Psychisch kranke Arbeitnehmer: Zeitbombe für Sozialsysteme? (Allgemein)

Gast, Freitag, 06.10.2017, 23:29 (vor 1082 Tagen)

Presseinformation, Europäischer Gesundheitskongress München.

Psychisch kranke Arbeitnehmer: Tickende Zeitbombe für Sozialsysteme?

Seit zwanzig Jahren steigt die Zahl der Krankschreibungen von Arbeitnehmern wegen psychischer Erkrankungen dramatisch an – jedes Jahr um 5 Prozent, insgesamt seit 1997 um 160 Prozent. Die Zahl der Fehltage hat sich sogar verdreifacht.

Ärzte griffen zudem im Jahr 2016 doppelt so häufig zum Rezeptblock, um Antidepressiva zu verschreiben wie 2007. Die Zahl der verordneten Tagesdosen stieg in weniger als einem Jahrzehnt um 74,4 Prozent. Und sieben von zehn Arbeitnehmern lösten 2016 mindestens ein Psychopharmaka-Rezept ein.

Doch um die unstrittigen Zahlen tobt ein heftiger Streit: Betroffene und Psychotherapeuten kritisieren, dass sich die Arbeitswelt immer stärker beschleunige, dass der Leistungsdruck steige und dass elektronische Kommunikation bis ins Privatleben hinein Stress erzeuge. Vor allem von den Kostenträgern, den Krankenkassen, kommt hingegen der Einwand, die steigenden Zahlen seien ein Ergebnis gestiegener Aufmerksamkeit für Erkrankungen wie Depression und Burn-out-Syndrom. Krankschreibungen und Psychopharmakaverordnungen träten besonders dort auf, wo es eine hohe Ärztedichte gebe – und nicht etwa überall.

Doch selbst wenn das stimmt: Der Anstieg der Diagnosen belastet das Sozialwesen und die Volkswirtschaft in gravierendem Maße. Allein die direkten Krankheitskosten lagen bereits im Jahr 2011 bei 16 Milliarden Euro. Sie könnten sich beim gegenwärtigen Trend bis 2030 verdoppeln.

Nach Schätzungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin haben 87,2 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage im Jahr 2015 aber zudem auch Produktionsausfälle in Höhe von 9,5 Milliarden Euro verursacht und dabei der Volkswirtschaft einen Ausfall an Bruttowertschöpfung von 16,8 Milliarden Euro beschert.

Psychische Erkrankungen sind außerdem die häufigste Ursache für krankheitsbedingte Frühverrentungen. Zwischen 1993 und 2015 stieg der Anteil von Personen, die aufgrund seelischer Leiden frühzeitig in Rente gingen, von 15,4 auf 42,9 Prozent – und ihr Alter sinkt kontinuierlich.

Thema beim Europäischen Gesundheitskongress München wird deshalb sein, wie dieser Entwicklung mit geeigneten Präventionsmaßnahmen, mit betrieblichem Gesundheitsmanagement und mit wirkungsvoller Rehabilitation entgegengewirkt werden kann. Unter dem Titel „Wie gefährlich ist die moderne Arbeit?“ diskutieren Präventions- und Rehabilitationsexperten: Mag. Trude Hausegger, Geschäftsführerin der prospect Unternehmensberatung Wien, Mag. Roman Pöschl, Geschäftsführer Berufliches Bildungs- und Rehabilitationszentrum Österreich, Prof. Dr. Stephan Brandenburg, Hauptgeschäftsführer der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege, Udo Panzer, Berufsförderungswerk Nürnberg sowie Christoph Wutz und Manfred Gerlinger vom Berufsförderungswerk Würzburg.

Der Europäische Gesundheitskongress München ist das herausragende gesundheitspolitische und gesundheitswirtschaftliche Kongressereignis für die DACH-Region – mit Fokus auf einen europäischen Gedankenaustausch. Zu dem zweitägigen Kongress am 12. und 13. Oktober 2017 werden über 800 Teilnehmer erwartet.

Tags:
Psychisch Kranke, Politik, Frühverrentung, Psychotherapeut, Burnout, Volkswirtschaft, Somatoforme Störung, Psychische Erkrankung, Zivilgesellschaft


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