Keine Sicherheitshinweise mehr bei neuen Smartphones (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 20.03.2015, 00:24 (vor 2814 Tagen)

Dr. Thomas Jung, Leiter des Fachbereichs Strahlenschutz und Gesundheit im BfS rät Eltern:

Wenn Sie oder Ihr Kind das Smartphone am Körper tragen, achten Sie auf den vom Hersteller angegebenen Mindestabstand. Verwenden Sie das dazu mitgelieferte Tragezubehör.

Tatsächlich war der Mindestabstand, mit dem ein Mobiltelefon am Körper zu tragen ist, vor ein paar Jahren ein großer Aufreger in der Anti-Mobilfunk-Szene, besonders in den USA. Auslöser waren Sicherheitshinweise in den Benutzerhandbüchern von Smartphones, die z.B. einen Mindestabstand von 1,5 cm zum Körper vorschrieben (Beispiel). Mobilfunkgegner witterten sofort die Gefahr, die Hersteller würden sich mit solchen unpraktischen Tipps aus der Produzentenhaftung stehlen wollen. Das IZgMF fragte 2-mal beim Mobile Manufactures Forum (MMF) nach einer Begründung für die Abstandsregel, 2-mal blieb jede Reaktion aus.

Inzwischen stellt sich der Sachstand jedoch anders dar, wie zwei Beispiele belegen.

Das jüngste Galaxy S III mini von Samsung ist das Modell GT-I8200N. Es kommt ohne "Tragezubehör" und das Handbuch verliert kein Wort mehr zu Sicherheitshinweisen, wie sie früher gang und gäbe waren. Ergo erfährt einer, der ein S III mini benutzt, nichts von einem Mindestabstand, den das Smartphone zum Körper haben muss. Wahrscheinlich hat dieses Modell keinen Mindestabstand.

Nicht anders sieht es bei dem Modell HTC one aus. Auch bei diesem beliebten Smartphone gibt es im Handbuch keinerlei Sicherheitshinweise mehr.

Der Tipp von Thomas Jung ist bei solchen Smartphones wertlos, weil irrelevant.

Was ist da los, wo sind die Sicherheitshinweise abgeblieben?

Aus meiner Sicht hat die hysterische Reaktion von Mobilfunkgegnern auf die Nennung von Mindestabständen die Gerätehersteller dazu gebracht, diese Hinweise bei neueren Modellen ersatzlos zu streichen. Aus gutem Grund, denn solche gut gemeinten vorsorglichen Sicherheitshinweise sind eher irritierend, denn nützlich. Als z.B. die Schweiz vor 15 Jahren ihre Anlagewerte für Sendemasten einführte (max. Feldstärke 10 % des bei uns zulässigen Werts) beruhigte dies die Bevölkerung nicht. Im Gegenteil: Subjektive Ängste gegenüber EMF wurden dadurch erst recht befeuert. Aus dieser Erfahrung heraus weigern sich alle großen Handyhersteller bis heute standhaft, den werbewirksamen "Blauen Engel" für strahlungsarme Mobiltelefone zu beantragen. Begründung: Das Umweltzeichen würde suggerieren, Modelle mit SAR-Werten >0,6 W/kg wären riskant. Dies sei aus Sicht der Hersteller jedoch nicht der Fall, auch Modelle mit dem Maximalwert 2 W/kg wären gesundheitlich unbedenklich.

Die Nennung des Mindestabstands geriet zur Notwendigkeit, als die Geräte zunehmend kleiner wurden und in Hemdentaschen, Hosentaschen und, ja auch das, BHs passten. Seither ist es möglich, dass die Rückseite der Geräte, dort wo die Antenne platziert ist, Körperkontakt hat. Früher konnte man ein Handy beim Telefonieren nicht "falsch" herum an den Kopf halten, in der Hosentasche getragen und mit einer Freisprecheinrichtung versehen, kann die Antenne jedoch so nahe an den Körper kommen, dass bei schlechter Verbindung (hohe Sendeleistung) der max. zulässige SAR-Wert überschritten wird. Der Tipp von Herrn Jung bezieht sich auf solche (ältere) Smartphones, bei denen die Hersteller die neuen Gebrauchspositionen ihrer Produkte dicht am Körper noch nicht in letzter Konsequenz akzeptiert hatten. Hinweise in Handbüchern und Abstandshalter (Tragezubehör) sollten retten, was zu retten war.

Wenn bei neueren Geräten nun weder Sicherheitshinweise noch Abstandshalter zu erkennen sind, müssen die Hersteller das Problem anderweitig gelöst haben. Zum Beispiel durch Verlagern der Antenne in die Mitte zwischen Vorder- und Rückseite, so dass es egal ist, wie herum das Telefon in der Hose getragen wird. Auch der Verzicht auf hohe Sendeleistungsstufen wäre ein probates Mittel, den SAR-Wert zu bändigen. Der damit einhergehende Reichweiteverlust wird durch die fortschreitende Netzverdichtung wettgemacht, bleibt also ohne negative Folgen.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Wissenschaftler, BfS, Netzverdichtung, BH, Smartphone, Jung, Hosentasche


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