Sprengstoffdetektorensensible: Massenhysterie an Flughäfen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 10.12.2015, 12:36 (vor 3094 Tagen)

2005 gab es in Oberammergau, Bayern, ungefähr zwei überzeugte "Elektrosensible" (EHS), die meinten, sie könnten die Funkfelder von Mobilfunk-Basisstationen auf unangenehme Weise spüren. Mitte 2006 wurde dann eine Basisstation in dem 5200-Einwohner-Örtchen umgerüstet, die beiden EHS schlugen Alarm und nachdem sich die Medien für das Spektakel interessierten, wollten plötzlich ungefähr 120 Bürger im Ort die Funkfelder spüren. Sie hatten angeblich extreme Schlafstörungen, Herzrasen, Blutdruckanstieg, Kopfschmerzen, Vibrieren, Zittern, Schwitzen, Brennen, Unruhe, Orientierungslosigkeit, Denkunfähigkeit, Erschöpfung, Hörverlust, Ohrendruck, Sehstörungen, Augenentzündungen, Nervenschmerzen, Kribbeln, Taubheit und hartnäckige Infekte und anderes. Irgendwann zogen die Medien jedoch ab und heute hat Oberammergau wieder ungefähr zwei überzeugte "Elektrosensible".

Szenenwechsel

Im November 2015 meldet der Bayerische Rundfunk: Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Benommenheit und Atemwegsreizungen. Nach Inbetriebnahme der neuer Sprengstoffdetektoren haben sich 200 SGM-Mitarbeiter krank gemeldet (SGM: Sicherheitsgesellschaft am Flughafen München mbH). Mehr als 70 sind ins Krankenhaus gegangen, beinahe genauso viele haben Anzeige erstattet. Das geht aus einer Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage des Freisinger Landtagsabgeordneten Benno Zierer (Freie Wähler) hervor. Inwieweit tatsächlich ein Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und den Geräten besteht, wird weiter untersucht. Als sich im Oktober 150 Mitarbeiter krank gemeldet haben, hielt ein Sprecher der Gewerkschaft Verdi die Vorgänge um die neuen Detektoren für "immer dubioser".

Die Dekra hatte zumindest bei zwei "Sniffern" die Ausdünstung von flüchtigen, organischen Verbindungen und Formaldehyd festgestellt. Von einem Weiterbetrieb wurde dringend abgeraten. Darauf wurden vorsichtshalber alle 36 Geräte aus dem Verkehr gezogen. Die Süddeutsche weiß es genauer und weckt erste Zweifel: Die SGM zog den Sniffer aus dem Verkehr und ersetzte ihn durch ein anderes Gerät. Bei der Staatsanwaltschaft gingen Anzeigen gegen unbekannt wegen fahrlässiger Körperverletzung ein. Nach dem Gerätetausch hielten die Krankmeldungen an. Die SGM nahm die Ersatzgeräte außer Betrieb, immer noch meldeten sich Mitarbeiter dienstunfähig.

Anfang Dezember dann der Schock. Die Augsburger Allgemeine berichtete: «Die Grenz- und Richtwerte wurden eingehalten», sagte Hildegard Bäumler-Hösl von der Staatsanwaltschaft Landshut am Mittwoch. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten, das von der Behörde in Auftrag gegeben wurde. Es deckt sich mit einer Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Detektoren wurden bereits vergangene Woche wieder für den Betrieb freigegeben. Und der Bayerische Rundfunk fügt hinzu: Arbeitsmediziner des Münchner Universitätsklinikums schreiben in einer Stellungnahme, die dem BR vorliegt, dass die Krankheitssymptome auch psychosomatische Gründe haben könnten. Möglicherweise hätten Geruchsemissionen der neuen Geräte zu kurzfristigen Schleimhaut- und Atemwegsreizungen geführt. Die Mitarbeiter hätten immer mehr Angst bekommen, sich nicht ernst genommen gefühlt, und das habe die Beschwerden womöglich noch verschlimmert, so die Mediziner. Die Staatsanwaltschaft werde selbstverständlich weiter ermitteln und versuchen herauszufinden, "was tatsächlich Ursache der Beschwerden war".

Der Flughafen München im Erdinger Moos beschäftigt rd. 32'000 Mitarbeiter.

Die SGM ist im Besitz des Freistaats Bayern. Auskünfte über die Krankheitsfälle im Zusammenhang mit den Sprengstoffdetektoren darf die Gesellschaft nicht geben, hierfür zuständig ist das Luftamt Südbayern, das der Regierung von Oberbayern untersteht.

Möglicherweise ist Verdi der Infektionsherd, von dem ausgehend Mitarbeiter mehrerer Flughäfen angesteckt wurden, denn bereits Mitte Oktober stellte Verdi in Köln Strafanzeige wegen "verbrannt und nach Säure riechender" Detektoren. Auch Mitarbeiter des Flughafens Düsseldorf wurden infiziert.

Hintergrund
Funktionsdemonstration von Sprengstoffdetektoren
Sniffer am Flughafen: Stinkt, aber ist nicht giftig

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Phobie, Strafanzeige, Augsburg, Flughafen


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