München: Protest gegen 30-Meter-Funkmast (Allgemein)

H. Lamarr, München, (vor 17 Stunden, 54 Minuten)

Gefühlt 20 Jahre nach dem Verschwinden der letzten Mobilfunkgegner in der Bayerischen Landeshauptstadt gibt es dort wieder eine Bürgerinitiative gegen einen Funkmast. Die Boulevardpresse in Gestalt der Tageszeitung "tz" ist begeistert und berichtet ausführlich. Angeblich haben schon 40 Anwohner eine Protestnote unterschrieben und prüften nun, ob sie gegen den Funkmast klagen wollen. Also alles wie immer? Nein, etwas ist anders.

Obwohl der Funkmast noch gar nicht errichtet, sondern erst in Planung ist, scheint er sich bereits auf die Gemütslage betroffener Anwohner auszuwirken. Zu dieser Einschätzung bringt mich das Foto des tz-Fotografen, der die Protestanten in Reih und Glied antreten ließ. Da lächelt oder schmunzelt keiner in Anbetracht der surrealen Situation. Nein, die schauen alle so zerknittert, als ob sie soeben erfahren hätten, dass die steinalte und kranke Erbtante geheilt aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

[image]◄ Der geplante 30-Meter-Funkmast (roter Punkt) wird dem bereits vorhandenem Funkmast 531118 Gesellschaft leisten
Bild: BNetzA

Im Gegensatz zu früher ist in dem tz-Artikel kein Wort darüber zu lesen, dass die Anwohner sich gesundheitlich von dem Funkmasten bedroht sehen oder den Wertverlust ihrer Immobilien fürchten. Vielmehr ist es der voraussichtlich unschöne Anblick der Infrastruktureinrichtung, der die Leute in Rage bringt. Der Sendemast sei mit seinen 30 Metern völlig überdimensioniert und verschandle die Grünanlage, in die er gesetzt werden soll, sagen die Anlieger empört. Wortführerin des Protests ist Luise Brückl. Sie schimpft, der Funkmast sei höher als der Turm der benachbarten Kirche St. Augustinus. Der Mieter im Dachgeschoss ihres Hauses habe schon mit Auszug gedroht. Doch da kann ich Frau Brückl beruhigen. Solche markigen Ankündigungen hört man von empörten Anwohnern nicht selten, mir ist jedoch kein Fall bekannt, dass die Ankündigung in die Tat umgesetzt wurde.

Dem tz-Artikel zufolge soll der Funkmast in der Grünanlage Ecke Ecke Wald-/Lafatscherjochstraße errichtet werden. Er ist Ersatz für einen Dachstandort, der wegen Abriss des Hauses verloren geht. Einen Ersatz-Dachstandort konnte die Telekom eigenen Angaben nach trotz langer Suche nicht finden, was mutmaßlich zumindest teilweise dem verunsichernden Wirken von Mobilfunkgegnern anzulasten ist. Die große Höhe sei erforderlich, damit sich die Funkwellen über Häuser und Bäume hinweg ungestört ausbreiten könnten. Eigentlich sollten die Anwohner darüber froh sein, denn ihre Funkbelastung durch den Mast wird so voraussichtlich niedrig ausfallen und die Funkbelastung durch ihre Smartphones wird erheblich geringer sein, allerdings nur, wenn sie bei der Telekom angeheuert haben.

[image]◄ Der Funkmast 531118 ist auch nicht gerade eine Augenweide
Bild: Google Maps

Hat sich der Fotograf womöglich einen Spaß erlaubt, als er die gut 20 Anwohner ausgerechnet so drappierte, wie sein Foto dies zeigt? Damit meine ich den Funkmast, der hinter der Gruppe schon jetzt in den Himmel ragt. Es handelt sich hierbei um den etwa 50 Meter vom geplanten Standort entfernten Standort 531118 mit nicht weniger als 24 Funksystemen, ein Großteil davon immerhin 17,4 Meter über Grund. Dieses Prachtstück scheint die Sendemastengegner um Brückel aber nicht weiter zu stören. Wahrscheinlich deshalb nicht, weil die Bäume des Grünstreifens diesen verdecken. Schöner wird dieser Dachstandort dadurch für die Anwohner, die ihn tagtäglich auf der anderen Seite des Grünstreifens ansehen müssen, auch nicht. So gesehen ist es sozial nur gerecht, wenn jetzt auch die Gruppe um Brückl "ihren" Funkmast bekommt.

Wie war das denn damals, als sich über den Hausdächern die Antennenwälder des Fernsehens ausbreiteten. Das sah mMn noch schlimmer aus. Heute sind diese Wälder fort. Und in 100 Jahren werden wahrscheinlich auch die Funkmasten heutiger Machart Geschichte und nicht mehr zu sehen sein. Also nur Geduld, es wird schon ... :-).

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Sendemastgegner, Wutbürger, Protest

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