Bodenschachtantennen: Panikmache in Bern (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 25.10.2018, 23:18 (vor 2352 Tagen)

Bodenschachtantennen werden in der Schweiz auf belebten Plätzen und Straßen eingesetzt, um mit Kleinstzellen Kapazität für begehrte Mobilfunkdienste bereit zu stellen. Die Strahlungsleistung dieser Antennen ist so schwach, dass die Regelungen der NISV für sie nicht gelten. Dennoch malen einige laienhafte Mobilfunkgegner hypothetische Risiken an die Wand, um in der Bevölkerung irrationale Ängste gegenüber diesen Kleinstantennen zu wecken.

Zwei alten Mobilfunkgegnern in der Schweiz vergeht das Lachen, weil die in Bern verbauten Bodenschachtantennen nur klein den Schriftzug "Do not stand" zeigen (Nicht draufstellen). Und die deutsche "Elektrosensible" Eva W., spezialisiert auf 1001 Verschwörungstheorien um Elektrosmog, pflichtet bei und wittert überdies den Geruch von "Verschleierung" in Bern. Die alte Dame schlägt vor, den im Erdboden eingelassenen Schutzdeckel über den Bodenschachtantennen rot oder orange einzufärben. Damit niemand versehentlich auf dem Deckel steht und ein Schwätzchen hält oder eine Zigarette raucht und dabei grauenvoll verstrahlt wird. Die beiden alten Herren grämen sich unterdessen, eine Mutter könnte ihren Buggy samt Baby auf einem solchen mörderischen Deckel parken. Kinder, das wissen wir aus der Werbung, gehen immer, sogar greise Mobilfunkgegner kennen diesen Trick.

Zusammen bringen es die drei Mobilfunkgegner auf ungefähr 235 Lebensjahre, verstanden haben sie die Mobilfunktechnik dennoch nicht.

Zwei Argumente möchte ich gegen die Wahrnehmungsverzerrung der Drei nennen:

► Mit 6 W Strahlungsleistung strahlen Bodenschachtantennen ungefähr genauso stark wie drei Smartphones im GSM-900-Modus bei schlechtem Empfang, z.B. in einem öffentlichen Bus. Wer Bus fährt weiß, dort sind weit mehr als drei Smartphones gleichzeitig in Betrieb, dennoch fordern unsere drei Helden keine Warnschilder in Bussen, Trambahnen, Zügen und U-Bahnen, die dazu auffordern, die Mobiltelefone auszuschalten. Die nur 6 W Strahlungsleistung und die Abstrahlcharakteristik der Bodenschachtantennen sorgen dafür, dass ein Kleinkind sich sogar (ohne Windel) direkt auf den Schutzdeckel setzen darf, ohne Schaden zu erleiden. Denn auch bei dieser Extremsituation werden keine Grenzwerte überschritten. Das hat sich Swisscom von einem einheimischen Experten, der noch nicht in Rente ist, wissenschaftlich bestätigen lassen. Dass Kleinkinder ohne Windel überdies nicht stundenlang reglos auf den Schutzdeckeln von Bodenschachtantennen sitzen könnten auch die beiden alten Herren begreifen, wären sie keine starrsinnigen Mobilfunkgegner. Der Abstand zwischen Schutzdeckel und dem Boden eines Buggys (ungefähr 20 cm) bewirkt, dass die Mutter den Buggy genau über dem Deckel parken kann und auch noch selbst zum Mobiltelefon greifen darf, ohne dass dem Kind im Buggy etwas geschieht. Kritisch wird diese Situation freilich, wenn schätzungsweise 30 Passanten den Buggy samt Schutzdeckel umringen und dem Kind ihre auf Download gestellten Mobiltelefone an Kopf und Körper halten ...

► Frau W. muss Nichtraucherin sein, nur so kann ich mir ihren weltfremden Vorschlag erklären. Eigentlich sollte aber jeder die unübersehbaren Warnungen auf Zigarettenschachteln schon einmal gesehen haben, sie lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Und? Sind jetzt alle Raucher zu Nichtrauchern konvertiert? Nein, natürlich nicht. Trotz der drastischen Warnungen auf den Packungen raucht jeder Deutsche im Durchschnitt 1600 Zigaretten im Jahr, wenn nur jeder zweite qualmt kommen also rd. 42 Mio. Deutsche auf 3200 Stück pro Jahr. In der Schweiz sieht es nicht viel besser aus. Und das alles, obwohl keine Zweifel mehr an der Schädlichkeit des Tabakkonsums bestehen. Die Leute betrachten die Warnung auf der Packung interessiert – und zünden sich dann eine an, eine von rd. 114 Mrd. Zigaretten, die 2016 in Deutschland geraucht wurden. So einfach ist das. Da wirken die Hoffnungen der Frau W. in rote Schutzdeckel über Bodenschachtantennen auf mich rührend weltentrückt und ziemlich verloren, zumal diese Farbmarkierungen noch nicht einmal vor einem realen Risiko warnen, sondern vor einem hypothetischen, das sich drei querulativ veranlagte Rentner mit sehr begrenztem technischen Sachverstand ausgedacht haben, um ihrem bösartigen Hobby zu fröhnen, arglose Bürger mit irrationalen Ängsten vor Elektrosmog zu infizieren.

Hintergrund
Bodenschachtantennen

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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