Schweden-Mythos: falsche Erwartungen geweckt (Elektrosensibilität)
Der "Schweden-Mythos" beruht auf einer Fehlinterpretation der rechtlichen und sozialen Realitäten in Schweden.
Meiner Wahrnehmung nach wecken viele der üblicherweise unqualifizierten Meldungen über die angebliche Anerkennung von "Elektrosensibilität" in Schweden (und anderswo) den falschen Eindruck, dort müsste man nur mit dem Finger schnippen und behaupten, unter HF-EMF zu leiden, und schon gäbe es alles das, was sich "Elektrosensible" hierzulande als Traumziel ausmalen: Frührente, Hilfsmittel und Schirmung auf Staatskosten, Übernahme von Behandlungskosten und dergleichen mehr. Doch wie ChatGPT recherchiert hat, ist es z.B. in Schweden in Wirklichkeit nicht viel anders als hier, simples Anspruchsdenken lässt auch dort Milch, Bier und Honig nicht fließen, das Land ist kein Selbstbedienungsladen für EHS. Die Behörden wollen hier wie dort überzeugende Argumente hören und Bedarfsnachweise sehen, bevor der Sozialstaat einspringt und Leistungen erbringt.
ChatGPT beteuert, in Schweden gäbe es in öffentlich einsehbaren Urteilsdatenbanken nur sehr wenige und noch dazu alte Urteile der Sozialgerichtsbarkeit über EHS-Fälle. Dies läge u.a. daran, dass "Förvaltningsrätt" in Schweden die erste Instanz der Verwaltungsgerichtsbarkeit ist – vergleichbar mit den Verwaltungsgerichten (VG) in Deutschland. Dort werden unter anderem Streitigkeiten über Sozialleistungen, Diskriminierungsschutz, Hilfsmittelversorgung, Wohnungsanpassungen usw. verhandelt. Hier landen EHS-bezogene Klagen zuerst, z. B. wenn eine Kommune eine Wohnung nicht schirmen will oder die Sozialversicherung Zahlungen verweigert. Förvaltningsrätt ist zahlenmäßig die mit Abstand meistbeschäftigte Gerichtsebene in Schweden – doch ihre Urteile werden nur selten unentgeltlich veröffentlicht, wenn es sich nicht um grundsätzliche oder besonders medienwirksame Entscheidungen handelt.
Besser sieht es bei kostenpflichtigen schwedischen Urteilsdatenbanken wie Infosoc Rättsdata oder Notisum aus – dort seien laut ChatGPT relevante Einzelfälle sehr wohl dokumentiert, die Kosten für ein Abo lägen jedoch umgerechnet zwischen 500 € und 2000 €, was für das IZgMF unerschwinglich teuer ist.
Öffentliche deutsche Urteilsdatenbanken sind ergiebiger, schon eine oberflächliche Suche hat gefühlt zwischen einem und zwei Dutzend EHS-Fälle an Sozialgerichten zutage gefördert. Einige der Urteile habe ich angelesen und nicht schlecht gestaunt, mit welch hanebüchener Argumentation manche Kläger auf ihr vermeintliches Recht pochten. Wenn ich mich recht entsinne, war kein Fall dabei, den ein Kläger gewonnen hat. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Abweisungsrate in Schweden ähnlich hoch ist, Milch, Bier und Honig deshalb nur für den kleinen Bruchteil der Antragsteller fließt, der unter schweren Symptomen nachweislich leidet.
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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –
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H. Lamarr,
24.06.2025, 22:07
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