Mobilfunkdebatte: Leszczynski fordert Konsens statt Nonsense (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 20.01.2023, 13:54 (vor 452 Tagen) @ Dariusz Leszczynski

Der finnische Wissenschaftler Dariusz Leszczynski hat das Lagerdenken in der wissenschaftlichen Mobilfunkdebatte satt. In der Zeitschrift Frontiers in Public Health rief er die beiden Streitparteien im Dezember 2022 mit einem 5-seitigen Beitrag dazu auf, eine Konsensdebatte zu führen (Beitragstitel: Call for consensus debate on mobile phone radiation and health: Are current safety guidelines sufficient to protect everyone's health?). Eine nicht nachbearbeitete deutsche Automatenübersetzung von Leszczynskis Beitrag lässt sich hier abrufen.

Leszczyski befasst sich in seiner Publikation mit der Gründung der ICBE-EMF und bemängelt das Lagerdenken in neuen wie etablierten wissenschaftlichen Organisationen der Bioelektromagnetik. In dem einen Lager wären Icnirp und IEEE/ICES zu verorten, auf der anderen Seite Bioinitiative, ICEMS und ICBE-EMF. In beiden Lagern herrsche interner Konsens, da nur linientreue Wissenschaftler aufgenommen würden, lagerübergreifend gäbe es jedoch keinen Konsens, sondern nur den bekannten Dauerdisput. Um die Polarisierung zu überwinden, schlägt Leszczyski eine Konsensdebatte zwischen den Wissenschaftlern beider Lager vor, z.B. von der WHO oder Iarc organisiert. Seiner Darstellung zufolge hatte er Ähnliches 2012 schon einmal (erfolglos) mit Icnirp und BioInitiative versucht, beide hätten sich damals strikt gegen eine Konsensdebatte ausgesprochen.

Kommentar: Mir gefällt Leszczyskis Vorstoß. Ob er diesmal mehr Erfolg haben wird als 2012, ist momentan noch völlig unklar, denn die Bereitschaft der Streitparteien, alte Gewohnheiten und Standpunkte aufzugeben, steht in den Sternen. Ich wüsste jetzt auch nicht, warum Icnirp die Gegenseite mit ins Boot holen sollte, der Verein würde dadurch seine dominante Position schwächen. Entscheidend wird aus meiner Sicht sein, ob auf beiden Seiten der Wille zum gemeinsam getragenen Erkenntnisgewinn größer ist als die eingeschliffenen Beharrungskräfte. Doch wer sich mit Händen und Füßen gegen eine lagerübergreifende Konsensdebatte sträubt, ist in erster Näherung nicht am gemeinsamen Erkenntnisgewinn interessiert und muss sich fragen lassen, ob diese Haltung mit seinem Beruf als Wissenschaftler zu vereinbaren ist. Richard Feynman brachte das Anforderungsprofil an Wissenschaftler so auf den Punkt: "Wissenschaftliche Arbeit erfordert eine spezielle Art von Ehrlichkeit, die sich nicht darauf beschränkt, nicht zu lügen. Sie verlangt, dass man jede mögliche Schwachstelle der eigenen Argumentation offen legt, jeden möglichen Einwand gegen sein Ergebnis diskutiert und, wenn er nicht entkräftet werden kann, ihn zusammen mit dem Ergebnis mitteilt."

Diskutieren Wissenschaftler, die dem Anforderungsprofil von Feynman gerecht werden und zusätzlich die folgenden Spielregeln konsensualer Abstimmungen (nach Wikipedia) einhalten, dann sollte die "Mission Impossible" so unmöglich nicht sein:

"Konsensuale Abstimmungen sind frei von offenen oder heimlichen Seilschaften, kaum personenorientiert und vom geschickten Einsatz rhetorischer Fähigkeiten unabhängig. Konsensentscheidungen zeichnen sich durch einen stark an der Sache selbst und am Gesamtziel orientierten Diskussionsstil aus. Die Prozesshaftigkeit der Entscheidungsfindung bekommt dadurch ein höheres Gewicht. Eine Gruppe, die sich auf ein Konsensprinzip einigt, muss ein großes gegenseitiges Vertrauen haben, trotz unterschiedlicher Meinungen am gleichen Ziel zu arbeiten."

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
ICNIRP, Wissenschaft, BioInitiative, ICEMS, Leszczynski, Vertrauen, Feynman, ICBE-EMF, Konsens


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