resultate:
Ausgewertet wurden die Daten von 60 Patienten mit bösartigen und 112 Patienten mit gutartigen Ohrspeicheldrüsen-Tumoren. Das entsprach einer Teilnahmerate von 85 resp. 88%. Die Kontrollgruppe bestand aus 966 Personen (70% Teilnahmequote). Bei regelmässigen Mobiltelefonbenutzern betrug die Odds Ratio für bösartige Tumoren 0.7 (95%-CI: 0.4-1.3) und für gutartige Tumoren 0.9 (95%-CI: 0.5-1.5). Mit zunehmender Benutzungsdauer oder -intensität stiegen die Risikoschätzer nicht an. Es zeigten sich keine erhöhten Risiken für die Benutzung von Analogtelefonen oder den Mobiltelefongebrauch in ländlichen Regionen. Für Personen, die überwiegend mit dem Ohr auf der erkrankten Seite telefoniert hatten, ergab sich eine Odds Ratio von 1.2 (95%-CI: 0.6-2.6) für bösartige Tumoren und von 1.4 (95%-CI: 0.9-2.2) für gutartige Tumoren.
Schlussfolgerung:
Die Autoren sehen in ihren Resultaten keinen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen der Mobiltelefonbenutzung und dem Risiko von Ohrspeicheldrüsen-Tumoren. Um eventuelle Langzeiteffekte zu beurteilen, müssen weitere Studien durchgeführt werden, da zur Zeit noch wenig Personen seit mehr als zehn Jahren ein Mobiltelefon benutzen.
Bemerkung:
Wie die Autoren in der Diskussion schreiben, war der Anteil der regelmässigen Mobiltelefonbenutzer in der Kontrollgruppe grösser als bei Personen, die nicht bereit waren, an der Studie teilzunehmen. Dies könnte zu einer Unterschätzung des Effekts führen. Da insbesondere gutartige Parotistumoren eine lange Latenzzeit haben, könnten einige Tumoren schon vor Beginn der Mobiltelefonbenutzung vorhanden gewesen sein. Die Auswertungen zur Seitenabhängigkeit weisen auf einen Recall-Bias hin, weil die Odds Ratios des Tumorrisikos bei kontralateraler Mobiltelefonbenutzung deutlich unter 1 liegen. Die Ergebnisse zur Langzeitbenutzung sind wegen der kleinen Fallzahlen nur bedingt aussagekräftig. Angaben zur Powerberechnung fehlen.
Finanzierung:
European Union Fifth Framework Program, Swedish Research Council, International Union against Cancer (UICC), Mobile Manufacturers' Forum and GSM Association.
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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –