Neues von Berenis (17): Juni 2019 (Forschung)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 18.06.2019, 19:25 (vor 1195 Tagen)

Im Zeitraum Anfang August bis Anfang November 2018 wurden 120 neue Publikationen identifiziert, von denen 14 von Berenis vertieft diskutiert wurden. Fünf davon wurden gemäß den Auswahlkriterien als besonders relevant und somit zur Bewertung ausgewählt und werden im Folgenden zusammengefasst.

Experimentelle Tier- und Zellstudien

Einflüsse von hochfrequenten elektromagnetischen Felder auf das männliche Fortpflanzungssystem (Houston et al. 2018)

In der Publikation von Houston et al. (2018) wurden frühere Beobachtungen bezüglich eines schädigenden Einflusses von HF-EMF auf Zellen des männlichen Fortpflanzungssystems näher untersucht. Dabei wurden Zelllinien und primäre Zellen der Maus, die aus verschiedenen Entwicklungsstadien von der Keimzelle bis zum reifen Spermium stammen, einem nicht-modulierten 1,8 GHz EMF ausgesetzt (1-6 Stunden, SAR: 150 mW/kg). Zudem wurden einige der Experimente auch mit einer zehnmal höheren Dosis (SAR: 1,5 W/kg) durchgeführt, wobei vergleichbare Ergebnisse gefunden wurden, ohne aber eine eindeutige Dosis-Wirkung-Abhängigkeit festzustellen. In Spermatogonien (Keimzellen vor der Reifeteilung) sowie in Spermatozyten (Zellen in der Reifeteilung) haben die Autoren eine signifikante Zunahme von reaktiven Sauerstoffmolekülen (ROS) in den Mitochondrien festgestellt, die mit der Dauer der Exposition zunahm. Demgegenüber zeigten die reifen Spermien sowie diverse ausdifferenzierte Kontrollzellen aus anderen Geweben keine Zunahme der ROS. [...]

Mechanistische Untersuchung des Einflusses niederfrequenter Magnetfelder auf grundlegende zelluläre Signalkaskaden (Wu et al. 2018)

Obwohl die in vitro Studie von Wu et al. (2018) keine direkten Erkenntnisse in Bezug auf gesundheitliche Beeinträchtigungen durch elektromagnetische Felder liefert, sind die umfangreichen Untersuchungsergebnisse doch erwähnenswert. Die Autoren beschreiben die Aktivierung eines komplexen Netzwerks von Signalkaskaden und Wechselwirkungen durch NF-MF Exposition (50 Hz, 0,4 mT für 30 min), das sich schlussendlich in eine veränderte Dynamik der Zytoskeletts (Mikrotubuli-Filamente) auswirkt, was sich auf die Struktur und Mobilität der Zellen aber auch auf zellinterne Transport- und Zellteilungsmechanismen auswirken kann. Dabei wurde gezeigt, dass ein zellmembrangebundener Kalziumkanal sowie ein Rezeptor eines Wachstumsfaktors eine zentrale Rolle spielen. [...]

Niederfrequente Magnetfelder, Cryptochrom und reaktive Sauerstoffmoleküle (Sherrard et al. 2018)

Cryptochrom (CRY) ist ein Photorezeptor, d.h. ein Protein, das auf blaues Licht reagiert und Licht braucht, um seine weiteren Funktionen wahrzunehmen. Über die Rolle von CRY als möglicher Magnetfeldrezeptor wurde im Berenis-Newsletter Nr. 13 ausführlich berichtet. CRY spielt bei einer Vielzahl von Tierarten wie beispielsweise Zugvögeln eine massgebliche Rolle bei der Wahrnehmung des Erdmagnetfeldes. In der Studie von Sherrard et al. (2018) zeigte sich, dass gepulste NF-MF (10 Hz) mit einer Spitzenamplitude von 1,8 mT zu einem Vermeidungsverhalten bei Fruchtfliegen-Larven (Drosophila) sowie zur Produktion von reaktiven Sauerstoffmolekülen (ROS) in Zelllinien von Mensch und Maus (HEK bzw. MEF) führen. Interessanterweise haben die Autoren festgestellt, dass diese Reaktionen das Vorhandensein von CRY voraussetzen. [...]

Spontane elektrische Aktivität neuronaler Zellkulturen ist nach HF-EMF Exposition (1800 MHz) reduziert (El Khoueiry et al. 2018)

In der Studie von El Khoueiry et al. (2018) wurde die spontane elektrische Aktivität (konkret Burst-Aktivität) in embryonalen neuronalen Zellkulturen von Ratten in einer Anordnung von 60 Elektroden gemessen. Die Kulturen wurden für 15 Minuten einem HF-EMF (1800 MHz, SAR: 0,01 bis 9,2 W/kg, GSM und nicht-modulierte Signale) ausgesetzt. Dabei stellten die Autoren fest, dass die Burst-Rate - also das Auftreten von Bursts - während der Exposition dosisabhängig reduziert war, sowohl für GSM-Exposition und kontinuierliche Exposition (keine Modulation, gleiche SAR). Bei der höchsten SAR hielt diese Reduktion länger an als die Exposition, und bei GSM-Exposition waren die Effekte etwas deutlicher als bei Exposition ohne Modulation. Auch im Kontrollexperiment zeigte sich eine leichte Abnahme der Burst-Rate. Da Exposition mit hohen Intensitäten zwangsläufig zu einer Erhöhung der Temperatur führt, wurde auch der Effekt einer direkten Erwärmung der Zellkulturen untersucht. Diese Erwärmung hatte einen Anstieg der Burst-Rate zur Folge, der sich auch in der Abkühlungsphase weiter fortsetzte. Die Autoren interpretierten ihre Resultate als Hinweis, dass es eine dosisabhängige Beeinflussung neuronaler Aktivität durch HF-EMF gibt, die zum Teil nicht thermischer Natur ist. Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass die beobachteten Effekte ein Artefakt der Exposition sind.

Epidemiologische Studien

Hochfrequente elektromagnetische Felder und Verhaltensauffälligkeiten bei 5-jährigen Kindern (Guxens et al. 2018)

Die Studie von Guxens et al. (2018) mit 3'102 niederländischen Fünfjährigen untersuchte den Zusammenhang zwischen HF-EMF an ihrem Wohnort und Verhaltensproblemen. HF-EMF von Mobilfunkbasisstationen am Wohnort wurde modelliert. Angaben zu Innenraumquellen (WLAN und Schnurlostelefon-Basisstationen) sowie der Gebrauch von Schnurlos- und Mobiltelefonen wurden mittels Fragebogen erhoben. Sowohl die Eltern wie auch die Lehrer füllten einen validierten Fragebogen zu mehreren Aspekten von Verhaltensauffälligkeiten aus. Unter Berücksichtigung einer Vielzahl von anderen Einflussfaktoren wurde für Mobil- und Schnurlostelefonbenutzung kein Zusammenhang mit Verhaltensproblemen gefunden. Kinder mit hoher HF-EMF Exposition von Mobilfunkbasisstationen zeigten häufiger emotionale Symptome. Kinder mit Schnurlostelefon-Basisstationen zu Hause zeigten gemäss Einschätzung der Lehrer weniger häufig ein prosoziales Verhalten und hatten gemäss Eltern weniger gute Beziehungen zu ihren Kameraden. Zudem gaben die Mütter von Kindern, welche täglich mehr als 90 Minuten vor dem Fernseher verbrachten, häufiger Hyperaktivitäts- und Unaufmerksamkeitssymptome ihrer Kinder an. [...]

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
NF, Hyperaktivität, BERENIS, WLan, Verhaltensprobleme, Artefakt, Mitochondrien, Dosis-Wirkung-Abhängigkeit


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