Untergang einer Agendagruppe gegen Elektrosmog (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 11.12.2015, 00:21 (vor 1283 Tagen)

Dies ist die Geschichte des "elektrosensiblen" Johannes M., der auszog, um als Kernreaktor einer Agendagruppe die Stadt Sinsheim vor der Geißel Mobilfunk zu retten. Oder: Aufstieg und Fall einer lokalen Elektrosmog-Bürgerbewegung.

Als die Worte "Agenda" und "nachhaltig" den Sprachraum über Deutschland eroberten, sah der überzeugte Elektrosensible Johannes M. in Sinsheim (35'000 Einwohner, Baden-Württemberg) seine Stunde gekommen. Ende 2006 gründete er die Agendagruppe "Strahlenentlastung", um, wie es in einer Selbstdarstellung heißt, Mitbürger und Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung über den sensiblen Umgang mit Strahlung zu informieren.

Tatsächlich will die Agendagruppe auch ein "integriertes kommunales Mobilfunkversorgungskonzept" in Sinsheim initiiert haben, von dem allerdings noch nicht einmal Tante Google, die sonst alles weiß, etwas gehört hat. Auch auf der Website der Stadt fehlt von diesem Konzept jede Spur.

2008 zeigte die Agendagruppe, dass sie die Technik von Mobilfunknetzen nicht versteht. Dazu wurde öffentlich das Handy von Passanten in einen ausgeschalteten Mikrowellenofen gelegt und angerufen. Dass das Handy trotz der Schirmwirkung des Faradayschen Käfigs stets klingelte, werteten die Anti-Mobilfunk-Krieger als Beweis, die Strahlungsleistung von Mobilfunk-Sendemasten könne um mindestens Faktor 10'000 reduziert werden. Klar, könnte man! Doch dann müsste es hierzulande statt etwa 80'000 Standorten für Mobilfunk vielleicht 240'000 oder mehr geben und Herr M. würde höchstwahrscheinlich die Protestmärsche gegen die neuen Sendemasten in Sinsheim persönlich anführen. Weitere (ungeprüfte) Lebenszeichen der Agendagruppe "Strahlenentlastung" lassen sich hier abrufen.

Ob es die dilettantischen Informationen waren, die den Niedergang der Agendagruppe besiegelten, weiß ich nicht, jedenfalls kam den Aufklärern zunächst die Gefolgschaft abhanden. Die Sinsheimer wollten sich von ihrer selbsternannten "Schutzorganisation" einfach nicht bekehren lassen. In lobenswerter Ehrlichkeit räumte die Agendagruppe daher ein:

Sehr verehrte Leserin,
sehr verehrter Leser,
unsere Veröffentlichungen u. a. über die Risiken des Mobilfunks wurden in letzter Zeit kritisch hinterfragt.
Nachdem sich in unserer Umfrage niemand für ein Beibehalten dieser Berichterstattung ausgesprochen hat, haben wir dieses Angebot eingestellt.
Ihre Agenda-Gruppe Strahlenentlastung

Dennoch wollten sich die Mitglieder der Gruppe hin und wieder treffen, um Neues auszuhecken, wie Sinsheim und Funkwellen irgendwie in Einklang zu bringen seien. Doch auch daraus wurde nichts Bleibendes. Seit spätestens 2013 ist die Webseite der Gruppe (bei der Stadt Sinsheim) ohne Projekte in einen tiefen Dornröschenschlaf gefallen. Nur der "elektrosensible" Initiator der Gruppe hat noch Außenwirkung und schreibt im August 2015 anlässlich seiner Unterzeichnung einer EHS-Petition:

Wer wie ich, mit dem Handicap EHS lebt, weiß solch eine Petition zu schätzen.... und hofft!

Fazit: Abraham Lincoln wird das Zitat zugeschrieben: "Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten und einige Leute allezeit; aber alle Leute allezeit zum Narren halten kann man nicht." Ich meine, Herr M. ist gescheitert, weil er versuchte, sein ureigenstes Problem (Elektrosmog-Phobie) zu sozialisieren und zum Problem für ganz Sinsheim zu machen. Der richtige Weg wäre aus meiner Sicht gewesen, sich in seriöse fachärztlich kompetente Behandlung zu begeben.

--
Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
BI, EHS, Sinsheim, Niedergang, sozialisieren, gescheitert


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