Faktencheck: Franz Adlkofers "Tödliche Strahlung" (II) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Montag, 29.04.2019, 21:39 (vor 198 Tagen) @ H. Lamarr

Franz Adlkofer brachte im Januar 2019 einen Artikel mit dem reißerischen Titel "Tödliche Strahlung" in dem nicht unumstrittenen Online-Magazin "Rubikon" unter. Der Ex-Tabaklobbyist wiederkäut dort vornehmlich eine Hirntumorstudie aus Großbritannien (Alasdair Philips et al.), auf die bereits im März 2018 Microwave News, USA, aufmerksam machte.

Organisierte Mobilfunkgegner reagieren extrem empört, hat ein Wissenschaftler einen echten oder auch nur angedichteten Interessenkonflikt. Dann schäumt die Szene auf wie frisch eingeschenktes Bier, wie damals, als der schwedische Epidemiologe Anders Ahlbom aus der IARC-Arbeitsgruppe exmatrikuliert wurde, weil sein Bruder den Mobilfunkausrüster Ericsson beraten hat. Bei einem ihr genehmen Wissenschaftler drückt die Anti-Mobilfunk-Szene, hier am Beispiel von Franz Adlkofer, hingegen beide Augen fest zu. Selbst wenn der Interessenkonflikt erdrückend ist.

Adlkofers Artikel "Tödliche Strahlung" baut im Wesentlichen auf den Ergebnissen auf, die der Brite Alasdair Philips 2018 mit seiner Studie Brain Tumours: Rise in Glioblastoma Multiforme Incidence in England 1995–2015 Suggests an Adverse Environmental or Lifestyle Factor als Erstautor publiziert hat. Über den Hintergrund Philips' verliert Adlkofer kein Wort, er stellt ihn zu Beginn lediglich als Mitglied einer "Forschergruppe" vor. Zum Vergleich: Das Wirken seines Gegenspielers Alexander Lerchl dokumentiert Adlkofer unermüdlich mit der Hingabe eines abgewiesenen Liebhabers. Dabei gäbe es auch über Philips' einiges zu sagen.

Jugend-forscht für Erwachsene

Wer ist Alasdair Philips? Das EMF-Portal gibt Auskunft. Seit 1994 publizierte Philips (Jg. 1951) bis heute acht Arbeiten, sechs davon sind Kommentare oder Ähnliches, zwei sind epidemiologische Studien. Der wissenschaftliche Fußabdruck des Briten ist damit nicht eindrucksvoll tief. Schaut man sich die Autoreninformationen zu Philips bei PubMed an, fällt auf, es gibt keine. Dieser Autor publiziert als Privatperson und nicht als Angehöriger einer Universität oder einer anderen Forschungseinrichtung. So etwas kommt im Wissenschaftsbetrieb zuweilen vor, auch einige überzeugte deutsche Mobilfunkgegner (z.B. Aschermann, Waldmann-Selsam, Breunig, Hensinger) versuchen auf diese Weise, unter privater Flagge etwas vom eindrucksvollen Habitus der Wissenschaften zu erhaschen. Das mag befremden, verwerflich ist es nicht, wenngleich die Zuordnung zu überzeugten Mobilfunkgegnern bereits einen Interessenkonflikt markiert, denn den genannten Privatforschern fehlt es an der Ergebnisoffenheit, die für seriöse Wissenschaftler Pflicht sein sollte.

Materielle Interessenkonflikte

Bei Alasdair Philips, der sich eigenen Angaben zufolge mit Elektrik, Elektronik und Agrartechnik auskennt, verhält es sich jedoch anders, er unterliegt unübersehbaren kommerziellen Interessenkonflikten. Philips war 1988 einer der Gründer von Powerwatch, einer Anti-Elektrosmog-Organisation, die sich anfangs gegen den niederfrequenten Elektrosmog eines Umspannwerks in Norfolk, England, engagierte, und inzwischen das gesamte Elektrosmogspektrum bis hin zu hochfrequentem Elektrosmog abdeckt. Bis 1998 war Powerwatch ein für jedermann offener Verein mit etwa 600 Mitgliedern. Da der unentgeltliche Beratungsaufwand überhand nahm, zog Philips die Reißleine: Er löste den Verein auf und transferierte die ehemaligen Mitglieder zu Empfängern seines Quartals-Newsletters "ElectroMagnetic Hazard and Therapy". Seither sieht sich Powerwatch unter Leitung von Philips als eine Vereinigung von Fachleuten, die die Powerwatch-Website betreiben und einen kommerziellen Elektrosmog-Beratungsdienst anbieten für Unternehmen, Privatpersonen, Gemeinden sowie staatliche Stellen.

Zusätzlich ist Philips Technischer Leiter und einer von sieben Anteilseignern der EMFields Solutions Ltd., die mit der Entwicklung und dem Verkauf einfacher Elektrosmog-Messgeräte und diverser Schirmutensilien 2018 rund 660'000 GBP Umsatz machte (Gewinn rund 100'000 GBP). Des Weiteren ist er Technischer Leiter und Anteilseigner der Sensory Perspective Ltd., die ebenfalls mit Elektrosmog-Detektoren im Geschäft ist sowie mit Radon-Sensorik.

Philips hat damit alles beisammen, was einen materiellen Profiteur der Angst vor Elektrosmog ausmacht: Seine Website weckt und schürt gratis irrationale Ängste gegenüber Elektrosmog, mit seinen Beratungsleistungen und Firmenanteilen münzt er diese Ängste um in Umsatz. Dass er seine kommerziellen Ambitionen verheimlicht kann man dem Briten jedoch nicht vorwerfen, im Abschnitt "Conflicts of Interest" seiner jüngsten Studie räumt er seine Interessenkonflikte ordentlich ein, ebenso in der Selbstdarstellung der Powerwatch-Website (seit Ende 1996 am Netz), dort allerdings erst seit Ende 2012.

Die Doppelmoral der Anti-Mobilfunk-Szene

Man kann sich mühelos ausmalen, welche Eruptionen die Anti-Mobilfunk-Szene hervorbringen würde, wagte es einer der ihr nicht genehmen Wissenschaftler auch nur ansatzweise einen vergleichbaren Interessenkonflikt zu haben. Philips bleibt allein deshalb von der Szene völlig unbehelligt, weil er ihr zu Diensten ist und ebenso wie sie angebliche Risiken des Elektrosmogs öffentlich anprangert. Unter diesen Umständen wirkt es jedoch beinahe grotesk, wenn Franz Adlkofer in seinem Artikel bekundet, die IARC könne (unter dem Eindruck von Philips' jüngster Studie) der Forderung unabhängiger Wissenschaftler, die 2B-Bewertung von EMF alsbald auf 1 anzupassen (kanzerogen beim Menschen), nicht auf Dauer widerstehen. Doch, die IARC kann das! Die Krebsagentur der WHO wird sich ganz gewiss nicht ausgerechnet von einem Ex-Tabaklobbyisten, der die Studie eines Privatforschers hoch jubelt, unter Druck setzen lassen.

Die Mär von den "unabhängigen Wissenschaftlern"

Zu Adlkofers Lieblingseuphemismen zählen die "unabhängigen Wissenschaftler", die edlen weißen Ritter aus dem Elfenbeinturm, die alles richten sollen. Bislang hat er es freilich sorgsam vermieden, diese hohle Phrase mit Leben zu füllen und zu erklären, wer denn bitteschön diese "unabhängigen Wissenschaftler" sind, wie er sie definiert und woran er ihre Unabhängigkeit festmacht. Trotz dieser ungeklärten Fragen plappern in der Anti-Mobilfunk-Szene viele diese dumme Phrase gedankenlos nach und jeder wird, wenn er denn nur einmal darüber nachdächte, zu willkürlichen eigenen Begriffsbestimmungen finden, z.B. zu verrenteten Wissenschaftlern, Mobilfunkgegnern zugetanen Wissenschaftlern, Komikern (die können ja auch Präsident werden), industrieunabhängigen Wissenschaftlern (Favorit der Einfältigen), fachfremden Wissenschaftlern (z.B. Literaturprofessor oder Schweinewirt), Jugend-forscht-Wissenschaftlern, selbsternannten Wissenschaftlern, ergebnisoffenen Wissenschaftlern, Ex-Tabaklobbyisten oder elektrosensiblen Wissenschaftlern. Jede Wette: Egal, wen Franz Adlkofer auch als "unabhängigen Wissenschaftler" ins Rennen schickt, er wird aller Voraussicht nach alles andere als unabhängig sein – so wie der "unabhängige Wissenschaftler" Alasdair Philips.

Hintergrund
Wi-Fi Wants To Kill Your Children… But Alasdair Philips of Powerwatch sells the cure!
Kargo-Kult-Wissenschaft ist Pseudowissenschaft

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Interessenkonflikt, Doppelmoral, Adlkofer, Selbsttäuschung, Junk-Science, Faktencheck, Unabhängig, Philips, Powerwatch, Kargo-Kult-Wissenschaft, Fachfremd


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