Helmut Greim: Vom Anti-Tabak-Held zum Abgas-Buhmann (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 03.02.2018, 23:07 (vor 652 Tagen)

Unter der Leitung von Helmut Greim hat 1998 die Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (kurz MAK-Kommission) Passivrauchen am Arbeitsplatz erstmalig als eindeutig krebserzeugend für den Menschen eingestuft. Die Kommission gab seinerzeit in der neu erschienen "MAK- und BAT-Werte-Liste" keinen maximal zulässigen Schwellenwert an, wie sonst bei der Aufnahme eines Arbeitsstoffes in die MAK-Liste üblich. Dies lag daran, weil für die im Tabakrauch enthaltenen Kanzerogene nach wissenschaftlichen Erkenntnissen keine Konzentration als gesundheitlich unbedenklich gilt. Die MAK-Kommission gab damit den entscheidenden Anstoß für die deutsche Gesetzgebung, das Passivrauchen rund zehn Jahre später aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. 1998, wenige Monate vor der Entscheidung der MAK-Kommission, gelang es der Tabaklobby um Franz Adlkofer letztmalig, im Deutschen Bundestag eine wirksame Gesetzgebung gegen das Passivrauchen zu blockieren. Horst Seehofer, damals Gesundheitsbundesminister, war gegen die zur Abstimmung anstehende Anti-Raucher-Gesetzgebung und damit aufseiten Adlkofers.

Jetzt ist Greim in den VW-Abgasskandal verwickelt. Wie der Spiegel schreibt, prüft das Umweltbundesministerium die Rolle des Wissenschaftlers bei Abgasversuchen an Affen. Greim war Vorsitzender des Forschungsbeirats der Lobbygruppe EUGT (Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor). Volkswagen, Daimler, BMW und Bosch hatten die Lobbyorganisation 2007 gegründet, sie bestand bis 2017. Die Grünen fordern laut "Welt" bereits, Greim solle das Bundesverdienstkreuz aberkannt werden.

Hintergrund
Greim hielt den Vorsitz der MAK-Kommission von 1992 bis 2007. Gemäß Satzung der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist es ihre Aufgabe, die Politik durch wissenschaftsbasierte Empfehlungen zu beraten. Die Kommission gibt jährlich die MAK- und BAT-Werte-Liste heraus, in der die Maximalen Arbeitsplatz-Konzentrationen und Biologischen Arbeitsstoff-Toleranzwerte für Stoffe am Arbeitsplatz aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse angegeben werden.

Die Senatskommission stellt diese Grenzwerte für Arbeitsstoffe seit 1955 auf und erarbeitet analytische Methoden zu deren Kontrolle. Darüber hinaus bewertet sie die Stoffe bezüglich ihrer krebserzeugenden, keimzellverändernden, fruchtschädigenden und sensibilisierenden Wirkung. Die Senatskommission arbeitet unabhängig, ihre Arbeitsergebnisse basieren auf rein wissenschaftlichen und transparenten Entscheidungsprozessen. Die Empfehlungen der Kommission finden nicht nur in der deutschen Gesetzgebung Berücksichtigung, sondern werden auch international herangezogen, beispielsweise von der Europäischen Kommission.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Lobbyarbeit, Tabakindustrie, Adlkofer, Passivrauchen, Seehofer, CSU, MAK-Kommission, Greim, EUGT


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