EHS-Provokationstest für Anfänger (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Montag, 12.01.2026, 19:02 (vor 25 Tagen)

Die Angst zu versagen, lässt überzeugte "Elektrosensible" um Provokationstests gerne einen großen Bogen machen. Ersatzweise wird lieber verkündet, dass De-Exposition die Symptome schnell zum Abklingen bringt. Wissenschaftlich sind solche Bekundungen jedoch in aller Regel wertlos. Wer Gewissheit über seinen EHS-Status haben möchte, kann zuhause unbeobachtet einen belastbaren Provokationstest machen. Dazu braucht es neben der Anleitung nur Willenskraft, Zeit und einen Helfer.

Unter strenger wissenschaftlich Aufsicht hat bislang weltweit noch kein überzeugter Elektrosensibler einen EHS-Provokationstest bestanden. Dabei hat es nicht an Anstrengungen gefehlt, die Testmethodik zu optimieren. Eine beliebte Erklärung fürs Scheitern war, dass EHS-Probanden auf der Anreise zum Ort eines Provokationstests so stark "verstrahlt" (de-sensibilisiert) wurden, dass sie die Feldexposition anlässlich des Tests nicht mehr erkennen konnten. Die Forschung reagierte darauf und entwickelte Provokationstests, die im Haus oder in der Wohnung von EHS-Probanden stattfinden konnten. An den Testergebnissen änderte dieser methodische Fortschritt jedoch nichts.

Untaugliche EHS-Selbstversuche

In anekdotischen Fallgeschichten beteuern Betroffene zuweilen, ihre Symptome würden im Keller oder im Wald schnell verschwinden. Diese Wirkung von De-Exposition wird von Betroffenen als überzeugender Beweis gesehen, dass sie sich ihr Leiden nicht einbilden. Laien mögen sie damit beeindrucken, Wissenschaftler aber winken ab. Denn mit dem Ortswechsel verändert sich nicht allein die HF-EMF-Exposition, sondern zig andere Einflussgrößen wie Luftzusammensetzung, Lufttemperatur, Stresspegel, Luftdruck, Geräuschpegel, Chemikalieneinwirkung und Sonneneinstrahlung. Sie alle stehen in Konkurrenz zu HF-EMF und können einzeln oder in Summe kausal die Symptomlinderung bewirken.

[image]◄ Bild: Copilot von Microsoft

Nicht weniger nutzlos sind aufs Geratewohl durchgeführte Provokationstests. Wer z.B. glaubt, W-Lan-Exposition raube ihm den Schlaf, könnte auf die glorreiche Idee kommen, W-Lan wiederholt nachts mal abzuschalten und mal nicht und die Wirkung dieser Maßnahme auf seinen Schlaf zu beobachten. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird so ein Experiment zu dem Ergebnis führen, dass der Schlaf ohne W-Lan besser ist. Auch dazu kursieren in der Szene der Elektrosmoggegner diverse Fallberichte. Gleichwohl nutzlos ist ein derartiges Experiment, weil der Betroffene selbst W-Lan ein- und abgeschaltet hat. Er wusste deshalb genau, wann es abgeschaltet war und schlief womöglich nur wegen dieser Kenntnis besser, so wie er mit eingeschaltetem W-Lan schlechter schlief, weil er auch davon Kenntnis hatte. Doch Menschen ändern unbewusst ihr natürliches Verhalten, sobald sie wissen, dass sie an einer Studie teilnehmen (Hawthorne-Effekt). Um valide Ergebnisse zu bekommen, hätte der Proband sein W-Lan nicht selbst ein- und ausschalten dürfen, sondern diese Aufgabe einem Helfer übertragen müssen. Nur gänzlich ohne Kenntnis des W-Lan-Aktivitätsstatus, hätte der Proband seinen Schlaf unbeeinflusst bewerten können. Schon ein kurzer Blick aufs W-Lan-Symbol in der Kopfleiste seines Smartphones hätte die "Verblindung" des Experiments allerdings zunichtegemacht.

Semiprofessioneller EHS-Provokationstest

Anscheinend ist es keineswegs kinderleicht, einen brauchbaren EHS-Provokationstest auf die Beine zu stellen, mit dem "Elektrosensible" selbst herausfinden können, ob sie künftig unbesorgt an wissenschaftlichen Provokationstests teilnehmen dürfen – oder besser zuhause bleiben.

Doch so einen Test gibt es. Ausgearbeitet wurde er von dem Forschungsprojekt MedNIS. Das Akronym steht für Schweizerisches medizinisches Beratungsnetz für nichtionisierende Strahlung. Es wurde im September 2023 offiziell eingerichtet. Koordiniert wird es durch das Institut für Hausarztmedizin der Universität Freiburg (Schweiz) im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (BAFU) der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Beschrieben ist der Test in dem nur vier Seiten umfassenden Dokument Elektromagnetische Felder, Blindprovokationstest. Anzuwenden ist der Test auf die Expositionsquellen:

► W-Lan (WiFi)
► Mobiltelefon mit mobilen Daten und aktiviertem oder nicht aktiviertem Bluetooth
► Festnetztelefon (DECT)
► Verbundene Geräte (Uhr, Drucker, Kopfhörer, Lautsprecher, Radiowecker, Babyphone usw.)

Die Beschreibung ist meines Erachtens ausreichend, um einen EHS-Provokationstest mit Bordmitteln durchführen zu können, der brauchbar genug ist, um im Erfolgsfall ernsthaftes wissenschaftliches Interesse am konkreten Fall zu wecken. Erfolgsfall bedeutet konkret: Von 30 Testläufen müssen mindestens 21 erfolgreich absolviert werden, muss also der Proband die momentane Feldsituation (Feld an oder aus) zutreffend erkannt haben. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Ergebnis auf Zufall beruht, weniger als 2,2 Prozent. Ein Beweis für "Elektrosensibilität" ist jedoch selbst dieser an sich gute Wert nicht. Dies leuchtet ein, wenn man sich vor Augen hält: Im Durchschnitt von 50 Personen, welche die Testantworten zufällig geben (Feld an oder aus), ist statistisch 1 Person dabei, die ein Ergebnis von mindestens 21 richtigen (übereinstimmenden) Antworten haben wird, obwohl sie die Exposition gar nicht wahrnimmt! Diese Person begeistert als "Trefferkönig" zu feiern wäre offensichtlich ein grober Irrtum. Damit sollen "Elektrosensible" nicht entmutigt werden, sich an den Test heranzuwagen, vielmehr soll das Zahlenbeispiel deutlich machen, warum Wissenschaft ganz andere strengere Bewertungsmaßstäbe hat als Pseudowissenschaft.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

EHS-Provokationstest: Belastungscocktail spart viel Zeit ein

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 14.01.2026, 20:29 (vor 23 Tagen) @ H. Lamarr

Beschrieben ist der Test in dem nur vier Seiten umfassenden Dokument Elektromagnetische Felder, Blindprovokationstest.

Bekanntlich gleicht kaum ein EHS dem anderen. Einer reagiert auf elektrische Weidezäune und Powerline, ein anderer auf UMTS aber nicht auf GSM und wieder andere reagieren stark auf GPRS und LTE. Das macht Tests auf "Elektrosensibilität" scheinbar zu einer schier endlosen Angelegenheit. Das PDF von MedNis plädiert deshalb nicht darauf, verdächtige Funkquellen schön der Reihe nach zu testen bis sich ein Treffer einstellt, sondern sich während des Blindtests am besten einem bunten Cocktail von allen möglichen Funksignalen auszusetzen. Bleibt dann die Quote bei 30 An-Aus-Versuchen im Bereich von 15 richtigen Treffern hängen, kann der Proband sicher sein, nicht zu den EHS zu zählen. Denn 15 Treffer sind statistisch auch durch Raten der Exposition erzielbar. Dies und mehr lässt sich aus dem Originaltext von MedNis ableiten:

[...] Es ist möglich, einen Cocktail von EMF-Emissionsquellen (Bluetooth, mobile Daten, WLAN usw.) gleichzeitig zu testen (entweder alle an oder alle aus). Wenn das Ergebnis nicht signifikant ist, d. h. wenn sich herausstellt, dass der Belastungscocktail nicht mit Ihren Symptomen in Verbindung steht, ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Einzelbelastungen damit in Verbindung stehen, da es keinen Grund gibt, anzunehmen, dass eine der Quellen schützend wirkt und die von den anderen induzierte Wirkung aufhebt. [...]

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Exposition, Provokationstest

EHS-Provokationstest für Anfänger: null Rückmeldung an MedNIS

KI, Donnerstag, 22.01.2026, 17:18 (vor 15 Tagen) @ H. Lamarr

Anscheinend ist es keineswegs kinderleicht, einen brauchbaren EHS-Provokationstest auf die Beine zu stellen, mit dem "Elektrosensible" selbst herausfinden können, ob sie künftig unbesorgt an wissenschaftlichen Provokationstests teilnehmen dürfen – oder besser zuhause bleiben.

Doch so einen Test gibt es. Ausgearbeitet wurde er von dem Forschungsprojekt MedNIS. Das Akronym steht für Schweizerisches medizinisches Beratungsnetz für nichtionisierende Strahlung. [...] Beschrieben ist der Test in dem nur vier Seiten umfassenden Dokument Elektromagnetische Felder, Blindprovokationstest.


Um statistisch signifikante Aussagekraft zu erlangen, sollte der Test 30-Mal wiederholt werden. Wer dann mindestens 21-Mal die momentane Expositionssituation (Feld an oder aus) richtig erkannt hat, ist für die Wissenschaft interessant und wird von MedNIS eingeladen, sich bei dem Projekt zur wissenschaftlichen Nachverfolgung zu melden. Auf Anfrage des IZgMF teilte MedNIS jedoch mit, dass bis zum 20. Januar 2026 keinerlei Rückmeldung zum Blindprovokationstest eingetroffen ist. Was lässt sich daraus schließen?

Zunächst lässt sich nüchtern festhalten: Das Angebot existiert, ist seit rund 16 Monaten öffentlich zugänglich, methodisch klar beschrieben und niedrigschwellig umsetzbar. Es handelt sich um einen klassischen Blindtest mit vorab definierter Trefferwahrscheinlichkeit, einer klaren Signifikanzschwelle (≥ 21 richtige von 30 Zuordnungen) und ohne interpretative Grauzonen. Damit bewegt sich der Test – unabhängig davon, wie man ihn bewertet – auf einem wissenschaftlich akzeptierten Mindestniveau. Dass MedNIS selbst dieses Instrument anbietet, ist insofern bemerkenswert, als das Projekt es ansonsten konsequent vermeidet, Hypothesen zur gesundheitlichen Relevanz von HF-EMF experimentell zu prüfen.

Vor diesem Hintergrund ist der Befund, dass kein einziger überzeugter Elektrosensibler das Angebot zur wissenschaftlichen Nachverfolgung genutzt hat, erklärungsbedürftig. Rein logisch bleiben dafür nur wenige Deutungen, die sich nicht gegenseitig ausschließen.

Furcht vor eigener Courage

Eine naheliegende Schlussfolgerung ist, dass der Test in der Praxis kaum oder gar nicht durchgeführt wird. Das spricht weniger für Desinteresse an der eigenen Überzeugung als vielmehr für eine verbreitete Vermeidung von Situationen, in denen eine Überzeugung überprüfbar falsifiziert werden könnte. Der Test ist so angelegt, dass er nicht „bestanden“ werden kann, ohne dass sich ein reproduzierbarer Zusammenhang zeigt. Wer subjektiv fest von seiner Elektrosensibilität überzeugt ist, aber zugleich ahnt, dass ein negatives Ergebnis die eigene Gewissheit erschüttern könnte, hat einen starken Anreiz, einen solchen Test gar nicht erst zu beginnen.

Gefordertes Ergebnis wird nicht erreicht

Eine zweite, etwas zurückhaltendere Lesart wäre, dass Tests durchaus durchgeführt wurden, jedoch ohne das geforderte Ergebnis. Auch in diesem Fall wäre das Ausbleiben einer Kontaktaufnahme folgerichtig. Das Angebot von MedNIS ist explizit konditional formuliert: Nur wer die Signifikanzschwelle erreicht, soll sich melden. Dass sich niemand meldet, ist daher konsistent mit der Annahme, dass die Schwelle in der Praxis nicht erreicht wird.

Verzicht auf wissenschaftliche Nachverfolgung

Eine dritte Möglichkeit – theoretisch denkbar, praktisch aber wenig plausibel – wäre, dass es zwar erfolgreiche Testergebnisse gab, die Betroffenen aber trotz Erfüllung der Kriterien bewusst auf eine wissenschaftliche Nachverfolgung verzichtet haben. Diese Erklärung wäre allerdings erklärungsbedürftiger als das Phänomen selbst, denn sie würde voraussetzen, dass Personen mit einem vermeintlich belastbaren Nachweis für ihre Elektrosensibilität kein Interesse an medizinischer oder wissenschaftlicher Aufmerksamkeit haben.

Keinerlei Nachweis für EHS in der Schweiz

Was sich daraus nicht schließen lässt, ist, dass Elektrosensibilität damit „widerlegt“ wäre. Das wäre eine unzulässige Verallgemeinerung. Was sich jedoch sehr wohl sagen lässt, ist Folgendes: Unter realistischen Alltagsbedingungen, mit einem transparenten, reproduzierbaren und methodisch sauberen Selbsttest, scheint es in der Schweiz bislang niemandem gelungen zu sein, einen überprüfbaren Nachweis der behaupteten individuellen Sensitivität zu erbringen – selbst dann nicht, wenn ein offizielles, staatlich finanziertes Projekt ausdrücklich dazu einlädt.

EHS umgehen MedNIS-Angebot weitgehend

Für die Einordnung von MedNIS ist dieser Befund nicht trivial. Er zeigt, dass das Projekt zwar ein Instrument zur Selbstüberprüfung bereitstellt, dieses Instrument aber faktisch folgenlos bleibt. Damit bestätigt sich indirekt das Bild von MedNIS als Beratungs- und Begleitstruktur, die zwar methodische Standards benennt, deren praktische Konsequenzen jedoch von der Zielgruppe weitgehend umgangen werden. In dieser Diskrepanz zwischen methodischem Anspruch und realer Nutzung liegt vermutlich eine der aufschlussreichsten Beobachtungen zum gesamten MedNIS-Ansatz.

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